ZDF-Doku über Russland

Matthias Fornoff: „Die WM findet in einem erstaunlich zufriedenen Land statt“

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Matthias Fornoff in Moskau, das sich für die WM herausgeputzt hat.

Das in westlichen Medien verbreitete Russlandbild ist nicht wirklich zutreffend - sagt ZDF-Politjournalist Matthias Fornoff. Auf einer zweiwöchigen Reise durchs WM-Gastgeberland fand er Erstaunliches.

Matthias Fornoff, den man als Nachrichtenmann des „heute journals“ kennt, ist seit 2014 Leiter der Hauptredaktion „Politik und Zeitgeschehen“ beim ZDF. Kurz für Anpfiff der Fußball-WM reiste der 54-Jährige zwei Wochen durch Russland, um die Realität des WM-Gastgebers abseits der üppigen Klischees zu untersuchen. Fornoffs 45 Minuten langer Film „Russlands Geheimnisse“, zu sehen am Abend nach dem ersten Auftritt der deutschen Elf gegen Mexiko (Sonntag, 17. Juni, 22.30 Uhr), berichtet von überraschend verbreitetem Wohlstand, russischen Cowboys, Schamanen und einer erstaunlich großen Zustimmung der Russen für Vladimir Putin.

nordbuzz: Sie kommen gerade von einer zweiwöchigen Reise nach Russland zurück. Welcher Eindruck ist hängengeblieben?

Matthias Fornoff: Ein sehr positiver, was mich selbst überraschte. Ich war das erste Mal vor 32 Jahren in diesem Land, das damals noch die Sowjetunion war. Wenn man diese beiden Eindrücke vergleicht, ist es ein Unterschied wie Tag und Nacht.

nordbuzz: Was ist so positiv?

Fornoff: Russland ist ein Land im Aufbruch. Die Leute sind ehrgeizig. Man sieht, dass es vielen Menschen gut geht. Sehr viel besser als jemals zuvor. Es hat sich eine breite Mittelschicht gebildet. Das merkt man auch in anderen Ländern, wenn man in den Urlaub fährt. Es sind nicht nur Oligarchen, die da aus Russland kommen. Man kann dort heute auch mit ehrlicher Arbeit gutes Geld verdienen.

nordbuzz: Woran machen Sie den Wohlstand fest?

Fornoff: An der Kleidung, den Autos. Wenn man heute durch die Zentren von Moskau oder St. Petersburg läuft, hat man fast das Gefühl, in einer westlichen Metropole zu sein. Der Wohlstand drückt sich auch in einem anderen Selbstwertgefühl aus.

nordbuzz: In Deutschland kann man sich den Erfolg des autoritären Putins manchmal nur schwer erklären. Fußt er auf diesem Wohlstand?

Fornoff: Er ist der wichtigste Faktor. Putin ist faktisch seit 18 Jahren Machthaber. In dieser Zeit geschah das, was ich gerade beschrieben habe. Russland funktioniert wie jedes andere Land auf der Welt. Wenn es wirtschaftlich für eine Mehrheit gut läuft, ist man den Machthabern wohlgesonnen. Selbst wenn keine wirkliche Demokratie herrscht.

nordbuzz: Sind wir Deutschen zu streng in der Bewertung Russlands?

Fornoff: Es ist richtig, wenn man Ungerechtigkeit und Verbrechen anprangert. Dennoch müssen wir uns daran erinnern, dass es in Russland nie eine demokratische Tradition gab. Da ist ein riesiges Land, das immer autoritär regiert wurde. Erst vom Zaren, dann von sozialistischen Machthabern. Natürlich wird die Opposition in Russland unterdrückt. Natürlich wird viel gelogen - sowohl in der Politik wie auch im Sport. Ich erinnere nur an das Thema Doping. Trotzdem können wir Deutschen uns manchmal nur schwer in die russische Sichtweise hineinversetzen.

nordbuzz: Haben Sie ein Beispiel?

Fornoff: Zum Beispiel das Thema Krim. Sie werden in Russland so gut wie niemanden finden, der die Annexion verurteilt. Die Krim ist russisch! Das sehen alle so. Über andere Dinge, auch über die Ost-Ukraine, kann man diskutieren. Über die Krim nicht.

nordbuzz: Sie empfinden Russland also politisch weit weniger gespalten, zum Beispiel in Bezug auf Putin, als in westlichen Medien manchmal der Eindruck erweckt wird?

Fornoff: Das Land ist zwar gespalten, aber die Mehrheiten sind klar (lacht). Wenn es eine freie, demokratische Wahl gäbe, hätte Putin wohl trotzdem große Siegchancen. Natürlich gibt es eine dünne Schicht an Intellektuellen, die es in Russland aber immer gab, die das Wirken Putins sehr kritisch sieht. Er ist mit 77 Prozent wiedergewählt worden. Okay, es gab keinen starken Gegenkandidaten. Trotzdem sagt dieses Ergebnis etwas über die Stimmung im Land aus.

nordbuzz: Dass Putin den starken Mann markiert, das gefällt auch?

Fornoff: Es ist auf jeden Fall ein zweiter, wichtiger Aspekt seines Erfolges. Russland ist in den 90-ern zerfallen. Zuvor war man vor allem stolz auf die militärische Macht des Landes. Putin hat nicht nur Wohlstand gebracht, sondern auch eine Idee von „wir sind wieder wer“ auf der Welt vermittelt. Das wird von einer breiten Mehrheit als richtig empfunden.

nordbuzz: Was werden Sie in Ihrem Film über Russland zeigen?

Fornoff: Wir suchten ein Russland abseits der Klischees. Wir waren zum Beispiel ganz im Westen des Landes, in der Nähe von Bryansk an der Weißrussischen Grenze. Dort gibt es mittlerweile riesige Herden mit Black Angus-Rindern und russische Cowboys, die sie bändigen. Ein Unternehmer begann damit vor acht Jahren und ist wahnsinnig erfolgreich damit. Das ganze Knowhow wurde aus Texas und Arizona importiert. Mittlerweile ist man aber autark und macht alles selbst. Früher gab es kein Black Angus-Steak in Russland. Auch heute ist es nicht gerade billig, sich eines im Restaurant zu bestellen. Dennoch gibt es einen großen, wachsenden Markt dafür. Es sagt viel über die Entwicklung des Landes aus.

nordbuzz: Welche anderen, überraschenden Dinge fanden Sie?

Fornoff: Dass es sehr viel mehr Frauen in Führungspositionen gibt als in Deutschland. Etwa dreimal so viele. Eine davon porträtieren wir im Film. Sie ist die Königin der Fitnessstudios. Insgesamt 80 Studios im höherpreisigen Segment sind ihr Eigen. Auch das sagt etwas aus, denn es gibt immer mehr Leute, die sich eine Mitgliedschaft in solchen Studios leisten können.

nordbuzz: Hat die starke Rolle der Frau mit der sozialistischen Geschichte des Landes zu tun?

Fornoff: Da bin ich mir nicht so sicher. Die Frauen sind „tough“, weil sie das in Russland immer sein mussten. Viele sind allein erziehende Mütter. Schon zu Sowjetzeiten war es so, dass viele Männer ein Kind zeugten und sich danach aus dem Staub machten. Hinzukommt, dass es aufgrund des hohen Wodkakonsums immer viel häusliche Gewalt gab. Ich porträtiere eine Tattoo-Künstlerin, die Frauen kostenlos ihre Narben bedeckt, die sie durch diese Form von Gewalt bekommen haben.

nordbuzz: Frauen hatten im Sozialismus also nicht unbedingt Privilegien, sondern sie mussten arbeiten und dazu noch private Lasten und Ungerechtigkeiten ertragen ...

Fornoff: Die Russen hatte ja früher ein Wahnsinns-Vergütungssystem. Da verdiente ein Busfahrer mehr als ein Arzt. Deshalb waren auch die meisten Busfahrer männlich - und die Ärzte weiblich. Ich finde, man kann schon sagen, dass die Frauen im Sozialismus benachteiligt waren. Die Männer haben gesoffen, die Frauen mussten funktionieren. Leider war auch das früher ein Stück russische Realität.

nordbuzz: Es hat nicht alles geklappt auf Ihrer Reise. Sie planten, das Naturvolk der Mari zu besuchen, das nördlich der Wolga lebt.

Fornoff: Ja, das haben wir gelassen, weil die Leute letztendlich kaum etwas vor der Kamera zeigen wollten. Es ging uns darum, unbekannte Seiten Russlands zu zeigen. Stattdessen trafen wir einen Schamanen in der Nähe von Moskau, wo der Mann eine besondere Energie ausgemacht hat. Schamanismus, der ja von den Indianern kommt und in Amerika sehr stark ist, war in der Sowjetunion verboten, existierte aber im Untergrund. Jetzt ist er wieder erlaubt. Schamanen sind in Russland durchaus einflussreich. Viel etablierter als bei uns. Es gibt Ecken in Russland, vor allem auf dem Land, da praktizieren mehr Schamanen als Ärzte.

nordbuzz: Nun läuft Ihr Film am Abend eines deutschen WM-Spiels im ZDF. Haben Sie das WM-Fieber in Russland untersucht? Gibt es das überhaupt schon?

Fornoff: Wir haben nicht gesucht, sind aber auch nicht darauf gestoßen. In Moskau oder St. Petersburg wirkten die Leute noch relativ entspannt. Es war ja aber noch etwas hin bis zum ersten Spiel. Ich denke, viel wird davon abhängen, wie gut die russische Mannschaft „performt“. Sollte sie in der Vorrunde ausscheiden, würde das die Stimmung in Bezug auf die WM nicht verbessern. Ziel des Films war es jedoch nicht, etwas über Fußball in Russland zu erzählen. Dafür reisen ja eine Menge Kollegen vom Sport an, die über dieses Thema üppig berichten.

nordbuzz: Ihr Russlandbild ist nach dieser Reise überraschend positiv. Gab es gar nichts, das Sie genervt hat?

Fornoff: Ja, der Stau in Moskau. Der ist wirklich furchtbar. Wir saßen Stunden über Stunden im stehenden Wagen, weil wir unser Equipment nicht in der U-Bahn transportieren konnten. Ansonsten war ich echt baff. Ich hätte nicht gedacht, dass dieses Land wirtschaftlich schon so weit ist. Ich war die letzten 32 Jahre vielleicht fünf- oder sechsmal in Russland. Das heutige Land ist selbst mit dem von vor zehn Jahren nicht mehr zu vergleichen. Die WM findet in einem selbstbewussten und erstaunlich zufriedenen Land statt.

teleschau

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