Die Deutsche Fernsehlotterie feiert einen stillen 60. Geburtstag (Jubiläumsziehung: So., 01.05., 20.15 Uhr, ARD)

Ein Plätzchen im Schatten

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Verschiedenste Promis, unter anderem Heino (unten rechts), warben im Fernsehen mit einem Fünf-Mark-Stück für ein Los der Fernsehlotterie.

Die altehrwürdige Fernsehlotterie wird 60 Jahre alt - Zeit für die Rente?

Stichtag ist der 28. April: An diesem Tag wird die Deutsche Fernsehlotterie 60 Jahre alt. Ein Alter, in dem der fleißige Deutsche meist damit beschäftigt ist, sich auf seine wohlverdiente Rente zu freuen. Und ein bisschen, scheint's, geht es dieser altehrwürdigen TV-Institution ähnlich. Nachdem vor zehn Jahren noch eine große Gala zur besten Sendezeit mit Frank Elstner als Moderator zelebriert wurde, sind zum 60. Geburtstag der Fernsehlotterie am Sonntag, 1. Mai, 18.44 Uhr, nur rund fünf Minuten Jubiläums-Ziehung im Ersten geplant. Immerhin mit "Lindenstraßen"-Star Marie-Luise Marjan als Glücksfee. Dennoch: Die Indizien mehren sich, dass die einstige Institution, zumindest was die Bildschirmpräsenz angeht, im Verschwinden begriffen ist. Während vor Jahrzehnten ganze Generationen mit dem Slogan "Mit fünf Mark sind Sie dabei!" aufwuchsen, wundern sich heutige Jugendliche wohl eher, warum so etwas überhaupt im Fernsehen läuft.

Während der Blockade Berlins durch die Rote Armee brachten die sogenannten Rosinenbomber nicht nur Nahrungsmittel in den abgeriegelten Stadtteil, sondern ab 1948 auch über 16.000 "Berliner Ferienkinder", unter ihnen Frank Elstner, in den Westen und verhalfen ihnen so zu "einem Platz an der Sonne". Ab 1956 konnten die Deutschen das Projekt unterstützen, indem sie ein Los der Deutschen Fernsehlotterie erwarben. Sie selbst hatten dadurch die Chance, einen schicken Maßanzug, 100 Pfund Bohnenkaffee, 150 Zentner Ruhrkohle oder einen VW-Export (aber nur für einen Monat!) zu bekommen. Ob sie gewonnen hatten, konnten sie im Fernsehen verfolgen: bei der ersten Ziehungssendung "Ferienplätze für Berliner Kinder" am 28. April 1956. Wahrscheinlich versammelten sich ganze Nachbarschaftsgemeinden um die insgesamt knapp 400.000 Fernseher, die damals erst in Betrieb waren.

Diese Zusammenarbeit einer Hilfsorganisation mit dem noch jungen Medium Fernsehen hatte Jochen Richert initiiert. Als Pressereferent des Hilfswerks Berlin erfand er außerdem den Slogan "Mit Fünf Mark sind Sie dabei!". Generationen wuchsen damit auf, dass zahlreiche Prominente, die das deutsche Fernsehen im Laufe der Jahrzehnte hervorbrachte, den Satz in verschiedenen TV-Spots wiederholten: Theo Lingen, Rudi Carrell, Heidi Kabel, Paola und Kurt Felix oder Franz Beckenbauer hielten dazu ein Fünf-Mark-Stück in die Kamera. Die fünf Mark wurden schließlich zu fünf Euro, das Konzept ist bis heute im Groben gleichgeblieben. Insgesamt nahm die Fernsehlotterie im Lauf der Zeit rund 1,75 Milliarden Euro ein und unterstützte damit über 7.500 soziale Einrichtungen in Deutschland. 2015 leitete die Fernsehlotterie rund 44 Millionen Euro an 234 Einrichtungen weiter.

Seit 1979 verbergen sich hinter den richtigen Losnummern auch Geldpreise: von der lebenslänglichen Sofortrente von 5.000 Euro bis zur Million. Bis 1989 begleitete jährlich ein Lied die Lotterie, mit dem die Schlagerstars der Zeit das Motto aufgriffen. Dreimal interpretierte Udo Jürgens den Lotterie-Hit, 1999 belebte Roland Kaiser die Tradition wieder mit "Ganz weit vorn". Max Schautzer moderierte die Fernsehlotterie bis 1996. Ingo Dubinski löste ihn ab und präsentierte bis 2002 die monatliche Unterhaltungssendung mit Hitparade. Danach erhielt das Wohltätigkeits-Glücksspiel seinen ursprünglichen Namen zurück und wurde Frank Elstner als "Botschafter der guten Taten" übergeben. 2012 gab es nochmals eine Umbenennung in die "Deutsche Fernsehlotterie". Der neue Slogan "macht mehr als glücklich" sollte den karitativen Zweck noch mehr unterstreichen.

2011 verdunkelten sich allerdings die Wolken über dem "Platz an der Sonne". Nachdem die nach schwerer Erkrankung zurückgekehrte Journalistin und Fernsehmoderatorin Monica Lierhaus zur Botschafterin der Fernsehlotterie ernannt wurde, veröffentlichte der "Spiegel" das stattliche Honorar der einstigen "Sportschau"-Frau. Die öffentliche Empörung über die kolportierte Summe führte zu zahlreichen Abonnement-Kündigungen. Im Oktober 2013 wurde schließlich bekannt gegeben, dass der Vertrag mit Lierhaus nicht mehr verlängert würde und ab Januar 2014 keine prominenten Botschafter mehr in der Fernsehlotterie auftreten.

Nach so viel prominenter Beteiligung in der langjährigen Geschichte der Fernsehlotterie wirkt die Aufstellung der Jubiläums-Ziehung am 28. April doch recht dünn. Marie-Luise Marjan, Mutter Beimer aus der "Lindenstraße", wird die Gewinner verkünden, und auch Christian Kipper, Geschäftsführer der Fernsehlotterie, ist mit dabei. Das war es dann aber auch bereits an Feierlichkeit. Die Fernsehlotterie mag mit ihren Losen zwar weiterhin erfolgreich sein, im Fernsehen ist ihre Zukunft hingegen ungewiss, wenngleich sie das Medium weiterhin im Titel führt. Wer weiß, ob der 70. Geburtstag in zehn Jahren überhaupt noch gefeiert wird, oder ob der "Platz an der Sonne" dann nicht längst im medialen Kernschatten liegt.

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