Mit deutschem Star Max Riemelt

Netflix-Serie: So ist die zweite Staffel von „Sense8“

+
„Sense8“ handelt von acht jungen Menschen, die auf mysteriöse Weise miteinander verbunden sind.

Auch in Staffel zwei ihrer ambitionierten Netflix-Serie „Sense8“ stürzen sich die Wachowskis ansehnlich ins Chaos. Doch trotz lobenswertem Anspruch gerät das Projekt zum esoterischen Wohlfühl-Seelenporno.

Als die Wachowskis noch Brüder waren, hegten sie eine filmische Vision, die in der „Matrix“-Trilogie einen würdigen Anfang fand: Eine mit magischem Realismus versehene futuristische Mystik, in der Kritik immer mitschwang. Dass darin auch esoterisches Geschwafel und Verschwörungs-Topoi angelegt waren, war man noch bereit zu übersehen - nach „Cloud Atlas“ und dem Machwerk „Jupiter Ascending“ ging das nicht mehr. Letzte Hoffnung versprach die ambitionierte Netflix-Serie „Sense8“, in der das Projekt des Duos dank künstlerischer und finanzieller Freiheit Vollendung finden sollte. Leider bestätigt auch die zweite Staffel (ab 8. Mai), was die erste bereits befürchten ließ: Die Vision der Wachowskis - inzwischen Schwestern - war wohl nie mehr als ein ansehnlicher Action-Seelenporno mit postmodernem Wohlfühl-Geraune, dessen politischer Anspruch im esoterischen Identitätsbrei versinkt.

Ein komplexes Drehbuch schafft noch keinen tiefgehenden Plot - „Sense8“ liefert für diese Weisheit den aktuellsten Beleg: Die acht Hauptfiguren aus aller Welt, die über ein „magisches“ Band miteinander verbunden sind, dadurch kommunizieren und sich gegenseitig steuern können, geraten in Staffel 2 in eine Gemengelage, die das Chaos aus der noch neugierig machenden ersten Runde perfektioniert. Ihre Verknüpfung haben die Charaktere, die von San Francisco bis Nairobi, von Seoul bis Berlin ihre Erfahrungen und Körper teilen, inzwischen erforscht - und festgestellt, dass sie aus diesem Grund gejagt werden. Als eine Art interkontinentaler Super-Freundeskreis versuchen Wolfgang (Max Riemelt) und seine sieben Seelenverwandten in Staffel 2 herauszubekommen, wer ihnen warum genau auf den Fersen ist.

Selbstverständlich sind die Grundwerte der Serie lobenswert: Zusammenhalt, Solidarität, Vertrauen - ein „gemeinsam sind wir stark“ in einer feindlichen Welt. „Sense8“ setzt ungemein auf das Finden und Liebenlernen der eigenen Identität - sei es in Bezug auf Geschlecht, Sexualität, Religion, Kultur, Politik. Die persönliche Transgender-Geschichte der Wachowskis schwingt in jeder Szene der Serie mit; ebenso ihr Wille zur Aufklärung, zum Mutmachen und Hoffnungschöpfen. Doch leider, so muss man angesichts dieses Anspruchs sagen, bleiben die holzartigen Charaktere in genau diesen Identitäten hängen; geraten die pseudophilosophischen Ausführungen zum aufgesetzten vorpolitischen Gesäusel.

Die krampfhafte politische Korrektheit, die den Dialogen und Charakteren innewohnt, wäre noch zu ertragen, diente sie nicht als Vehikel einer zur Schau gestellten moralischen Überheblichkeit, mit der simple Polaritäten geschaffen werden: die rechtschaffene Identität der Hauptcharaktere gegen die bösen Strippenzieher da oben; gegen mächtige geldversessene Kapitalisten, denen alles Schöne und Gute egal ist: Allen Ernstes lässt man einen Lars Eidinger als reichen Unternehmer beim Schauen eines Bayern-Spiels jubeln - und ihn anschließend süffisant gestehen, er sei kein Fan, er besäße nur ein paar der Spieler. Verschwörungstheoretiker haben an den maskenhaften Kreationen sicher ihre Freude.

Womöglich könnte man auch über diese billigen Taschenspielertricks hinwegsehen. Schließlich werden sie jederzeit begleitet von ansehnlichen Kamerafahrten, von eindrücklichen Bildwelten und - ihre „Matrix“-Wurzeln haben die Wachowskis nicht vergessen - von unterhaltsam inszenierten Actionsequenzen. Was jedoch gänzlich unverzeihlich erscheint, ist der naive Esoterik-Fimmel, der in Staffel 2 auf die Spitze getrieben wird. Als würde es nicht schon reichen, dass sich die Hauptfiguren „spüren“ und irgendwie „verbunden“ sind, muss das durch unerträgliche Wohlfühl-Szenen laufend unterstrichen werden.

Irgendwo zwischen der von Böhmermann kritisierten Industriemusik-Ästhetik, naiver Hipster-Hippie-Romantik und stockreaktionärer Neobürgerlichkeit bewegt sich der Tenor: aussagelos, anbiedernd, arschlangweilig. Dadurch wird auch in der zweiten Staffel des als Idee überaus interessanten Gedankenspiels „Sense8“ leider fast jeder lobenswerte Ansatz übertüncht. Sollte es die Vision der Wachowskis gewesen sein, in einer Eso-Matrix Action-Wohlfühlkitsch mit Möchtegernmetaebene und Pseudopolitik zu kaschieren - dann ist diese Vision nun umgesetzt.

tsch

Das könnte Dich auch interessieren

Kommentare