„Die im Osten hatten etwas, das wir nicht lebten“

Nicolette Krebitz im Interview

Im Einsatz für den westdeutschen Geheimdienst: Nicolette Krebitz (47) als Ina Winter im ZDF-Wendethriller „Preis der Freiheit“.
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Im Einsatz für den westdeutschen Geheimdienst: Nicolette Krebitz (47) als Ina Winter im ZDF-Wendethriller „Preis der Freiheit“.

Nicolette Krebitz sieht man nur selten in großen TV-Produktionen. Meist werkelt die Filmemacherin („Wild“), früher Kultgirl der 90-er, an eigenen Projekten. Zum Wende-Dreiteiler „Preis der Freiheit“ erinnert sich die Westberlinerin daran, welch seltsamer Reiz die DDR auf sie als Teenager ausübte.

Kultschauspielerin Nicolette Krebitz („Bandits“) war Indie-Mädchen-Ikone der Neunziger. Heute ist sie eine der vielversprechendsten Filmemacherinnen, ihr verstörendes Wolfsdrama „Wild“ (2016) gewann vier deutsche Filmpreise. Als Lohnschauspielerin macht sich die 47-Jährige eher rar, meist werkelt sie an eigenen Projekten. Im ZDF-Dreiteiler „Preis der Freiheit“ (ab Montag, 4. November, 20.15 Uhr) kann man ihr natürliches Spiel nun mal wieder im Fernsehen genießen. Neben Nadja Uhl und Barbara Auer spielt sie eine von drei Ostberliner Schwestern, die sehr unterschiedlich die Wende erleben. Tatsächlich war der Westberliner Teenager Nicolette Krebitz 17 Jahre alt, als die Mauer fiel. Und doch war sie damals bereits ein kleiner Star. Krebitz stand schon als Kind vor der Kamera, zum Beispiel 1984 als Harald Juhnkes Tochter im Film „Sigi, der Straßenfeger“. Im Interview erinnert sie sich an den seltsamen Reiz, den die DDR auf westliche Jugendliche ausübte und wie seltsam klein ihr die Wende damals im Vergleich zum eigenen, großen Leben vorkam.

nordbuzz: Sie kommen aus Westberlin und waren 17, als die Mauer fiel. Wie haben Sie die Wende erlebt?

Nicolette Krebitz: Ich erinnere mich, dass ich für einen Dreh zum ersten Mal allein in Köln im Hotel war. Meiner Mutter hatte ich versprochen, dass ich das Hotel abends nicht verlasse, also schaute ich auf dem Zimmer fern. Es war ein Abend kurz vor dem Mauerfall, und ich schaute eine Übertragung aus der Dresdner Nicolaikirche, die damals im dritten Programm live gezeigt wurde. Ich weiß noch, dass ich nicht richtig verstanden habe, was da genau passiert. Es wurde einerseits umschrieben, worum es geht, andererseits gab es diese ganz klaren Botschaften, wie „Wir sind das Volk“. Es hat mich fasziniert, aber ich hatte trotzdem das Gefühl, draußen zu stehen.

nordbuzz: Und den Mauerfall selbst, wie haben Sie den erlebt?

Nicolette Krebitz: An dem Abend war ich zu Hause. Ich habe in einer WG gewohnt. Abends riefen ein paar Freunde an und sagten: „Wir müssen zur Mauer, die Mauer ist auf!“. Weil ich am nächsten Morgen aber sehr früh zum Drehen musste, bin ich nicht mitgefahren. Mir stand eine Szene mit Katharina Thalbach bevor, vor der ich großen Respekt hatte, und ich wollte das gut machen. Am nächsten Tag konnte der Dreh dann aber gar nicht wirklich stattfinden. Wir sollten auf dem Kurfürstendamm drehen, aber da sah es aus, wie nach einem Volksfest. Alle waren total durch den Wind. Ich habe erst langsam verstanden, was eigentlich passiert ist.

„In den Achtziger Jahren war ja cool das Wort für gut“

nordbuzz: Was hatten Sie mit der DDR zu tun? Hatten Sie Verwandte oder Freunde dort?

Nicolette Krebitz: Nein, ich hatte keine Verwandten in der damaligen DDR. Ich bin in West-Berlin aufwachsen und irgendwie hatte man sich eine im Nachhinein etwas unverständliche Attitüde zugelegt, mit der Realität der Mauer umzugehen. Es gab sie eben. Allen westdeutschen Besuchern, die sie fotografierten und fragten, ob man sich nicht eingesperrt fühlte, entgegnete man gespielt cool, dass man sie gar nicht mehr mitkriegt, wenn man hier wohnt. Natürlich stimmte das nicht.

nordbuzz: Was haben Sie als Jugendliche von der DDR mitbekommen?

Nicolette Krebitz: Ich habe zum Beispiel das Fernsehen der DDR geliebt. Die tschechischen Märchenfilme oder Fernsehserien, wie „Karlsson vom Dach“ oder „Luzie, der Schrecken der Straße“. Eine Sendung, die ich besonders mochte, war „Mach mit, mach's nach, mach's besser“. Da führte ein Typ namens Adi im Adidas-Trainingsanzug Sportwettbewerbe an Schulen durch. Seine Assistentin hatte zwei lustige Zöpfe. Mit ihr hatte ich mich identifiziert. Die beiden machten die ganze Zeit Witze. Ich habe da gerne zugeguckt.

nordbuzz: Was hat sie daran gereizt? Waren sie sportlich, leistungsorientiert?

Nicolette Krebitz (lacht): Ja, ein bisschen vielleicht, aber darum ging es nicht in erster Linie. Die Sendung war einfach lustig, menschlich, herrlich normal. Und auch die Filme aus Tschechien strahlten eine andere Art von Wärme und Menschlichkeit aus, die hat mich berührt.

nordbuzz: Wonach sehnten Sie sich damals?

Nicolette Krebitz: Keine Ahnung. Diese andere Welt, die es da gab, war einfach ein Gegensatz zur westlichen Kälte der Achtziger Jahre. Da war ja „cool“ das Wort für „gut“, und „Da bleib ich kühl, kein Gefühl“, sangen Ideal - eine Band aus Westberlin - in einem Stück, in dem es eigentlich um Liebe ging. Ich hatte schon das Gefühl, dass die im Osten etwas hatten, das wir nicht lebten oder vielleicht sogar verloren hatten.

Die Wiedervereinigung, ein schmutziges Geschäft

nordbuzz: Sie spielen nur sehr ausgewählt und verfolgen vor allem eigene künstlerische Projekte. Was hat Sie bewogen, bei einem Event-Dreiteiler über die deutsche Wende mitzumachen?

Nicolette Krebitz: Ich fand interessant, dass in diesem Film von dem schmutzigen Geschäft erzählt werden sollte, das die Wiedervereinigung anscheinend war. Der Film folgt natürlich auch dem Schicksal einzelner Figuren, die exemplarisch fürs Zeitgeschehen Dinge tun. Aber die politischen Verhandlungen stehen im Vordergrund. Ich habe mich außerdem gefreut, mit Nadja Uhl und Barbara Auer zu drehen, die ich beide als Schauspielerinnen sehr schätze.   nordbuzz: Da sie nur wenig spielen, kommt der Verdacht auf, dass Sie die Arbeit an eigenen Projekten bevorzugen. Ihr letzter Film „Wild“ gewann vier deutsche Filmpreise. Wann kommt der nächste Film?

Nicolette Krebitz: Die Dreharbeiten zu meinem nächsten eigenen Projekt finden hoffentlich im nächsten Sommer statt.

teleschau

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