Der Feind ist tot, es lebe der Feind

Narcos - Staffel 3

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Er will sie alle: Drogenfahnder Javier Peña (Pedro Pascal) spielt auch in der dritten „Narcos“-Staffel eine zentrale Rolle.

Ein Jahr lang mussten sich Fans der Netflix-Serie „Narcos“ gedulden, am Freitag, 1. September, startet nun endlich die dritte Staffel - allerdings ohne den bisherigen Protagonisten.

Leblos und blutverschmiert liegt Pablo Escobar (Wagner Moura) am Ende der zweiten „Narcos“-Staffel auf einem Ziegeldach, während DEA-Agenten und Polizisten lächelnd mit der Leiche Fotos machen. Der wichtigste Protagonist der Serie ist tot, und trotzdem kündigte Netflix zur allgemeinen Verwunderung im September 2016 zwei weitere Staffeln an. Zu Recht fragten sich die Zuschauer, wie es denn ohne den raffinierten und zugleich kaltblütigen Drogenboss weitergehen solle. Seine Geschichte ist auserzählt, aber die des kolumbianischen Drogenkriegs noch lange nicht. „Am Tag, als Pablo draufging, wurde das Cali-Kartell zum Staatsfeind Nummer eins“, erklärt Agent Javier Peña (Pedro Pascal). Die Machenschaften der „Gentlemen von Cali“ sind ab 1. September auf Netflix verfügbar, und „Narcos“-Fans werden berechtigterweise mit einem gewissen Misstrauen auf diese Fortsetzung schauen.

Natürlich versuchten die Macher, auf bewährte Mittel zurückzugreifen, aber trotzdem soll nun alles anders sein. Statt einem Drogenboss sind es jetzt vier: Gilberto Rodriguez Orejuela (Damian Alcazar) und sein Bruder Miguel Rodriguez Orejuela (Francisco Denis), Pacho Herrera (Alberto Ammann) und Chepe Santacruz Londono (Pepe Rapazote). Der Aufbau des Kartells wird nicht erzählt, dieser Teil der Geschichte wurde schon in den ersten beiden Staffeln immer wieder mit angerissen. Vielmehr steigt der Zuschauer nun am Höhepunkt der Macht der Cali-Barone ein.

Zunächst ereignet sich Erstaunliches: Gilberto versammelt seine Kartell-Mitglieder und macht festlich bekannt: „In sechs Monaten wird unsere Organisation aus dem Kokain-Business aussteigen.“ Auf Freude trifft der Drogenboss mit diesem Vorhaben nicht, doch seine Kollegen sehen auch den Vorteil: Sie können ihr Vermögen behalten - und das gilt es bis dahin mit allen Mitteln zu vergrößern.

Obwohl die Mission des Kartells klar formuliert ist, bleibt „Narcos“ eine Serie, die man mit ungeteilter Aufmerksamkeit anschauen muss. Das liegt zum einen am Spanisch, das nur mit Untertiteln übersetzt wird, zum anderen an der Vielzahl der Figuren und ihren Interessen.

Gut, dass es dabei einige Konstanten gibt, wie zum Beispiel Agent Peña. Er kehrt mit unverändert grimmiger Miene aus Amerika zurück nach Bogotá - sein Partner Steve Murphy (Boyd Holbrook) fehlt allerdings. Statt dem Ur-Gespann reisen nun zwei junge Agenten, die sich wenig leiden können und wohl auch kaum etwas gemeinsam haben, nach Cali, und erinnern dabei an Murphy und Peña. Überhaupt: Die Parallelen zu den ersten Staffeln sind auffällig. Trotzdem unterstreicht Produzent Eric Newman im „Hollywood Reporter“ die grundlegenden Unterschiede: „Im Gegensatz zu Escobar, der sich als Bandit positionierte, war Cali viel mehr ein Teil vom System.“

Aber das grundsätzliche Problem, das viele mit dieser neuen Staffel haben werden, ist schwer von der Hand zu weisen: Wer an „Narcos“ denkt, wird das Bild von Wagner Moura im Kopf haben, der seine Rolle bis in die letzte Faser perfektionierte. Seine Präsenz gab der Serie ihre unverwechselbare Dynamik. Dass diese Säule wegfällt, ist nur schwer zu verkraften. Genauso schmerzlich vermisst der Zuschauer aber auch die Ironie zwischen Peña und Murphy. Aber man sollte den neuen Folgen Zeit geben. Denn auch wenn in einigen Szenen das Gefühl aufkommt, alles schon einmal so ähnlich gesehen zu haben, ist die Fortsetzung keinesfalls langweilig. Gerade was die Ausstattung angeht, hat die Produkion noch einmal deutlich zugelegt. Packend werden die Kontraste zwischen den kolumbianischen Hinterhöfen und den luxuriösen Anwesen der Kartell-Bosse zelebriert, all die Schauplätze für Explosionen, hitzige Verfolgungsjagden und Schusswechsel wirken unglaublich realistisch. Man merkt, wie wichtig es den Machern war, größtmögliche Authentizität zu erzeugen.

Neben dem Beibehalten der spanischen Sprache spielen auch diesemal die dokumentarischen Einblendungen von Fotos, Zeitungsausschnitten und Videos eine große Rolle. Das Verbinden von Fiktion und Realität macht die Serie zu unterhaltsamen Geschichtsunterricht und unterstreicht gleichzeitig ihre Relevanz. Also heißt es, dranbleiben: Spätestens wenn zum dritten Mal die bekannte lateinamerikanische Titelmusik erklingt, werden auch Skeptiker fasziniert weiterschauen. Netflix scheint sich sowieso sicher zu sein, dass man eine ähnliche Geschichte genauso gut ein zweites Mal erzählen kann, und bestellte im Zuge mit der dritten auch gleich die vierte Staffel.

teleschau

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