Der loyale Workaholic

Nadeshda Brennicke im Interview

Seit 28 Jahren gut dabei im Film- und Fernsehgeschäft: Nadeshda Brennicke.
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Seit 28 Jahren gut dabei im Film- und Fernsehgeschäft: Nadeshda Brennicke.

Anhaltender Ruhm ist in der Film- und Fernsehbranche ein rares Gut. Wie gelingt es Nadeshda Brennicke dennoch, seit fast 30 Jahren als Schauspielerin erfolgreich zu sein? Im Interview gibt sie Einblicke in ihre Arbeitsweise und Rollenauswahl.

Nadeshda Brennicke ist seit fast drei Jahrzehnten gut im Geschäft. Im zarten Alter von 18 Jahren feierte sie ihr Schauspieldebüt im Kinofilm „Manta - Der Film“ (1991) - seitdem ist es ihr gelungen, eine nahezu permanente Präsenz aufrechtzuerhalten. Sowohl im Fernsehen - mehrere „Tatort“-Episodenrollen sowie Einsätze in den Serien „The Team“ und „Die Protokollantin“ - als auch im Kino - „Tattoo“ (2002), „Banklady“ (2013), „Wendy - Der Film“ (2017) - verbucht sie immer wieder große Erfolge. Seit 1993 verging kein Jahr, in dem sie nicht an mindestens zwei Projekten beteiligt war. Auch 2019 hat sich daran nichts geändert: Am Sonntag, 14. April, 20.15 Uhr, ist die 45-Jährige im ZDF-Melodram „Fluss des Lebens - Kwai“ zu sehen, einen Tag später übernimmt sie in der SAT.1-Komödie „Schwiegereltern im Busch“ (ebenfalls zur Primetime) ein zweites Mal die Rolle der „adligen Tussi“ Renate von Zangenheim. Wie schafft es Brennicke dieses enorme Drehpensum seit Jahren zu stemmen?

Auslandsdrehs? Immer her damit!

nordbuzz: Sie drehten in Südafrika, nahe Johannesburg. Wie war der Dreh in der Natur?

Nadeshda Brennicke: Sehr anstrengend, vor allem aufgrund der Hitze! Aber ich hatte drei zauberhafte Kollegen an meiner Seite und dadurch war's immer sehr lustig - wir haben viel miteinander gelacht! Da hat es sich gut aushalten lassen.

nordbuzz: Gab es Gefahrensituationen mit wilden Tieren?

Brennicke: Ja, allerdings muss man immer aufpassen, wenn man mit Tieren dreht - egal ob wild oder domestiziert. Meine Kollegin Julia Heinze hat eine Szene gedreht, in der wir andeuten, dass sie von einer Schlange gebissen wird. Es bestand zwar keine echte Gefahr, aber das Reptil ist richtig auf sie losgegangen. Da ziehe ich meinen Hut vor der Courage meiner Kollegin, das war keine einfache Drehsituation. Ich weiß nicht, ob ich da entspannt geblieben wäre. (lacht)

nordbuzz: Steht man bei einem Dreh mit kleinem Ensemble auch mal an der Schwelle zum Lagerkoller?

Brennicke: Natürlich! Das geht einem bei fast jedem Dreh so. Diesmal war es aber extrem: Auf dem Hotelgelände durften wir uns nur eingeschränkt bewegen, weil überall wilde Tiere unterwegs waren und die Produktion natürlich besondere Vorsicht walten ließ. Das war sehr hart für mich, weil ich sehr freiheitsliebend bin. Vier Wochen auf so engem Raum waren echt heftig. Aber mit drei humorvollen Kollegen kann man sich das Gefängnis durchaus schön gestalten!

nordbuzz: Sie haben in letzter Zeit viel im Ausland gedreht ...

Brennicke: Ja. Es ist nicht ganz einfach. Für mich war das ein Drehjahr, in dem ich quasi permanent unterwegs war. Direkt im Anschluss an die Drehs für „Fluss des Lebens - Kwai“ und „Schwiegereltern im Busch“ war ich gleich wieder für längere Zeit im Ausland und habe nochmals einen Film in Thailand gedreht. Aber das ist auch ein unglaubliches Geschenk. Ich hatte früher fast nie außerhalb Deutschlands gedreht und mir immer eine solche Chance gewünscht. Seit mein Sohn von zu Hause ausgezogen ist, hat mich eine große Reiselust gepackt. Und dann ging's plötzlich Schlag auf Schlag: zweimal Thailand und einmal Südafrika - das war ein Geschenk des Himmels! Quasi ein Jahr Urlaub! (lacht) Das ist zwar aufgrund der langen Abwesenheit nicht ganz leicht zu lösen, aber ich habe großartige Leute gefunden, die sich dazu bereit erklärt hatten, zu Hause auf meinen Hof und die Tiere aufzupassen - das hat alles super geklappt.

Liebe - ja. Ehe - besser nicht!

nordbuzz: Sie dürfen in Ihrer Rolle als Renate von Zangenheim eine nervige, adlige Tussi in Designerklamotten spielen. Kann man in so einer Rolle ordentlich auf den Putz hauen?

Brennicke: Na klar! Sie haben ja gar keine Ahnung, wie viel Freude es mir macht, eine derart überzeichnete Figur zu spielen! Ein Charakter wie Renate ist ein Geschenk. Gerade die Idee, dass sie diesen rosafarbenen Koffer durch die ganze Savanne schleppt, ist goldwert! Ich habe im Laufe meiner Karriere so viel Drama gespielt und so viele Leute in Filmen umgebracht, weswegen ich froh bin, dass durch diese Komödiendrehs ein bisschen Leichtigkeit in mein Berufsleben einkehrt.

nordbuzz: „Schwiegereltern im Busch“ räumt mit Stereotypen und Klischees auf und parodiert diese: arm gegen reich, Ost gegen West, Mann gegen Frau. Ist die Komödie das perfekte Genre, um mit antiquierten Vorstellungen aufzuräumen?

Brennicke: Es sind natürlich allesamt Themen, die sich sehr gut parodieren lassen. Man sollte im Leben versuchen, auch die schwierigen Situationen mit Humor zu nehmen - oft ist das die einzige Möglichkeit, wie man sich souverän durch eine Krise manövriert. Insofern ist das Genre der Komödie ganz generell eine schöne Art, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Es hat definitiv viel Spaß gemacht, an den ganzen Klischees zu kratzen - primär ging es uns allerdings um den Unterhaltungsaspekt.

nordbuzz: Im Film dreht sich alles um die Liebe und die Hochzeit der Kinder. Glauben Sie an die Ehe?

Brennicke: Ich glaube an die Liebe, aber nicht an die Ehe! Ich sehe überhaupt keinen Sinn darin, zu heiraten. Man kann eine kleine Zeremonie unter Freunden abhalten, aber wozu braucht man das Ganze denn auf Papier? Das ist nur sinnvoll, wenn man Kinder hat. Ansonsten bringt das doch nichts, es macht die ganze Sache nur noch komplizierter, wenn man irgendwann merkt, dass die Beziehung nicht mehr funktioniert. Bei fast all meinen Freunden war die Heirat der Anfang vom Ende! (lacht)

Das Geheimnis ihres Erfolgs

nordbuzz: Sie arbeiten jetzt schon seit rund drei Jahrzehnten erfolgreich im Film- und Fernsehgeschäft. Viele Darstellerinnen beklagen sich darüber, dass das Rollenangebot ab 40 stetig abnimmt. Stimmen Sie zu?

Brennicke: Ich glaube, dass man vor allem positiv bleiben muss, und das ist in diesem Beruf das Schwierigste. Es ist ein hartes Metier. Ob Sie gerade angesagt sind oder nicht, lässt Sie diese Branche sehr deutlich spüren - auf jeder Veranstaltung. Es gibt Preisverleihungen, da will jeder mit einem sprechen und dann gibt es solche, auf denen man quasi von niemandem gesehen wird, weil alle anderen plötzlich wichtiger sind. Man übersteht das nur, wenn man sich eine Beschäftigung sucht, die einen ausgleicht. So habe ich es zumindest gemacht mit meinem Hof und den Pferden. Hat man diesen Ausgleich nicht, dann bleibt man nicht positiv. Und bewahrt man sich keine positive Attitüde, dann merken das auch die Menschen, mit denen man arbeitet. Das mündet dann in einen Teufelskreis: andere spüren das und die Angebote nehmen ab. Das ist zumindest ein Teil meines - wenn Sie es so nennen möchten - Erfolgsrezeptes.

nordbuzz: Hört sich so an, als gäbe es noch einen weiteren?

Brennicke: Ja - ich war mir nämlich nie zu schade, auch mal kleinere Rollen anzunehmen und vielleicht mal nur für drei Drehtage beschäftigt zu sein. Sofern ich auch nur im Ansatz gesehen habe, dass ich etwas aus den Figuren machen könnte, habe ich diese Angebote - so klein sie auch sein mochten - gerne angenommen. Dadurch gewinnt man die Treue und Loyalität einiger Produzenten und Regisseure, die dankbar dafür sind, dass es nicht immer eine Hauptrolle sein muss. Das hilft mir viel. Ich werde sehr oft von Leuten angefragt, mit denen ich bereits in der Vergangenheit gearbeitet habe. Aber es gehört natürlich auch eine Riesenportion Glück dazu - neben Fleiß und Talent. Man muss den Filmemachern immer wieder von Neuem auffallen, sich selbst kontinuierlich weiterentwickeln und gewissermaßen neu erfinden - dafür braucht man unheimlich viel Energie, die man regelmäßig aufladen muss.

Sexismus in der Branche

nordbuzz: Hat sich in der Branche etwas geändert in puncto Sexismus?

Brennicke: Ich denke, dass überall dort, wo Macht eine Rolle spielt, Sexismus präsent ist. Das kann man nicht nur auf die Schauspielerei beziehen, das ist mir im Alltag bereits in jeder Form widerfahren. Ich bin froh, dass das bei mir mittlerweile ein wenig nachlässt - ich werde schließlich nicht jünger! (lacht) Die Art von Regisseuren, die es zu Beginn meiner Karriere gab, ist mittlerweile nahezu ausgestorben. Die nachfolgende Generation ist anders - aber ich weiß nicht, ob ich das nur gut finden soll.

nordbuzz: Inwiefern?

Brennicke: Nun ja, eine starke Persönlichkeit - egal ob sie mehr schlechte als gute Seiten besitzt - ist zumindest eine Persönlichkeit, die etwas will und etwas zu sagen hat. Eine, die Filme dreht, die den Unterschied ausmachen. Ohne Ecken und Kanten, ohne Schwarz und Weiß bleibt eben nur Grau. Aber das ist ja mit allem im Leben so: Gibt es nur Regen, wissen wir nicht wie die Sonne aussieht.

Einer neuen Kultur begegnen

nordbuzz: Haben Sie während der Dreharbeiten viel über die südafrikanische Kultur erfahren können?

Brennicke: Ja! Besonders schön war ein Ausflug nach Soweto, in das Künstlerviertel von Johannesburg. Oft wird Johannesburg als gefährlichste Stadt der Welt bezeichnet, man wird davor gewarnt, sich dort alleine zu bewegen. Das ist aber totaler Quatsch und hat sich überhaupt nicht bestätigt. Wir waren mehrmals in Soweto und haben inspirierende Nachmittage verbracht. Dort entstehen gerade tolle Bars, Restaurants und Kunstgalerien - ein wirklich spannender Ort, wenn man den geeigneten Reiseführer an seiner Seite hat. Viele Einheimische haben uns darum gebeten, die Botschaft zu verbreiten, dass es in Wahrheit gar nicht so gefährlich und stattdessen sehr schön in Johannesburg ist. Das hat mich sehr berührt. Für mich war es mein erster Aufenthalt in einem schwarzafrikanischen Land und diese Kultur fasziniert mich einfach - natürlich auch, weil mein Sohn zu einem Viertel schwarz ist.

nordbuzz: Deutschland und Afrika - durchaus ein schwieriges Thema, vor allem, wenn man an die koloniale Vergangenheit denkt. Wie gelingt ein Film, der sich respektvoll mit Afrika auseinandersetzt?

Brennicke: Das ist eine Frage, die Sie der Redaktion stellen müssen, denn wir als Schauspieler sind nicht direkt am Drehbuchprozess beteiligt - auch wenn wir uns das manchmal wünschen.

teleschau

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