Auf einem echten Kreuzfahrtschiff entstand der RTL-Film nach einem Thriller von Sebastian Fitzek

„Passagier 23“: An Bord des Albtraumschiffs

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Und Action: In 31 Drehtagen entstand „Passagier 23“ an Bord eines echten Kreuzfahrschiffes.

Drehen, wo andere Urlaub machen: Zu Besuch am spektakulären Set von der Sebastian-Fitzek-Verfilmung „Passagier 23“.

Auf Deck elf ist die Raubtierfütterung in vollem Gange. Plastikteller werden vollgeladen, Bier fließt, Bäuche wachsen. Nur schnell jetzt, es könnte ja bald nichts mehr da sein! Ein paar Meter weiter braten Touristen in der Mittelmeersonne, Kleinkinder pinkeln in den Pool. Tief unten, im Bauch dieses Kreuzfahrtschiffes und den Blicken der zahlenden Gäste entzogen, herrscht derweil hektisches Treiben. Wäsche wird gereinigt, Geschirr gespült, Diesel verfeuert. Irgendwo dazwischen, im Ankerraum der „Sirius“, geht es um Leben und Tod. Eine Frau wird vermisst, wahrscheinlich wurde sie entführt. Wird sie hier, zwischen tonnenschweren Ketten und Tauen, gefangengehalten?

Die „Sirius“ heißt in Wirklichkeit anders. Der echte Name dieses Kreuzfahrtschiffes, das einer südeuropäischen Reederei gehört, darf nicht verraten werden. Kein Wunder: Der Film, den RTL hier im Frühjahr drehen ließ, wirft kein gutes Licht auf die Kreuzfahrtindustrie. „Passagier 23 - Verschwunden auf Hoher See“ (Donnerstag, 13. Dezember, 20.15 Uhr) heißt der Thriller, und genau darum geht es: 23 Passagiere, so erzählt es Sebastian Fitzek in seiner Romanvorlage, verschwinden jedes Jahr von Bord eines Kreuzfahrtschiffes. Keine gute Werbung für eine Industrie, die sorgenlosen Spaß verspricht.

Wer zum Ankerraum möchte, betritt jene Bereiche des Schiffs, die für normale Passagiere unzugänglich sind. Es geht durch lange, enge Gänge, durch Dutzende schwere Eisentüren, bis man plötzlich in einem archaisch anmutenden Raum steht, in dem dieser Vergnügungsdampfer tatsächlich noch wie ein Schiff wirkt. Es ist laut hier und kalt. Wer nicht aufpasst, stolpert leicht über eines der riesigen Taue, die so dick sind wie ein Unterarm. Regisseur Alexander Dierbach sitzt, orangefarbene Kopfhörer auf den Ohren und ein schwarzes Cap auf dem Kopf, hinter mehreren kleinen Monitoren und gibt Befehle.

Als die Klappe fällt, kommen Lucas Gregorowicz, Picco von Groote und Oliver Mommsen hektisch angestürmt. Gregorowicz, wie im ganzen Film im grauen Kapuzenpulli, wirkt erschöpft. Seit Tagen schon plagt ihn eine Erkältung; den nächsten Drehtag wird er im Bett verbringen. „Wir müssen da runter“, ruft er gegen das Tosen der Wellen an, das durch die offenen Schotten dringt. Aber dann ist es doch Picco von Groote, in dunkelblauer Uniform eindeutig als Schiffsärztin erkennbar, die „da runter“ steigt - in einen kleinen Schacht, wo sie die verschwundene Frau vermutet. Oliver Mommsen, in blütenweißer, frisch gebügelter Kapitänsuniform, stützt zusammen mit Lucas Gregorowicz die Abdeckung des Schachts. „Cut“, ruft Regisseur Dierbach, tritt zu seinen Schauspielern, gibt ein paar Anweisungen. Dann wird die Szene erneut gedreht.

„Auf einem echten Schiff zu drehen, ist viel besser, als nur Kulissen zur Verfügung zu haben“, erzählt Dierbach Stunden später, bei einem Bier in der Schiffsdisco. Spanische Touristen, viele von ihnen im fortgeschrittenen Alter, lassen hier zu „I Will Survive“ und anderen Discokrachern das Hüftgold wackeln. Diese Art zu produzieren, sei nicht nur günstiger, es sehe auch besser aus, sagt der Filmemacher. „Die Haptik, die Patina - alles wirkt nicht neu, sondern benutzt.“ Und dann schwärmt Dierbach von diesem Dröhnen, das man überall im Schiff hört, vor allem in den unteren Decks. „Das kann man so nicht im Studio erzeugen.“

Mehr als 30 Tage lässt RTL an Bord des Schiffes drehen, rund 45 Menschen sind dafür auf die „Sirius“ gekommen, erzählt Produzentin Barbara Thielen. Auch Autor Sebastian Fitzek fährt mit, für ein paar Tage zumindest. Er hat sich die Geschichte um Ermittler Martin Schwartz (Lucas Gregorowicz) ausgedacht, dessen Sohn und Frau einst auf einem Kreuzfahrtschiff verschwanden und der sich nun, während einer Atlantikpassage, neue Hinweise auf die Ereignisse von damals erhofft. „Ein Kreuzfahrtschiff ist der Ort fürs perfekte Verbrechen“, erzählt Fitzek in seiner gemütlichen Balkonkabine. „Es gibt keine Polizei an Bord, der Bremsweg eines solchen Schiffes beträgt mehrere Kilometer, und ich habe einen heimlichen Verbündeten: die Reederei. Die wird immer versuchen, einen Kriminalfall als Suizid zu tarnen, wenn sie das kann. Denn sonst wird das Schiff lahmgelegt. Es gibt immer wieder Fälle, wo ein Selbstmord völlig unlogisch erscheint.“

Gedreht wird diese irrwitzige Geschichte bei laufendem Betrieb, inmitten von Touristen, die nicht ahnen, worum es bei „Passagier 23“ geht. „Wir müssen uns hier eingliedern. Menschen, die Urlaub machen, kannst du nicht aufhalten“, erzählt Oliver Mommsen in einer Drehpause. „Wir dürfen in Räume, in die sonst keiner darf“, schwärmt er und klingt dabei so begeistert wie ein Junge, der seine neue Modelleisenbahn präsentiert. „Wenn wir im Maschinenraum drehen, dann erklärt dir ein Zweimeter-Hüne aus der Ukraine, wie die Maschine funktioniert. Das ist toll.“ Mehrere Wochen läuft Mommsen in Kapitänsuniform durch die „Sirius“. „Mich gucken die Passagiere immer ein bisschen ängstlich an. Weil sie denken: Ne, der Kleine fährt jetzt nicht das Schiff, oder?“, sagt er lachend. Picco von Groote erging es ähnlich: „Ich bin an Bord häufig angesprochen worden - auch aus der Crew -, ob ich die neue Ärztin wäre?“, sagt sie. „Das ist ein großes Kompliment für die Kostümabteilung.“

Trotz des ungewöhnlichen Drehorts: „Urlaubsgefühl hat sich bei mir nicht eingestellt“, sagt von Groote. „Wir drehen einen aufwendigen Film, während andere in der Sonne liegen und sich erholen.“ Für Oliver Mommsen ist der Dreh auch so etwas wie ein Sozialexperiment: „Das Skurrile ist inklusive“, analysiert er seine erste Kreuzfahrt überhaupt. „Wir dürfen hier in einen Kosmos blicken, in den wir normalerweise nicht geguckt hätten. Ich fand Karaoke ziemlich krass. Das war hart an der Schmerzgrenze, da muss man mit umgehen können.“ Sagt's, steht auf und verschwindet wieder irgendwo unter Deck, um die nächste Szene zu drehen. Im Schiffsrestaurant drängeln sich derweil die Passagiere. Soll ja schließlich Spaß machen, so eine Kreuzfahrt.

teleschau

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