Liebe für Super-Happy-Hippos

„Okja“: Eine der stärksten Netflix-Produktionen bisher

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Mija (Ahn Seo-hyun) wehrt sich mit Händen und Füßen gegen die Auslieferung ihres Hausschweins Okja.

Mit starken Bildern, starken Botschaften und starken schauspielerischen Leistungen ist „Okja“ eine der stärksten Netflix-Eigenproduktionen bisher.

Viel Gerede gibt es bei den Filmfestspielen zu Cannes immer. Viel Gezerre aber entsteht erst, wenn mit irgendwelchen stolzen Traditionen gebrochen wird. Dass „Okja“ (2017) im Wettbewerb lief, aber nie im Kino laufen wird, stank so manchem an der Croisette. Netflix umging damit ein französisches Gesetz, das bewirkt hätte, dass ihre Eigenproduktion erst drei Jahre nach Kinostart im Streamingprogramm des Abruf-Riesen hätte aufgenommen werden dürfen. Protektionismus der französischen Kinowirtschaft steckt dahinter, in Cannes ist die französische Filmwirtschaft König. Buh-Rufe bei der Premiere, ein ewiges Hick-Hack. Die Lösung: Ab 2018 müssen alle Wettbewerbsfilme einen Kinostart vorweisen. Die Welt ist eben verrückt. Auch der gerügte Film weiß davon zu berichten.

Doch es ist nicht die Filmwirtschaft, die von „Okja“ bei aller Buntheit doch stets pointiert eine mitbekommt. Regisseur und Co-Autor (mit Jon Ronson) Bong Joon-ho verteilt in seinem Abenteuerfilm jede Menge Stiche - ob allgemein gegen Engstirnigkeit und soziale Blindheit oder gezielt gegen Kapitalismus und Fleischkonsum. Mit Figuren, die auch ein Wes Anderson durch die Welt hätte schicken können, klagt der Koreaner Absurditäten an. Kurz bevor etwa Tilda Swintons Lucy Mirando und Jake Gyllenhaals Dr. Johnny Wilcox Richtung Lächerlichkeit driften, wecken sie beim Zuschauer gewollt mehr Wut denn Gelächter.

Lucy Mirando ist die überdrehte und von Vater- und Schwesterkomplexen angetriebene Erbin und Chefin eines multinationalen Gen-Food-Riesens, Wilcox ein abgebrannter und hirnverbrannter TV-Veterinär, der dem Unternehmen als Werbefigur dient. Letzterer reist begleitet von Kameras anfangs um die Welt. Seit zehn Jahren lässt Mirando in 26 Ländern je ein Super-Happy-Hippo-Schwein von lokalen Farmern aufzüchten - die Lösung aller Hungerprobleme der Welt. Denn die mächtigen Tiere belasten die Umwelt kaum und schmecken dazu auch noch „verdammt gut“.

Der Titel „Okja“ rührt von einem besonders gutgeratenen Exemplar dieser Tiere her, liebevoll umsorgt von seinen Besitzern, dem knausrigen doch gutherzigen Opa Heebong (Byun Hee-bong) und seiner tapferen Enkelin Mija (Ahn Seo-hyun). Im südkoreanischen Hochgebirge tollen Mija und Okja herum - ein visueller wie herzerwärmender Hochgenuss aufgrund der wunderschönen Landschaft, der wunderbaren CGI-Gestalt und der wundervollen Nachwuchsdarstellerin, die unendlich viel Liebe zum Tier in die Kameras sendet.

Dem nicht genug variiert „Okja“ immer wieder gekonnt mit dem Tempo, überflutet Städte wie Seoul und später New York, wohin Okja für einen Wettbewerb verfrachtet wird, mit Chaos, verliert aber nie seine Botschaften aus dem Blick. Nach eineinhalb Stunden scheint ein Höhepunkt und ein mögliches, versöhnliches Ende gefunden. Dass der Spielfilm noch knapp eine halbe Stunde fortdauert, verwirrt erst, entpuppt sich aber als richtige Entscheidung.

Nach all seinen knallig inszenierten satirischen Spitzen gegen sowohl Tierschützern als auch Unternehmen, die sich als solche darstellen wollen, liefert Bong Joon-ho am Ende seine eindrücklichsten Bilder: Ohne didaktisch mit Lösungen daherzukommen, spricht er sich klar gegen Massentierhaltung aus, zeigt nach viel Herz für seine kleine Hauptdarstellerin und seine kruden Nebenfiguren auch viel Herz für unsere Mitlebewesen. Darüber wurde in Cannes weniger geredet. Und weiteres Gezerre entstand nur am Filet-Mignon-Buffet ...

tsch

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