„Wenn die Welt gegen einen ist, braucht man Humor“

Regisseur Sameh Zoabi im Interview

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Sameh Zoabi gilt als einer der wichtigsten palästinensischen Filmemacher der Gegenwart. Nun kommt sein neuer Film „Tel Aviv on Fire“ in die deutschen Kinos.

Im Interview spricht Regisseur Sameh Zoabi über seinen neuen Film „Tel Aviv on Fire“, über seine Jugend als Palästinenser in Israel und über das Leben mit dem Nahostkonflikt.

Ein Palästinenser, der als Autor für eine Seifenoper arbeitet, und ein israelischer Kommandant, der seine ganz eigene Agenda verfolgt: In seiner Komödie „Tel Aviv on Fire“ (Kinostart: 4. Juli) erzählt der palästinensische Regisseur Sameh Zoabi vom Nahostkonflikt, aber ohne erhobenen Zeigefinger und politische Agenda. Vielmehr blickt er auf die Menschen auf beiden Seiten der Grenze - Menschen mit scheinbar alltäglichen Problemen. Im Interview spricht Zoabi über sein Leben zwischen Israel und Palästina und über Humor als Rettung in einer verrückten Welt.

nordbuzz: Sameh Zoabi, Sie wuchsen als Palästinenser in Israel auf ...

Sameh Zoabi: Das stimmt. Ich wuchs in meinem palästinensischen Dorf in der Nähe von Nazareth auf, das aber innerhalb Israels liegt, sodass ich auch die israelische Staatsbürgerschaft besitze. Wir hatten mit den Israelis aber nicht viel zu tun, da jede Gemeinschaft für sich blieb. Erst als ich mit der Schule fertig war und studieren wollte, kam ich nach Tel Aviv. Ich studierte Film und lernte hier erstmals Israelis richtig kennen.

nordbuzz: Wie war das für Sie?

Zoabi: Beim Studium war ich der einzige Palästinenser in der Klasse. Das war eine ungewöhnliche Erfahrung. Damals begann ich, meine eigenen Gefühlswelten mit den Möglichkeiten des Kinos auszuloten. Ich schaffte es schließlich, ein Stipendium für die Columbia University zu ergattern, und das eröffnete mir eine ganz neue Welt. Dort war ich von Menschen aus allen Teilen der Welt umgeben. Ich entwickelte hier erstmals das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein. Später begann ich, Filme zu drehen, und lebte in New York, Frankreich und Palästina.

nordbuzz: „Tel Aviv on Fire“ ist ein sehr politischer Film. Sind Sie ein politischer Mensch?

Zoabi: Nein, eigentlich nicht. (lacht) Ich bin in Politik nicht so involviert, aber ich drücke meine Gefühle und Gedanken mit Filmen aus. Meine Filme sind politisch, im wahren Leben bin ich es aber eigentlich nicht. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie an einer Wahl teilgenommen.

„Jeder will einfach nur ein normales Leben“

nordbuzz: Ihr vorheriger Film „Under the Same Sun“ befasste sich aber auch mit dem, was Palästinenser und Israelis den „Konflikt“ nennen.

Zoabi: Die meisten meiner Arbeiten haben mit dem Konflikt zu tun, aber ich nähere mich dem anders an, als man vielleicht erwarten würde. Ich interessiere mich nicht für die Geschichten, die man in den Nachrichten normalerweise hört, über leidende Palästinenser, die Besatzung oder Bombardierungen. Ich bin mehr an den Figuren interessiert. An den Menschen, die ihr normales Leben führen, das im Kino aber fast nie vorkommt. Die Situation zwischen Palästinensern und Israelis ist, wie sie ist. Und die Menschen müssen damit zurechtkommen. Aber damit akzeptieren beide Seiten auch, dass es immer Gewalt geben wird. Niemand spricht aber darüber, dass beide Seiten auf eine bessere Zukunft hoffen. Jeder will einfach nur ein normales Leben. Und darum geht es mir in meinen Filmen.

nordbuzz: Ihr Film funktioniert sicherlich auch für verschiedene Gruppen unterschiedlich. Israelis werden über Dinge lachen, die Palästinenser nicht lustig finden - und umgekehrt.

Zoabi: Wir haben den Film in Nazareth und Haifa gezeigt. Ich hatte mir zuvor Sorgen gemacht, dass das palästinensische Publikum den Film zu leichtherzig finden würde, aber die Reaktionen danach waren großartig, weil die Leute ihn als politisch erkannten - und darin eine Realität fanden, die viele andere Filme ausblenden. Das macht mich glücklich, weil es zeigt, dass ich auch in meiner Heimat Geschichten erzählen kann, die unterhalten, von denen man aber auch etwas lernen kann. Amerikanische und europäische Filme machen das ständig. Denken Sie nur an „Green Book“. Der Film war ein großer Erfolg, er ist lustig, aber er befasst sich mit Rassismus und erinnert die Menschen daran, wie es mal gewesen ist. Es gibt mir Hoffnung, dass wir solche Geschichten in Israel und Palästina auch erzählen können.

nordbuzz: Humor ist natürlich immer eine schwierige Sache.

Zoabi: Das stimmt. Vielleicht auch deswegen gibt es in meiner Heimat so wenige Komödien, die die Realität nicht ausblenden. Humor ist oftmals auch eine sehr lokale Angelegenheit. Ich habe aber nicht das Gefühl, dass mein Humor sehr regional ist, was vielleicht auch daran liegt, dass ich in Amerika und Europa gelebt habe. Als Filmemacher weiß man nie, ob man mit einer Komödie den Nerv getroffen hat. Aber bei der Vorführung zeigt es sich gleich. Bei einem Drama muss man bis zum Ende abwarten, um zu sehen, was die Leute denken, bei einer Komödie merkt man es gleich, wenn das Publikum lacht.

„Palästinenser sind sehr lustige Leute“

nordbuzz: Man hätte natürlich „Tel Aviv on Fire“ auch vollkommen ernst erzählen können.

Zoabi: Ja, darüber habe ich aber nie nachgedacht. Das ist einfach nicht mein Stil, ich mag Humor. Ich bin mit etwas groß geworden, das man als „Ghetto-Humor“ bezeichnen könnte. Wenn man das Gefühl hat, dass die Welt gegen einen ist und alles zerbricht, dann muss man das mit Humor nehmen, da man sonst nicht weitermachen könnte. Palästinenser sind sehr lustige Leute. Amüsant ist, dass ich häufig höre, mein Humor sei sehr jüdisch. Teil dieses Humors ist es, sich umzingelt zu fühlen. Das ist dasselbe Gefühl, das Palästinenser haben. Jüdische Filmemacher transportieren oft diesen Humor, dass die Welt und die Realität sich gegen einen verschwören. Es ist wichtig, als Palästinenser Humor im Alltag zu finden, weil das Leben sonst einfach zu traurig wäre.

nordbuzz: Die Seifenoper, um die es in „Tel Aviv on Fire“ geht, erzählt von einer palästinensisch-israelischen Liebe. Ist das möglich?

Zoabi: Die Realität müsste sich dafür verändern. Das Osloer Friedensabkommen hätte die Menschen zusammenbringen sollen, doch das Gegenteil war der Fall. Seit 20 Jahren dominiert die politische Rechte, und seitdem hat sich nichts getan. Palästinenser treffen nicht auf Israelis, sie sehen nur Soldaten. Denn sie können nicht in die jüdischen Gebiete. Israelis hingegen verbringen ihren Militärdienst an der Grenze, was für sie die einzige Gelegenheit ist, dass sie Palästinenser treffen. Danach kehrt jeder wieder in seine Welt zurück. Es gibt kein Zusammenleben. Sogar die Kontrollposten und die Mauer wurden erst durch dieses Abkommen möglich.

nordbuzz: Wie geht es weiter?

Zoabi: Die Realität ist: Es geht nicht mehr darum, die Situation zu lösen, sondern sie zu verwalten. Weder die israelische Regierung noch die PLO haben einen Grund, etwas zu ändern. Also bewahren sie den Status Quo. Jeder lebt in seiner eigenen Blase, und niemand lernt so die andere Seite kennen. Die Menschen lassen sich so leichter kontrollieren, weil jeder mit sich selbst beschäftigt ist. Würde es Gelegenheiten geben, dass Israelis und Palästinenser sich auf Augenhöhe begegnen und sich vielleicht sogar mögen, würde das so manches Weltbild zerschlagen.

teleschau

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