Bob Odenkirk

"Meine Kids sind nicht beeindruckt von mir"

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Bob Odenkirk spielt in "Better Call Saul" den erfolglosen Anwalt Jimmy McGill. Nun erscheint die zweite Staffel des vielfach gelobten "Breaking Bad"-Ablegers.

Die Serie "Better Call Saul" machte Bob Odenkirk endgültig zum Star. Was sich nach dem Erfolg der ersten Staffel für den einstigen Comedy-Schreiber veränderte, verrät er im Gespräch.

Eigentlich kennt er das Showbusiness seit einer halben Ewigkeit in- und auswendig. Schon vor fast 30 Jahren schrieb Bob Odenkirk die Gags für "Saturday Night Live", erhielt dafür 1989 seinen ersten Emmy, arbeitete als Sketch-Autor mit Adam Sandler, Chris Rock, Conan O'Brien. Bereits Jahre vor seiner Paraderolle als Anwalt Saul Goodman in "Breaking Bad" versuchte sich der vielfach Talentierte als Schauspieler, hatte Mitte der 90-er gar eine eigene Sendung. Ein Urgestein der Branche, alteingesessen in Hollywood - so kann man den 53-Jährigen, der mit den Stars auch privat verkehrt, getrost beschreiben. Und dennoch: Der große Erfolg der Spin-Off-Serie "Better Call Saul", die ab 17. Februar bei Netflix in die zweite Runde geht, erschloss Odenkirk eine neue Dimension im Entertainment-Geschäft: Als Hauptdarsteller geriet der einstige Mann im Hintergrund plötzlich selbst zum Star. Wie sich das anfühlt, was sich dadurch bei der Arbeit verändert und warum seine Kinder davon so gar nicht beeindruckt sind, gibt der bescheidene Sympath im Interview preis.

teleschau: Anfang 2015 feierte "Better Call Saul" sehr erfolgreich Premiere und geht nun in die zweite Staffel. Es muss für Sie ein sehr ereignisreiches Jahr gewesen sein!

Bob Odenkirk: In jedem Fall unterschied es sich qualitativ von jedem anderen Jahr zuvor. Promo und Werbung für die erste Staffel waren enorm, und die Serie wurde so viel besser aufgenommen, als ich es erwartet hatte.

teleschau: Hatten Sie Angst vor den Reaktionen?

Odenkirk: Ich dachte, man würde uns allein für den Versuch abstrafen, mit "Better Call Saul" in die Fußstapfen von "Breaking Bad" zu treten - überhaupt dafür, irgendetwas im selben Universum anzusiedeln. Doch die Leute wussten es tatsächlich sehr zu schätzen. Vor allem wohl, weil die Schöpfer Vince Gilligan und Peter Gould so brillante Drehbuchschreiber sind und nicht leichtfertig oder nachsichtig mit dem Ableger umgingen. Vielmehr investierten sie jede Menge harte Arbeit, um eine völlig neue Welt um einen ganz eigenen Charakter zu kreieren.

teleschau: Hat "Better Call Saul" auch Ihre eigene Welt verändert?

Odenkirk: Ja, auf so vielen Ebenen! Ich arbeite nun seit vielen Jahren in diesem Geschäft, habe Sketch-Comedy geschrieben, bin sehr bekannt in der Comedy-Welt. Doch nun kennt mich das Publikum! Das ist immer noch neu für mich. Aber ich genieße es.

teleschau: Wie fühlt es sich an, plötzlich auf der anderen Seite des Entertainment-Geschäfts und im Mittelpunkt zu stehen?

Odenkirk: Sehr seltsam! Dennoch würde ich behaupten: Der Job ist im Grunde der selbe. Neben dem Schreiben stand ich früh auch vor der Kamera - Schauspieler bin ich schon lange Zeit. Man darf sich an den Unterschieden zwischen beiden Seiten des Geschäfts nicht so aufhängen - die bestehen nur in der öffentlichen Aufmerksamkeit, die man erhält. Betrachtet man nur die eigentliche Arbeit, also einen Charakter in einem Moment so wahrhaftig wie möglich zu verkörpern, ähnelt sich das doch sehr. Das lässt einen leichter vergessen, dass man auf Werbetafeln und im Fernsehen präsent ist.

teleschau: Konnten Sie es sich als Drehbuch-Experte verkneifen, Einfluss auf die Charakterentwicklung zu nehmen?

Odenkirk: Das lernte ich schon bei "Breaking Bad". Viel Zeit meines Lebens verbrachte ich damit zu schreiben und Charaktere zu entwickeln. Es war eine große Erleichterung und Herausforderung, einfach mal das zu nehmen, was auf dem Papier geschrieben steht - und daraus etwas Glaubwürdiges zu machen, ohne es zu verändern, ohne es sich selbst leichter zu machen. Schauspieler sagen oft: "Das funktioniert für mich nicht" oder "Dazu kann ich keine Beziehung aufbauen" oder "Auf diese Weise würde ich das nicht sagen".

teleschau: Sie sind da anders?

Odenkirk: Das Tolle, das Herausfordernde beim Schauspiel ist für mich doch gerade, dass ich Dinge, wie sie im Drehbuch stehen, auf diese Weise persönlich eben nicht sagen würde. Die Frage ist: Wie gelingt es mir, so zu spielen, dass es logisch und emotional Sinn ergibt? Schauspielern ähnelt einem Puzzle - und wird belohnt.

teleschau: Aber wie oft denken Sie: Das hätte ich völlig anders gemacht?

Odenkirk: Klar, oft sagt mir mein Instinkt etwas anderes. Aber dann halte ich meine Klappe und schlucke das runter. Meist sage ich gar nichts. Denn: Sobald ich die Schreiber auf einen Storyaspekt hinweise, an dem mir etwas missfällt oder den ich ändern würde, wissen sie die passende Antwort darauf. Das Drehbuch ist wirklich gut durchdacht. Immer haben sie meine Vorschläge schon im Voraus bedacht und können mir begründen, warum sie etwas so und nicht anders machen.

teleschau: Sie sind gezwungen, abzuschalten ...

Odenkirk: Es ist ja nicht so, dass ich mich völlig zurücknehme. Ich akzeptiere die Dinge, wie sie sind, vertraue den Schreibern. Und wenn ich dann das Set verlasse, bin ich weder beim Schnitt noch sonstwo beteiligt. Ich habe noch nicht einmal die erste Folge gesehen! Staffel zwei schaue ich, wenn das Publikum sie schaut - Woche für Woche. Wenn Sie glauben, ich weiß, was passieren wird - das tue ich nicht!

teleschau: Sie wollen uns erzählen, dass Sie nicht wissen, was in der neuen Staffel geschieht?

Odenkirk: Einerseits erinnere ich mich nicht daran, andererseits konzentriere ich mich während des Drehs nicht auf den großen Zusammenhang der Story. Nur auf die jeweilige Szene - das ist dein Job als Schauspieler: diese Person in diesem Moment zu sein. Das tun reale Menschen schließlich auch. Trotz aller Pläne, Wünsche und Bedürfnisse leben sie von einem Moment auf den nächsten. Nur selten fügt sich das echte Leben der großen Story, die wir uns ausmalen.

teleschau: Können wir uns also vorstellen, dass Bob Odenkirk gemütlich auf der Couch bei "Better Call Saul" mitfiebert?

Odenkirk: So in etwa! Ich schaue die Sendung mit meiner Frau, wenn sie im TV ausgestrahlt wird. Meine Tochter schaut es eher später, mein Sohn meist noch vor mir (lacht).

teleschau: Wie gehen Ihre Kinder damit um, dass ihr Vater nun ein Fernsehstar ist?

Odenkirk: Nun ja, wir leben in Hollywood, die sind daran gewöhnt. Als Gag-Schreiber arbeitete ich für große Fernsehshows und mit vielen späteren Berühmtheiten, noch bevor diese bekannt wurden. Die Kids machten also schon früh die Erfahrung, dass sogar Leute aus unserem Haus im Fernsehen und auf großen Werbeanzeigen zu sehen waren. Das kennen sie schon ihr ganzes Leben, seit sie kleine Kinder waren. Und das schmälert die Bedeutung solcher Dinge.

teleschau: Die finden das gar nicht aufregend?

Odenkirk: Sie sehen es als die normale Arbeit ihrer Eltern an - etwas, womit man eben Geld verdient. Meine Kids sind nicht beeindruckt von mir. Für sie bedeutet es nicht mehr als: "Oh, Dad hat einen Job".

teleschau: Ist das nicht ein bisschen enttäuschend?

Odenkirk: Nein. Wirklich nicht. Das ist in Ordnung. Na gut, ein klein wenig schon (lacht).

teleschau: Haben Sie ein Mittel gegen die mangelnde Begeisterungsfähigkeit Ihrer Kinder?

Odenkirk: Ideen hatte ich schon: Wenn sie mal nicht hören, könnte man mit den Kindern zu einer Riesen-Werbeanzeige in der Nähe fahren, auf der ein gigantisches Porträt von mir zu sehen ist. Ich dachte, es würde ihnen eine Lehre erteilen, wenn ich einen strengen Vortrag halte, unterstützt von meinem Werbe-Gesicht im Hintergrund. Würde es helfen? Nein. Tatsächlich sähe ich nur wie ein ziemlicher Arsch aus.

teleschau: Wann realisierten Sie selbst, dass der Charakter Saul Goodman dermaßen beliebt werden würde?

Odenkirk: Eigentlich erst, als die erste Staffel so erfolgreich anlief. Wie viele andere auch lebe ich ein wenig in meiner eigenen Welt, die vor allem mit meiner Familie zusammenhängt. Dass "Better Call Saul" eine große Sache werden würde, merkte ich erst, als ich die Werbeanzeigen überall sah.

teleschau: Mit Ihrem Gesicht darauf. Fürchten Sie, als Schauspieler nun auf ewig mit Saul Goodman identifiziert zu werden?

Odenkirk: Keineswegs. Zum einen ist er so ein vielfältiger Charakter, er ist so umfassend menschlich, besitzt so viele Facetten. Selten findet man eine derart komplex geschriebene Rolle im TV. Zum anderen: Ich identifiziere mich einfach selbst nicht mit Saul Goodman.

teleschau: Hat sich Ihre Meinung über ihn im Laufe der Zeit geändert?

Odenkirk: Ja, ich mochte ihn erst überhaupt nicht! Saul Goodman ist ein Typ, dem ich aus dem Weg gehen würde. Doch ich mag Jimmy McGill - die Person, die er war, bevor er zu Saul wurde.

Schauspieler Bob Odenkirk

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