„Es war ein rundum gelungenes, tolles Jahr nach meiner Erschießung“

Oliver Mommsen im Interview

Oliver Mommsen ist nach 18 Jahren als Bremer „Tatort“-Kommissar seit Ostern 2019 ein freier Mann. Dem 50-Jährigen scheint das gut zu bekommen. Trotzdem blickt er demütig in Vergangenheit und Zukunft.
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Oliver Mommsen ist nach 18 Jahren als Bremer „Tatort“-Kommissar seit Ostern 2019 ein freier Mann. Dem 50-Jährigen scheint das gut zu bekommen. Trotzdem blickt er demütig in Vergangenheit und Zukunft.

Im ARD-Freitagsfilm „Der beste Papa der Welt“ erbt ein verantwortungsscheuer Mann die Kinder seiner Schwester - und schiebt ziemliche Panik. Der Schauspieler Oliver Mommsen selbst wurde jung Vater. Mit 50 Jahren muss er nun das „Empty Nest“-Syndrom meistern.

An Ostern erlebte er nach 18 Dienstjahren als Bremer „Tatort“-Kommissar einen spektakulären Abgang im Kugelhagel. Doch Oliver Mommsen, der als junger Mann und Vater kleiner Kinder beim Krimiformat begann, geht es bestens. Im vergangenen Jahr sortierte sich der 50-jährige Schauspieler neu - beruflich wie privat. Während er in der Tragikomödie „Der beste Papa der Welt“ (Freitag, 13. Dezember, 20.15 Uhr, ARD) einen Berufsjugendlichen spielt, der privat nur ungern Verantwortung übernimmt, verlief sein eigenes Leben komplett anders: Mommsen war noch keine 30, als er Vater wurde, was damals Panikattacken in ihm auslöste. Heute, da seine beiden Kinder so gut wie aus dem Haus sind, beginnt für den Schauspieler ein neuer Lebensabschnitt, der angenommen werden will. Ein Interview übers Glücklichwerden und die Illusion, im Leben etwas festhalten zu können.

nordbuzz: Vergangene Ostern wurden Sie nach 18 Jahren als Bremer „Tatort“-Kommissar Stedefreund im Dienst erschossen. Wie ist das Leben danach?

Oliver Mommsen: Ich darf mir die Haare lang wachsen lassen, muss keine Plastikpistole mehr tragen und ich hatte sehr viele Rollen in anderen Filmen seitdem. Auch Theater spiele ich. Es ist ein bisschen wie ein Durchstarten mit 50.

nordbuzz: Ist es vor allem gut, nicht mehr der ewige Kommissar zu sein?

Mommsen: Es ist die neue Vielfalt, die ich schätze. Seit dem letzten „Tatort“ habe ich nur einen Krimi gedreht - und darin war ich der Verdächtige. Ansonsten einen Film über Bulimie, in dem ich den Vater spiele, dann einen autistischen Wolkenforscher. Für das Theaterstück „Tanzstunde“ haben wir einen Preis bekommen, sind damit auf Tour und spielen überall vor ausverkauften Häusern. Es war ein rundum gelungenes, tolles Jahr nach meiner Erschießung.

„Dieser Meter Holz bleibt frei für meine Sachen“

nordbuzz: Nun spielen Sie den "besten Vater der Welt - nur dass der eigentlich gar keine Kinder oder wollte!

Mommsen: Ja, es ist die Entwicklungsgeschichte eines in die Jahre gekommenen Berufsjugendlichen, der nach dem Unfalltod seiner Schwester drei Kinder erbt und sich erst langsam begreift, welch einen Schatz er da gehoben habt.

nordbuzz: Sie haben selbst zwei Kinder, die mittlerweile erwachsen sind. Kann man kinderlosen Menschen überhaupt vermitteln, was das Elternsein mit einem selbst macht?

Mommsen: Nein, das kann man nicht vermitteln. Weder sachlich noch emotional. Wenn man Vater wird, bleibt kein Stein auf dem anderen. Das ganze Leben sortiert sich neu, für alle Ewigkeit.

nordbuzz: Inwiefern hat sich das Leben für Sie neu sortiert?

Mommsen: Es sortiert sich ja immer weiter. Meine Kinder sind jetzt 22 und 17 Jahre alt, der Sohn studiert, die Tochter macht gerade Abitur. Da steht einem seit einigen Jahren natürlich ein Ablösungsprozess ins Haus. Und das gefühlt wenige Jahre nachdem wir ein kleines hilfloses Baby-Bündel ohne Gebrauchsanweisung geliefert bekamen. Es geht unterm Strich ziemlich schnell, dass dieses Bündel als selbstständiger Mensch das Weite sucht. Aber es liegen natürlich fiebrige, unglaubliche Jahre dazwischen.

nordbuzz: Welche Art Vater waren Sie, als die Kinder noch kleiner waren?

Mommsen: Einer, der schon öfter zu Hause war und auch viel mitgemacht hat. Irgendwann, das weiß ich noch, habe ich mal mit Händen und Klauen ein etwa einen Meter großes Stück Holz verteidigt, das ich Schreibtisch nannte. Kinder haben die Tendenz, alles zu besetzen, was an Raum und Zeit da ist. Ich sagte damals: „Dieser Meter Holz bleibt frei für meine Sachen. Alles, was da an Fremden liegt, wird weggeschmissen.“ Ansonsten hatten meine Kinder sehr viel Raum - der nun wieder nach und nach von meiner Frau und mir gefüllt wird.

„Ich bekomme Filmtips von meinem Sohn, für die ich dankbar bin“

nordbuzz: Wie leicht fällt Ihnen das Loslassen?

Mommsen: Mir geht es ganz gut damit. Noch vor ein paar Jahren wusste ich bei meinem Sohn, wenn er dieses Gesicht macht, dann schwindelt der mich an. Und heute: Da redet man auf Augenhöhe wie mit einem Kumpel. Ich bekomme Filmtips von meinem Sohn, für die ich dankbar bin. Das Leben als Vater ist ein permanentes Abenteuer. Eines, das man zudem nie beenden kann. Anders als bei einer Liebesbeziehung, wo man Schluss machen kann. Mit einem Kind sind wir ein Leben lang so eng verbunden, wie vielleicht mit niemandem sonst. Das wird einem aber erst klar, wenn dieses Kind geboren ist.

nordbuzz: Sie waren Ende 20, als sie Vater wurden. Waren Sie damals ein überzeugter Familiengründer?

Mommsen: Definitiv keiner, der sich große Gedanken über die Konsequenzen gemacht hat. Ich war mit meiner Frau in einer Disco und schrie sie durch den Lärm an: „Willst du Kinder?“ - Dann kam ein „ja“ zurück, und wir haben am nächsten Tag angefangen zu basteln. Es war aber kein ausgeklügelter Plan. Wir kennen Paare in unserem Alter, die haben noch vor zehn Jahren hin und her überlegt, was sie noch alles machen wollen, bevor sie das Projekt Kind angehen. Wir haben es einfach getan, ohne viel zu überlegen. Aber ich sage nicht, dass das so besser ist. Für uns hat es sich damals richtig angefühlt.

nordbuzz: Hatten Sie als junger Vater nie Zweifel an dieser Lebensentscheidung?

Mommsen: Na klar hatte ich die! Schon bevor unser erstes Kind zur Welt kam, bin ich tausend Tode gestorben. Ich erinnere mich an einen Moment in einem Berliner Bus unter den Yorckbrücken, da hatte ich eine Art Panikattacke, weil mir plötzlich klar wurde: Ich hatte noch nie etwas zuvor gehabt, das länger als zwei Jahre gehalten hatte. Und plötzlich wusste ich: Dieses Kind, das da jetzt kommt, wird wahrscheinlich mein ganzes Leben lang da sein. Ich hatte ganz großen Schiss - und war nach der Geburt bestimmt ein paar Jahre neben der Spur.

nordbuzz: Wegen der Verantwortung?

Mommsen: Deswegen und weil ich glaubte, den Job als Vater vielleicht nicht zu können. Es ist ja eine verbreitete Angst, die viele junge Väter und sicher auch Mütter haben. Du denkst, du kannst nichts und machst alles falsch. Dieses Gefühl, es gehört einfach dazu. Eltern stehen die ersten Jahre ebenfalls unter Welpenschutz, aber das weiß ich erst heute. Damals schob ich eine ziemliche Panik.

„Wenn die Peer Groups übernehmen, ist man als Eltern erst mal für ein paar Jahre abgemeldet“

nordbuzz: Hätten Sie als Vater im Nachhinein gern etwas anders gemacht?

Mommsen: Ich wäre, vor allem beim ersten Kind, gern etwas lockerer gewesen. Stattdessen machte ich mir über alles mögliche Sorgen. Das fing schon an mit den ersten Kinderwagen-Spaziergängen am Berliner Paul Linke-Ufer. Da wollte ich jeden Fahrradfahrer töten, der sich - in meinen Augen zu aggressiv - dem Kinderwagen genähert hatte. Bei meiner Tochter begleitete ich dieselbe Situation ein paar Jahre später mit einem lässigen Fingerschnippen. Eltern sein ist mit jeder neuen Entwicklungsphase immer wieder „learning by doing“. Dass man Fehler macht, ist völlig normal.

nordbuzz: Sie erzählen von lässlichen Sünden. Gab es auch etwas Größeres?

Mommsen: Ich glaube, ich habe meinen Sohn ab und zu überfordert, weil ich manchmal ein Verständnis für Dinge von ihm einforderte, das noch nicht altersgemäß war. Heute weiß ich das, aber ich denke, es ist kein Drama passiert.

nordbuzz: Welche Abschiede fanden Sie als Vater schwer?

Mommsen: Das Ende der Spielzeit war nicht einfach für mich. Ich bin ja selbst so ein Spielkind. Jenes Alter, in dem man zusammen matscht und tobt, war für mich eine sehr schöne. Ich fand den Moment traurig, als ich nach Hause kam, und keiner hat mich mehr gefragt, was ich mit ihm oder ihr spielen solle. Mittlerweile spielen wir als Familie klassische Brettspiele wie die „Siedler von Catan“ - wenn wir uns alle viermal zufälligerweise in denselben vier Wänden aufhalten, was leider nicht mehr allzu oft vorkommt. In diesem Jahr feiern wir sogar das erste Mal ohne unseren Sohn Weihnachten, er wird via Skype zugeschaltet (lacht).

nordbuzz: Wie nutzen Ihre Frau und Sie Ihre neuen Freiheiten?

Mommsen: Meine Frau hat ein tolles Kinderbuch geschrieben, das demnächst das Licht der Welt erblickt. Meine Tochter steckt im Abitur und ist ohnehin vor allem mit ihren Freunden unterwegs. Wenn die Peer Groups übernehmen, ist man als Eltern erst mal für ein paar Jahre abgemeldet.

„Unser Leben an sich ist der Schatz, den wir als Erinnerung in uns hüten“

nordbuzz: Jetzt haben Sie aber nicht verraten, wie Sie und Ihre Frau ihre Freiheiten nutzen?

Mommsen: Ich wollte es ja gerade sagen. Also, meine Frau, war da sehr vorausschauend. Schon vor drei Jahren war ihr klar, dass, wenn wir nichts ändern, man irgendwann schweigend an einem zu groß gewordenen Tisch sitzt. Und trauert. Sie fing dann an, Eishockey zu spielen und während sie arbeitete, fing sie an, ein Buch zu schreiben. Ich habe mich, wie berichtet, ebenfalls beruflich verändert.

nordbuzz: Der „Tatort“ begleitete sie quasi durch die gesamte Familienzeit mit Kindern. Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Ende von beidem?

Mommsen: Dadurch, dass die Kinder einen nicht mehr täglich brauchen, werden, wie gesagt, Räume frei. Man kann wieder mutiger denken und auch wieder etwas wagen. Es ist ohnehin gut, nichts im Leben als zementiert zu betrachten. Man tut sich und dem Leben keinen Gefallen damit.

nordbuzz: Wird man mit einer solchen Betrachtungsweise geboren, oder muss man sie sich schmerzlich erarbeiten?

Mommsen: Ich glaube, es gibt beides. Sehen Sie, mein Vater war dreimal verheiratet, meine Mutter zweimal. Viele Orte, an die ich mich aus Kindertagen erinnere, gibt es nicht mehr. Mein Vater ist mittlerweile gestorben. Trotzdem ist alles, was mein Leben ausmacht, noch irgendwie da. Die Orte sind in mir, in meinem Kopf, in meinem Bauch, im Herzen. Ich will Leuten, die keine Kinder haben, nicht erzählen, was sie verpasst haben. Sie haben dafür andere Dinge erlebt. Unser Leben an sich ist der Schatz, den wir als Erinnerung in uns hüten. Das wird mir mit dem Älterwerden immer mehr klar. Man sollte dankbar für das sein, was man erlebt hat.

teleschau

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