Verwirrend und dennoch lohnend

„Der Rote Schatten“: So war der Tatort aus Stuttgart

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Ist der ehemalige V-Mann Wilhelm Jordan (Hannes Jaenicke) ein Mörder? Und: Was hat er mit dem Tod von Baader, Ensslin und Raspe zu tun?

Vergangenheitsbewältigung im Ländle: Der Stuttgarter Tatort „Der Rote Schatten“ weckte die Geister toter RAF-Terroristen. Die Kritik zum Film.

Kommissar Lannert erinnert sich an seine Begegnung mit Gudrun Ensslin, während in Stuttgart die RAF wiederauferstanden ist: Starregisseur Dominik Graf inszenierte einen fesselnden, aber auch äußerst komplexen „Tatort“, der tief hineinführte in die deutsche Vergangenheit, genauer gesagt in den sogenannten „Deutschen Herbst“. Etwas ratlos blieb man als Zuschauer allerdings zurück.

Worum ging's?

Gute Frage. Denn der Stuttgarter „Tatort“ war tatsächlich ziemlich verwirrend. Da wurden mehrere Handlungs- und Zeitebenen so munter durcheinandergemischt, dass man schon mal den Überblick verlieren konnte. Zunächst hatten Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) lediglich den Diebstahl einer Leiche aufzuklären. Schon bald aber mussten sich die Kommissare mit der deutschen RAF-Vergangenheit herumschlagen. Denn der Ex-Mann der Verstorbenen glaubte, dass deren neuer Liebhaber Wilhelm Jordan (Hannes Jaenicke) seine Frau ermordet hatte. Und dieser Wilhelm Jordan war einst tatsächlich als V-Mann mittendrin im RAF-Terror. Wurde er deswegen vom Staat geschützt?

Ergab die Story Sinn?

Virtuos, aber auch hochgradig verwirrend, vermischte Star-Regisseur Dominik Graf („Im Angesicht des Verbrechens“) „Tatort“-Fiktion mit deutscher Geschichte und tatsächlich kursierenden Verschwörungstheorien. War Jordan gar jener (fiktive) Holger Stängl, der damals die Waffen in die Zellen der Terroristen schmuggelte, um den Staat vor dem Verdacht zu schützen, er habe die RAFler getötet? Man musste schon sehr genau aufpassen, um hier noch mitzukommen. Dann aber wurde man mit einer intelligenten Story belohnt.

Was sind die geschichtlichen Hintergründe des Films?

Vor 40 Jahren, im Oktober 1977, erreichte der Terror der RAF im „Deutschen Herbst“ seinen Höhepunkt. RAF-Terroristen entführten im September Arbeitgeberpräsident Schleyer, um inhaftierte Gesinnungsgenossen freizupressen. Da die Bundesregierung unter Kanzler Schmidt auf die Forderungen nicht einging, entführten palästinensische Terroristen, die mit der RAF verbündet waren, die Lufthansa-Maschine „Landshut“. In Mogadischu konnten schließlich sämtliche Geiseln aus der „Landshut“ befreit werden, die Entführer kamen ums Leben. Am Tag darauf wurde die Leiche von Hanns Martin Schleyer aufgefunden.

Wie waren die Ermittler in Form?

Star des „Tatorts“ war eindeutig Thorsten Lannert, der ältere des Ermittler-Duos. Er kannte sich bestens aus mit der Geschichte der RAF und verriet sogar, wie er einst in einer WG Gudrun Ensslin begegnet war. „Wir haben den Hunger in Afrika gesehen“, erzählte Lannert seinem Kollegen, „uns war sofort klar: So darf die Welt nicht sein.“ Bootz hatte allerdings auch seinen großen Auftritt, aus dem er sogar mit einer veritablen Verletzung wieder herauskam.

Worüber wird zu reden sein?

Im Film wird mehrmals die These aufgestellt, V-Mann Wilhelm Jordan sei in den Tod der RAF-Terroristen Baader, Ensslin und Raspe verwickelt. Zwar ist Jordan eine rein fiktive Figur, die Hintergründe des Todes der drei Terroristen geben aber noch heute Anlass für Spekulationen.

Was hat es mit der Mord-Theorie auf sich?

In der Nacht zum 18. November 1977, unmittelbar nach der Befreiung der „Landshut“-Geiseln, kamen in der Justizvollzugsanstalt Stammheim die drei RAF-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe ums Leben. Raspe und Baader erschossen sich, Ensslin wurde erhängt aufgefunden. Die Tatwaffen wurden von den Rechtsanwälten der Terroristen in die Gefängniszellen eingeschmuggelt, durch ein illegal installiertes Kommunikationssystem konnten sich die RAFler zum gemeinsamen Selbstmord verabreden. So zumindest sieht das die offizielle Geschichtsschreibung. Manche Zeitzeugen behaupten allerdings bis heute, dass Baader, Ensslin und Raspe „vom Staat“ ermordet wurden. Tatsächlich gibt es mehrere Anhaltspunkte, die diese Theorie stützen. So kam etwa ein Gutachter des Bundeskriminalamtes zu dem Schluss, dass Baader wahrscheinlich von einer anderen Person erschossen wurde. Eine weitere Theorie besagt, dass es sich zwar um Selbstmord handelte, dass aber der Staat dies hätte verhindern können, aber nicht wollte.

Wie gut war der „Tatort“?

„Der rote Schatten“ war mehr als bloßer Geschichtsunterricht. Dominik Graf inszenierte einen bis zum Ende spannender „Tatort“, mit wohldosierter Action und einem überraschenden, doppeldeutigen Schluss. Nur etwas weniger kompliziert hätte das Ganze dann doch sein dürfen. Wir vergeben die Schulnote 2.

teleschau

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