Start am 8. Juli

Netflix-Flüchtlingsdrama „Stateless“: An der Grenze der Menschlichkeit

Warum Sofie (Yvonne Strahovski) in einem australischen Internierungslager landet, erschließt sich für den Zuschauer lange nicht.
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Warum Sofie (Yvonne Strahovski) in einem australischen Internierungslager landet, erschließt sich für den Zuschauer lange nicht.

Was passiert eigentlich hinter den Zäunen und Mauern australischer Internierungslager? Die Netflix-Serie „Stateless“ erzählt anhand von vier Einzelschicksalen von Erniedrigungen und einer Zweiklassengesellschaft in einem Flüchtlingslager.

„Unsere Standards gehören gemäß den internationalen Richtlinien zu den höchsten der Welt. Dies ist eine erstklassige Einrichtung“: Man würde Claire Kowitz (Asher Keddie) gerne glauben, wenn sie über das Internierungslager in Barton spricht. Doch als Zuschauer weiß man zu dem Zeitpunkt bereits, dass sich hinter dem „sehr gut ausgebildeten Personal“ nur beschönigende PR verbirgt. Denn im Auffanglager für Flüchtlinge irgendwo im Nirgendwo des australischen Outbacks ist nichts erstklassig. Was stattdessen hinter den hohen Zäunen und gut bewachten Toren passiert, erzählt ab 8. Juli die Netflix-Serie „Stateless“.

Die Produktion von Oscar-Preisträgerin Cate Blanchett, die selbst in einer Nebenrolle zu sehen ist, nimmt vier Protagonisten in den Blick, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die deutsche Flugbegleiterin Sofie (Yvonne Strahovski) ist offensichtlich psychisch labil. Wie Rückblenden aufklären, fühlt sie sich von ihrer Familie nicht geliebt und wurde obendrein nach einer perfiden Gehirnwäsche von einer sektenähnlichen Tanzgemeinschaft von eben dieser wieder grausam ausgestoßen. Warum diese hübsche, junge Frau in einem australischen Flüchtlingslager landet und dort unter einer falschen Identität firmiert, lässt die sechsteilige Mini-Serie lange im Ungewissen.

Eindeutiger ist die Lage bei Armeer (Fayssal Bazzi) und seiner Familie, die der Zuschauer auf ihrer Flucht aus Afghanistan begleitet. Von Schleusern getäuscht und von seinen Liebsten getrennt, landet er schließlich alleine in Barton. Wie durch ein Wunder kommt es zwar zum Wiedersehen mit einer seiner Töchter. Die kann ihm jedoch nur berichten, dass Armeers Frau und seine zweite Tochter im Meer ertrunken sind - zweifellos eine der ergreifendsten Szenen der Netflix-Serie.

Zwischen klassischer Musik und Einzelhaft

Ebenfalls nahe geht das Gefühlschaos, mit dem der neue Lagerwächter Cam (Jai Courtney) zu kämpfen hat. Während er dank des hohen Gehaltes seiner Familie ein neues, schickes Haus mit Pool bieten kann, plagen ihn nach der Prügelattacke seiner sadistischen Kollegin Harriet (Rachel House) gegen einen Insassen Gewissensbisse. Leicht ist die Lage auch für die eingangs erwähnte Claire nicht. Sie soll dem Lager in Barton gute Presse bescheren. Nur dann winkt die langersehnte Beförderung. Da sind Protestler auf dem Dach und eine aufkeimende Rebellion unter den Insassen nicht gerade förderlich. Im Spannungsfeld zwischen Karriere und Menschlichkeit droht sie zum Bauernopfer höher gestellter Interessen zu werden.

„Stateless“ verzichtet größtenteils auf explizite Szenen und plakative Rhetorik. Es sind die vermeintlich leisen Szenen, die die Qualität der Serie ausmachen. Dass sich der Lagerleiter in seinem Büro das vermeintlich elitäre Vergnügen klassischer Musik gönnt, während vor seinem Fenster Menschen seit Jahren ein trostloses Dasein voller Hoffnungslosigkeit fristen und zur Not durch Einzelhaft gefügig gemacht werden, vermittelt subtil die Unterschiede der Zweiklassengesellschaft in Barton.

Die Schilderung des Alltags im Lager und der Fokus auf die Einzelschicksale der Protagonisten erfolgt sprunghaft. Episodisch erzählt, beginnen die Macher viele neue Handlungsfäden, nicht alle werden weitergesponnen, und viele Geheimnisse werden zunächst nur angedeutet. So erreicht „Stateless“ selten Spannungsspitzen, weiß aber dank der berührenden Geschichten zu überzeugen.

teleschau

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