Polizeiruf 110: Der Preis der Freiheit - So. 17.04 - ARD: 20.15 Uhr

Im Osten ist man traurig

+
Das deutsch-polnische Kommissariat ist zum zweiten Mal gefordert. Olga Lenski (Maria Simon) und Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) ermitteln im "Polizeiruf 110: Der Preis der Freiheit".

Auch im zweiten Fall des runderneuerten Brandenburger Polizeirufs zieht einen die bleiern-neblige Atmosphäre der deutsch-polnischen Grenzregion runter.

Schlau sind sie, diese "Tatort"- und "Polizeiruf"-Titel. Bisweilen so schlau, dass sie im Nachhinein betrachtet einen ganzen Krimi kommentieren oder, wenn man so will, ein bisschen "spoilern". Was dieser Krimi nun mit der Freiheit und ihrem Preis zu tun hat, eröffnet sich dem Zuschauer tatsächlich erst in den letzten fünf Minuten. Das dann jedoch ziemlich heftig und gut. "Polizeiruf 110: Der Preis der Freiheit", der zweite Fall des deutsch-polnischen Polizeikommissariats rund um Olga Lenski (Maria Simon) und Adam Raczek (Lucas Gregorowicz), beginnt mit dem Tod einer jungen Polizistin. Die verfolgte in der Grenzregion Frankfurt/Oder einen gen Polen flüchtenden Wagen. Als der eine unerwartete Vollbremsung hinlegt, kommt die junge polnische Praktikantin im deutschen Streifenwagen ums Leben.

Egal wie depressiv eine Gesellschaft ist - und im neuen deutsch-polnischen "Polizeiruf" scheint man diesen Zustand der Region als festen "state of mind" zuordnen zu wollen -, wenn ein Polizist gewaltsam im Dienst ums Leben kommt, greifen die alten Wachrüttel- und Rachereflexe. Man kennt sie aus amerikanischen Cop Movies. Die Wut, sich das jetzt nicht mehr gefallen zu lassen. Man mag das Böse, vielleicht auch die Korruption, im moralisch ausgehöhlten Rechtsstaat frustriert akzeptiert haben, doch nun ist das Verbrechen einen Schritt zu weit gegangen. Tatsächlich fahndet bald eine ganze Region nach dem flüchtigen "Mörder", der sich durch die Büsche davongestohlen hat. Unterwegs sind deutsche und polnische Beamte, dazu eine Bürgerwehr, die nicht nur als erste am Tatort war, sondern deren Vorsteher, Oderfischer Lutz Piatkowski (Thomas Loibl), bald eine Art Hetzjagd auf den Mann durch den Wald organisiert.

Die Bürgerwehr, offiziell Sicherheitspartner der Polizei, arbeitet daran, Diebstähle und andere Delikte der "geschäftlich" umtriebigen Grenzregion im Zaum zu halten. Doch wer war der Fahrer des teuren, geschrotteten SUV eigentlich? Nur ein Autodieb? Und warum befand sich Polizeikommissar Udo Lehde (Oliver Bröcker) nicht im Auto mit der jungen polnischen Kollegin, die auf seiner Dienststelle ein Praktikum absolvierte? Lehde, ein gequält wirkender, von seiner polnischen Ex-Frau und dem achtjährigen Sohn getrennt lebender Mann, weiß offenbar mehr als er sagt. Und dann gibt es noch den undurchsichtigen Ukrainer Vitali Doroshenko (Jevgenij Sitochin), der in Region einen Handel mit gebrauchten Fahrzeugen betreibt ...

Spätestens wenn das Gesicht von Jevgenij Sitochin ("Im Angesicht des Verbrechens") auftaucht, weiß man: Hier ist etwas faul. Niemand hat in den letzten zehn Jahren öfter "den bösen Russen" im deutschen Fernsehen gespielt als der 1959 geborene Schauspieler und Theaterregisseur, an dessen Arbeit Menschen, die PR-mäßig an einem positiven Bild Russlands arbeiten, schier verzweifeln müssen. Doch damit sei noch nichts über den tatsächlichen Fall und dessen Hintergrunde verraten, denn: Zwielichtige Osteuropäer an der deutsch-polnischen Grenze "gehen immer", egal in welchem Zusammenhang.

Nach dem eher enttäuschenden ersten Fall von Lenski und Raczek legt der Zweitling von Autor Michael Vershinin - er schrieb die Udedom-Krimis "Schandfleck" und "Engelmacher" - und Regisseur Stephan Rick ("Die dunkle Seite des Mondes") eine Schippe drauf. Leider wirken die interkulturellen Unterschiede des deutsch-polnischen Polizeikommissariats immer noch etwas bemüht, auch die Ermittlerfiguren verbleiben grob anerzählt. In den ein, zwei Lenski-obligatorischen Szenen mit ihrer kleinen Tochter darf Maria Simon diesmal ein verwunschenes Schlaflied zur Gitarre anstimmen. Das klingt in seiner dringlichen Verhuschtheit ziemlich schön. "Die alten Geschichten" ist übrigens ein Song der Band Ret Marut, in der Simon mit Ehemann Bernd Michael Lade musiziert, der lange Jahre "Tatort"-Schauspieler in Leipzig war.

"Der Preis der Freiheit" ist ein klassischer, über weite Strecken ruhig erzählter Ermittler-Krimi, der sich aber gegen Ende zu erstaunlicher Intensität mausert. Dann nämlich, wenn das Personal, das in Brandenburg-Krimis fast schon klassischerweise viel zu lange mit seinen Problemen schwanger geht, endlich den Ausbruch wagt. Ein wenig mehr Zügellosigkeit und Expressivität wünscht man auch den Machern des RBB-"Polizeirufs". Dann kann es noch was werden - mit diesen Krimis der interkulturellen Depression zwischen Deutschland und Polen.

Das könnte Dich auch interessieren

Kommentare