Ring frei für die Ladys

Die Netflix-Serie „GLOW“ verneigt sich vor der Wrestlemania der 80er-Jahre

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Neonfarben und Frauenpower: In „GLOW“ treffen einige Ladys aufeinander, um sich vor herrlich überzeichneter Eighties-Kulisse gegenseitig auf die Matten zu hauen.

Frauen, die sich im Ring verdreschen: Man meint „GLOW“ schnell zu durchschauen, wird von der neonleuchtenden neuen Netflix-Serie aber doch überrascht.

Es stimmt schon: Die 80er-Jahre waren die Zeit, als Wrestling ausgehend von den USA zu einem weltweiten popkulturellen Massenphänomen wurde. Da gab es Hulk Hogan, André the Giant, den „Macho Man“ Randy Savage, Ric Flair und den Ultimate Warrior. Insofern ist die neue Serie „GLOW“ in diesem Jahrzehnt ganz passend angesiedelt. Wobei Frauen, anders als in dem schrillbunten Dramedy-Format, damals lediglich als hübsche Accessoires mit zum Ring geführt wurden. Wo man der Wrestling-Historie gerecht wird und wo nicht, wird den Machern um Liz Flahive und Carly Mensch aber herzlich egal gewesen sein, als sie sich diese Show ausdachten. „GLOW“ ist perfekt austariertes Zielgruppenfernsehen, wie es längst typisch ist für Netflix-Produktionen.

„Grace and Frankie“ zielt auf Zuschauer jenseits der 60 sowie auf die gesamte LGBT-Community ab; die „Beat Bugs“ machen Kinder bis sechs Jahre sowie deren Beatles-liebende Eltern glücklich; die Marvel-Serien von „Daredevil“ bis „Iron Fist“ bedienen die Wünsche der Comic-Fans. Inzwischen nimmt der Streamingdienst Netflix kaum noch ein Format in sein Programm auf, bei dem das anvisierte Publikum nicht von der ersten Drehbuchseite an mitgedacht scheint. Wem „GLOW“ besonders gefallen dürfte: Popkulturell interessierten Männern, vor allem aber Frauen in ihren 30-ern und 40-ern -, und zwar sowohl denjenigen, die Powerbombs und Bodyslams damals schon abfeierten, als auch jenen, die diesen Wrestling-Quatsch schon immer doof fanden.

„Glaubt irgendjemand wirklich, dass das alles echt ist?“ - Das ist bei „GLOW“ gar nicht die Frage. Als Ruth (Alison Brie) das erste Mal einen Fuß in einen Ring setzt, ist die Inszenierung der Shows für sie kein Thema - so fremd ist ihr das Wrestling. Die andauernd ungefragte und deshalb schon recht verzweifelte junge Schauspielerin ist einem Castingaufruf gefolgt. Gesucht werden Frauen, die offen sind für etwas Neues ... Keine Pornos, immerhin! Der unerfahrene junge Produzent Sebastian „Bash“ Howard (Chris Lowell) und der verkokste Regisseur Sam Sylvia (Marc Maron) haben eine Vision: Mit den „Gorgeous Ladies Of Wrestling“ wollen sie eine spektakuläre neue Show ins Leben rufen.

Das Grundthema ist natürlich ein dankbares: Wo in der „Realität“ Zombie-Krieger wie der Undertaker immer wieder von den Toten auferstehen, wo CEOs im Ring mit Klappstühlen verdroschen werden und wo keine Fehde zu sehr an den Haaren herbeigezogen erscheint, kann sich ein Drehbuchautor für eine fiktive Serie nichts mehr ausdenken, das noch blödsinniger oder unglaubwürdiger wirken würde. Diese Freiheit schöpft „GLOW“ voll aus: Ruth hat mehrfach mit dem Mann ihrer besten Freundin Debbie (Betty Gilpin) geschlafen. Die doppelt Hintergangene stellt Ruth - ausgerechnet! - beim „GLOW“-Casting zur Rede und vermöbelt sie. Sam, der alles mit ansieht, is entzückt und engagiert Debbie als Star seines Ensembles. Debbie gegen Ruth, eine Fehde mit echtem Hass! - Etwas Besseres konnte der neuen Show nicht passieren.

Worum geht es also bei „GLOW“? Blut und Titten? Nein, wie Sam seinen unbeholfenen Akteurinnen erklärt: Es geht um die Story! Das nahmen sich augenscheinlich auch die Serienschöpfer Flahive und Mensch zu Herzen, die sich manchen Schwachsinn erlauben, aber eine durchgehend unterhaltsame Geschichte erzählen. So gelingt es ihnen dann auch, dass das Reißbretthafte ihrer Serie bald in den Hintergrund rückt.

Während es im Ring überwiegend klamaukig zugeht, spielen sich vor und nach den Kämpfen rührende zwischenmenschliche Dramen ab. Das vielleicht Schönste an diesem neonleuchtenden Format ist aber, dass es den oftmals belächelten Wrestlingsport direkt und indirekt als das würdigt, was er ist: eine sehr spezielle, bisweilen großartige Unterhaltungsform, die manchmal auch echt wehtut.

tsch

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