Die Gesellschaft unterm Seziermesser

„Parasite“-Regisseur Bong Joon-ho im Porträt

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Für „Parasite“ gewann Bong Joon-ho die Goldene Palme in Cannes.

Der Südkoreaner Bong Joon-ho gilt spätestens seit seinem Cannes-Gewinnerfilm „Parasite“ als einer der aufregendsten Regisseure der Gegenwart. In seinem Filmen wandelt er zwischen den Genres wie kein Zweiter.

„Ich bin ein Genre-Filmemacher“, sagt der 50-jährige Südkoreaner Bong Joon-ho. Auf einen Stil legt er sich aber nicht fest; vielmehr passt er das Genre seiner Filme an die Themen an, von denen er erzählen will. Action und Spannung gehen bei ihm einher mit sozialkritischen Komponenten. In „The Host“ (2006) etwa erzählte Bong ein Kapitel aus der neueren Geschichte seines Landes als Horrorfilm über ein Menschen fressendes Monster. Mit der ungewöhnlichen Mischung begeisterte er damals nicht nur die Kritiker, sondern etablierte sich in Südkorea auch als einer, der die Massen ins Kino locken kann - „The Host“ wurde einer der erfolgreichsten Filme des Landes. Und seit er für Hollywood das Science-Fiction-Drama „Snowpiercer“ (2013) drehte und für Netflix „Okja“ (2017), einen Film über ein gentechnisch verändertes Super-Schwein, muss er sich um Budgets keine Sorgen mehr machen. „Meine Filme haben sich weltweit gut verkauft. Dieser Erfolg ermöglicht mir kreative Freiheit, und ich muss nicht mehr auf das Geld schauen. Im Gegenteil, mir werden große Projekte mit großen Budgets angeboten“, erklärt Bong Joon-ho im Interview anlässlich des Starts seines neuen Films „Parasite“ (ab 17. Oktober im Kino).

Es amüsiert den Regisseur, der sich während des Gesprächs immer wieder durch sein schwarzes Wuschelhaar fährt und herzlich lacht, dass er beim ständigen Wechsel der Genres als unberechenbar gilt. Nach seinem fast zehnjährigen Flirt mit Amerika zog es Bong wieder in seine Heimat zurück, um mit „Parasite“ einen neuen Weg einzuschlagen - und wieder in keine Schublade zu passen. Das neue Werk ist ein auf wenige Figuren und Schauplätze konzentrierter kleiner Film, der die Klassengesellschaft Südkoreas seziert. Darin lässt er eine Unterschichtenfamilie auf Mitglieder der Oberschicht los - raffiniert und konsequent. „Ich habe den Film für Zuschauer in Südkorea gemacht, die diese Orte kennen und sich selbst vielleicht auch schon mal in einer finanziell prekären Lage befanden“, sagt Bong. Entstanden ist jedoch ein Werk mit einer universellen Botschaft.

Gefeiert wie ein Olympia-Sieger

Wie sehr das Publikum auch emotional auf die Geschichte ansprang, zeigten Reaktionen mancher Zuschauer nach dem Film: „Sie begannen, an sich zu riechen“, erzählt Bong Joon-ho. Denn wie er in „Parasite“ zeigt, kann man zwar mit der richtigen Kleidung sein Aussehen an die Welt der Reichen anpassen, nicht aber seinen Geruch. Den Duft der Armut wird man nicht los; er überschreitet die unsichtbaren Mauern, die zwischen den Klassen gezogen wurden. Im Film führt das zu einer grausam demütigenden Situation für Mr. Kim, der von Song Kang-ho gespielt wird, einem der bekanntesten Gesichter des südkoreanischen Kinos und Lieblingsdarsteller des Regisseurs. Mit ihm und dem ausgezeichneten Cast feierte Bong Joon-ho in Cannes 2019 den Beginn einer neuen Etappe seiner Karriere: Als ein überraschender, aber von vielen als würdig betrachteter Gewinner der Goldenen Palme war sein Name plötzlich in aller Munde, und er stieg auf in die Reihe der weltweit gefeierten Autoren-Filmer.

Das blieb auch in seinem Heimatland nicht verborgen. „Kurz nach der Preisverleihung herrschte in Korea eine überhitzte Stimmung, ich kam mir vor, als wäre ich Olympiasieger geworden“, erzählt Bong. „Der Präsident und wichtige Politiker hielten Lobreden, die ich mit Dankbarkeit wahrgenommen habe. Aber auf der anderen Seite dachte ich mir: 'Seit wann interessieren die sich überhaupt für Filme?'“

Selbstkritischer Filmemacher

Die Frage könnte auch lauten: Warum preisen die Mächtigen Bong Joon-hos Filme, die ständig Fragen zur sozialen Ungleichheit in der Gesellschaft stellen? Schuldzuweisungen nimmt er dabei nicht vor. „Ich finde es verständlich, dass sich das Publikum am Ende von 'Parasite' fragt, wie es denn überhaupt so weit kommen konnte. Eigentlich haben die Reichen doch gar nichts Böses gemacht.“ Ob zu Hause in Südkorea oder auf den Filmfestivals dieser Welt, das Publikum scheint damit zurechtzukommen, dass es kein moralisches Urteil gibt in diesem Film und man nicht ganz sicher sein kann, wer hier genau als Schmarotzer lebt: Die Reichen müssen die Armen als Helfer in ihr Leben lassen, damit der Alltag organisiert wird. Dabei rücken sie so nah zusammen, dass kleine Fehltritte in die Katastrophe führen können.

Die gespaltene Klassengesellschaft als Filmthema beschäftigt den ehemaligen Studenten der Soziologie und des Films schon seit seinem Langfilmdebüt „Hunde, die bellen, beißen nicht“ aus dem Jahr 2000. Der sich in Gewalt entladende Frust richtete sich damals allerdings noch gegen Menschen in der eigenen unteren Schicht. Spricht man ihn heute auf diesen Film an, lacht Bong und schüttelt den Kopf: „Den sollte sich keiner mehr anschauen, und ich möchte auch gar nicht mehr darüber sprechen.“ Seine eigenen Werke auf der Leinwand zu sehen, sorgt für bei ihm für ein Gefühl extremer Peinlichkeit. „Es gibt natürlich schon Szenen, auf die ich stolz bin und von denen ich denke, dass ich sie gut hingekriegt habe. Das gilt aber nicht für den ganzen Film.“

Der koreanische Regisseur schaut lieber in die Zukunft. Es gibt da ein von ihm noch unbearbeitetes Genre, das ihn reizen würde: den Western. Vielleicht in einer neuen Variante ohne Schusswaffen? Waffenbesitz ist in Korea verboten, was in den Filmen des asiatischen Landes dazu führt, dass allerlei Gegenstände zur Ausübung körperlicher Gewalt benutzt werden. In „Parasite“ ist es ein Stein, der eigentlich zum Meditieren dient. Schwarzer Humor à la Bong Joon-ho, der seine Filme so einzigartig macht.

teleschau

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