Der Fußball-Talk bei Sport1: 1.000. Sendung

Das Ritual am Sonntagmorgen: Der „Doppelpass“ feiert Jubiläum

Seit 2015 führt der ehemalige Nationalspieler Thomas Helmer durch den „Doppelpass“.
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Seit 2015 führt der ehemalige Nationalspieler Thomas Helmer durch den „Doppelpass“.

Eine TV-Legende feiert Jubiläum. Am Sonntag, 15. März., 11 Uhr, steht die 1.000. Ausgabe des „Doppelpasses“ an. Vom Greenkeeper bsi zum Phrasenschwein - ein Blick zurück auf eine Erfolgsgeschichte.

So ein gepflegt ausgeführter Doppelpass verspricht Erfolg. Früher war das so - heute ist es nicht anders. Der Fußball mag sich verändert haben. Er ist schneller geworden, körperbetonter. Er wird vom Kommerz regiert und meistens auch entschieden. Und die Protagonisten auf dem Platz gerieren sich mehrheitlich mehr als Marke denn als Mensch. Aber diesen Doppelpass, den schätzen Spielen, Trainer und Fans noch immer. Als schön anzusehendes und zugleich probates gruppentaktisches Mittel, um zum Ziel zu kommen.

Es ist das erste Septemberwochenende 1995. St. Pauli holt einen Punkt in Leverkusen und springt auf Rang zwei der Tabelle. Uerdingen bezwingt, auch dank eines Tores von Erik Meijer, die Gäste aus Bremen und kann sich aus dem Tabellenkeller befreien. Und die Bayern gewinnen durch Treffer von Nerlinger und Ziege das Derby gegen 1860. Thomas Helmer spielte durch - und hat doch nicht den Hauch einer Erinnerung an diesen Tag. „Ich weiß nur noch, dass ich kein einziges Derby in meiner Karriere bei den Bayern verloren habe.“

Tags darauf, am Sonntagmorgen, um 11 Uhr, versuchte sich das damalige Deutsche Sportfernsehen, das DSF, das gerade einmal gut zwei Jahre bestand, an einem Experiment. Wenn schon alle Welt an den Stammtischen über Fußball redet, könnte man das doch auch im Fernsehen tun. Rudi Brückner, ehemals Chefredakteur des Senders, hieß als Moderator seine Gäste willkommen, darunter der Chefredakteur des Magazins „Kicker“, Rainer Holzschuh, der Journalist Wilfried Wittke, angekündigt als „verbal dribbelstark“, Wolfgang Golz von der „Sport Bild“ und Udo Lattek, „Deutschlands Fußball-Guru und der erfolgreichste Vereinstrainer der Welt“.

Fernsehen wie früher: Die Gäste dürfen ausreden

Es war die Sendung 1. Jetzt, knapp 25 Jahre später, steht die Sendung Nummer 1.000 an. Eintausend! Es gibt nicht viele TV-Formate mit einer vergleichbaren Historie, selbst beim traditionsbewussten Sport nicht. Am Sonntag, 15. März, wird im Hilton Hotel am Münchner Flughafen, das weiland das Kempinski war, dieses Jubiläum gebührend gefeiert. Mit Gästen von damals und heute.

Es wurde eine Erfolgsgeschichte. Die größte in der Historie des Spartensenders, der inzwischen Sport1 heißt. Nicht selten schauen eine Million Menschen am Sonntagmorgen zu, bisweilen sind es gar deutlich mehr. Dabei bedurfte es durchaus zu Beginn einiger Geduld. Es dauerte, bis sich der morgendliche Fußballtalk beim Fan etabliert hatte. Und ebenso, bis er die Anerkennung aus der Branche erhielt. Dabei erinnert sich Thomas Helmer, seit 2015 Moderator der Sendung, noch sehr gut daran, was die Spieler damals über solcherlei Gerede dachten: Das Urteil von Journalisten, die nie selbst hochklassig gespielt hatten, stieß nur bedingt auf Interesse. Helmer: „Damals wie heute gefällt es eben keinem Fußballer, wenn er kritisiert wird.“ Mancher antwortete auf seine Weise. Mario Basler, heute Experte bei Sport1, ließ sich als Aktiver am Sonntag gar mal in die Sendung schalten. „Und wir vom Team standen um ihn herum und feuerten ihn an.“

Heute wäre eine solche Aktion schlicht undenkbar. „Für uns ist es viel schwieriger als für die Journalisten früher, an die Jungs heranzukommen“, sagt Helmer. Irritationen zwischen Presse und Spielern sowie Offiziellen wurden einst auf dem kleinen Dienstweg beim Bier geklärt. Heute werden Print-Interviews allesamt gegengelesen, die Kicker sind geschult in Interviews, im Verborgenen findet kaum noch etwas statt.

Der „Doppelpass“ indes hat in der neuen Medienwelt keineswegs gelitten, auch wenn sich Fan-Deutschland noch immer auch an ihm abarbeitet. Es werde doch immer nur über die Bayern geredet, lautet ein viel geäußerter Vorwurf. Ein anderer: Es wird nicht über den Fußball selbst mit seinen taktischen Finessen gesprochen, sondern meistens vor allem über Personalien. Beides stimmt häufig. Aber dem „Doppelpass“ schadet es keineswegs. Er ist zum Ritual geworden. Inzwischen gar satte 150 Minuten lang. Was bedeutet: Er ist eine der letzten Talkshows im deutschen Fernsehen, in der die Gäste ausreden und Gedanken einmal ausformuliert werden dürfen. Ein Anachronismus eigentlich. Aber einer, den traditionsbewusste Fans eben genießen.

Drei Euro ins Phrasenschwein

Wobei: „Das Fernsehverhalten hat sich schon verändert“, glaubt Helmer. „Gut möglich, dass viele Zuschauer über diese lange Strecke nicht mehr konsequent am Ball bleiben. Sie hören zu und auch mal weg, je nachdem, ob sie ein Thema interessiert oder nicht.“ Dass die Quoten auch in einer neu geordneten Medienwelt weiterhin gut sind, hat zwei wesentliche Gründe. Zum einen die verlässliche Sendezeit. Sonntag, 11 Uhr - das passt bestens zum späten Frühstück oder zum Stammtisch, als der sich der „Doppelpass“ einst vor allem verstand. Zum anderen aber ist es die ungeheure Popularität, die sich der Talk in all den Jahren erworben hat. So gut wie jeder engagierte Fußballfan kennt die Sendung. Inklusive ihrer wahrscheinlich brillantesten Erfindung: dem „Phrasenschwein“. Wer stolz feststellt, dass „ein Spiel 90 Minuten dauert“ oder „sich über die Saison hinweg alles ausgleicht“, zahlt drei Euro, die am Ende der Saison an einen guten Zweck gehen.

Dabei ließ der Sender, trotz immer wieder wechselnder Verantwortlicher, im Umgang mit dem Format stets Vorsicht walten. Optische und inhaltliche Veränderungen wurden äußerst behutsam etabliert, sieht man einmal von einer recht radikalen Veränderung des „Studio-Looks“ vor einiger Zeit ab. 2017 wurde aus dem gemütlichen Stammtisch von einst eine Art Arena, was bis heute nicht jeder gut findet. In 25 Jahren gab es, von einigen Vertretungssendungen einmal abgesehen, gerade einmal drei Moderatoren. Rudi Brückner (1995 bis 2004) gilt als Mitbegründer, als Miterfinder des Formats. Nach neun Jahren schied er im Unfrieden, moderierte gar vergleichbare Talks bei der Konkurrenz. Doch inzwischen ist er zurück in der Sport1-Familie und regelmäßig auch bei anderen Sendungen wie dem „Fantalk“ zu Gast.

Er hatte den „Doppelpass“ weit konfrontativer angelegt, als er sich heute präsentiert. „Rudi hatte natürlich eine andere Art“, sagt Helmer, der sich bis heute immer wieder mit seinem Vor-Vorgänger Rudi Brückner austauscht. „Heute ist man vielleicht insgesamt ein bisschen vorsichtiger“, gesteht er. In Brückners Amtszeit fallen legendäre Auftritte wie der des inzwischen verstorbenen Robert Wieschemann, damals Aufsichtsratsvorsitzender des 1. FC Kaiserslautern, der sich mit etwas konfusen Statements („Wir haben Defizite im Durchblick“) um Kopf und Kragen redetet und daraufhin zurücktreten musste. Oder auch die Stellungnahme von Uli Hoeneß zu einem potenziellen neuen Engagement von Lothar Matthäus beim FC Bayern: „Solange Karl-Heinz Rummenigge und ich etwas beim FC Bayern zu sagen haben, wird er nicht einmal Greenkeeper im neuen Stadion.“

Brückners Erbe war 2004 Jörg Wontorra, ein Vollblut-Sportjournalist alter Schule, der stets intensiv seine eigenen Kontakte in die Branche zu nutzen verstand. Auch er geriet ein ums andere Mal, meist spielerisch, mit seinen Gästen aneinander, profitierte aber dabei auch von seinem Renommee. 2015 verabschiedete er sich, um Mitte 2017 mit „Wontorra - der Fußball-Talk“ bei Sky zur gleichen Sendezeit gegen seine ehemaligen Kollegen anzutreten. Es gelang nicht, die Sendung wurde zum Abschluss der Saison 2018/19 eingestellt.

Als Til Schweiger das Abseits abschaffen wollte

Thomas Helmer, schon seit Mitte der Nuller-Jahre vom Sender konsequent aufgebaut, stellt das Moderieren über das Polarisieren. „Ich bin sicher kein Vollblutjournalist“, räumt er lächelnd ein. „Ich habe das nicht gelernt, kam durch Zufall rein. Aber ich kenne eben beide Seiten, die des Journalisten und die des Sportlers.“ Wann ein „Doppelpass“ ein guter gewesen sei? Lächelnd verweist der 68-fache Nationalspieler auf seine jeher schärfste Kritikerin: „Sonntagabends telefoniere ich meistens mit meiner Mutter, die sich im Fußball bestens auskennt. Sie ist über 80, aber sie hat ein feines Gespür. Wenn sie sagt, es war gut, dann war es das in der Regel auch.“ Was meint: „Sie will nicht nur informiert, sondern auch gut unterhalten werden.“

Verantwortlich dafür sind weniger der Moderator denn vielmehr die Gäste und die Experten. Dem legendären Udo Lattek, der einst mit Standing Ovations und Tränen verabschiedet wurden („ob ich hier sitze oder nicht, es wird immer weitergehen“), folgten unter anderem Thomas Strunz und jetzt im Wechsel Reinhold Beckmann, Marcel Reif und Stefan Effenberg. Gern gesehene Gäste aus der Branche sind all jene, die nicht nur meinungsstark, sondern eben auch unterhaltend sind. Max Eberl, Rudi Völler und Felix Magath gehören dazu. Äußerst rar machen sich seit jeher Vertreter des FC Bayern, die den Talk derweil natürlich trotzdem verfolgen, wie sich zweimal zeigte, als sich Uli Hoeneß live in die Sendung schalten ließ. Jene Momente, in denen die Sendungsverantwortlichen vor Glück jubilieren.

Wen sich Helmer für die Zukunft wünscht? Vor allem erhofft sich der 54-Jährige einen höheren Frauenanteil unter den Gästen. Fußball-Journalistinnen gibt es noch immer nicht so viele. Dazu auch mal Jogi Löw oder Jürgen Klopp. Und: Ab und an, so sagt er, tun auch Externe der Sendung gut. Harald Schmidt war schon da, Oliver Pocher und Matze Knop gehören zu den regelmäßigen Gästen. Ein Höhepunkt auch: Til Schweiger. „Der wollte gleich mal das Abseits abschaffen.“

Wie es um die Zukunft des „Doppelpasses“ bestellt ist, das entscheiden die Zuschauer. Und womöglich auch die DFL. Die Übertragungsrechte der Bundesliga wurden neu ausgeschrieben. Noch bis zum Ende der kommenden Saison hat Sport1 demnach das Recht, bewegte Bilder aus der ersten Liga am Sonntagmorgen zu zeigen. Sollte das nach der Neuvergabe nicht mehr so sein, könnte das Format auf dem Prüfstand stehen. Klappt der „Doppelpass“ auch ohne „echte Tore“? Themen darüber hinaus gibt es genug. Nur: Über den Videobeweis ließe sich ohne Bewegtbild sicher nicht mehr so trefflich streiten. Die meisten Fans würden das wohl klaglos hinnehmen.

Was zum Jubiläum geplant ist

Die Jubiläumsausgabe der Sendung wird eine besondere sein. Als Gäste stehen Rudi Völler sowie die beiden SPORT1-Experten Stefan Effenberg und Marcel Reif fest.

Zudem werden in einem Teil der Sendung die Journalisten vertreten sein, die auch bei der Premiere dabei waren: Rainer Holzschuh, Wolfgang Golz sowie der damalige Moderator Rudi Brückner. Statt der üblichen zweieinhalb Stunden wird die 1.000 Ausgabe ganze drei Stunden dauern. Es moderiert wie üblich Thomas Helmer, Co-Moderatorin wird Laura Papendick sein.

teleschau

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