Wotan Wilke Möhring-„Tatort“

Nach dem „Tatort“ vom Hamburger Kiez: War auf St. Pauli früher wirklich alles besser?

Der neue „Tatort“ mit Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) thematisierte den Wandel des Hamburger Vergnügungsviertels St. Pauli. Der ehemalige Kiez-Insider Falke muss feststellen, dass sich das Viertel seit seiner Jugend sehr verändert hat. Früher war mehr Romantik, oder?
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Der neue „Tatort“ mit Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) thematisierte den Wandel des Hamburger Vergnügungsviertels St. Pauli. Der ehemalige Kiez-Insider Falke muss feststellen, dass sich das Viertel seit seiner Jugend sehr verändert hat. Früher war mehr Romantik, oder?

Die Hamburger Kommissare Falke (Wotan Wilke Möhring) und Grosz (Franziska Weisz) mussten den Mord am Betreiber eines Großraum-Bordells auf St. Pauli aufklären. Es war ein Film über den Niedergang des „halbseidenen“ Gewerbes im Hamburger Amüsierviertel. Ein realistischer?

In den 60er- und 70er-Jahren galt St. Pauli als größtes Rotlichtviertel der Welt. Ein Stadtteil mit sehr eigenem Flair - einem Mix aus Künstlern und Kriminalität, Halbwelt und schrägen Geschäftsmodellen. Kurz: ein Eldorado für schräge Geschichten und Menschen, denen kein Extrem fremd war. Der Verfall mag allgegenwärtig gewesen sein, doch immerhin, so erzählen es die Altvorderen, soll man in der Szene noch etwas auf die Kiez-Ehre gegeben haben. Heute reagieren hier Systemgastronomie, Großraum-Puffs und ein knallhartes Bandenwesen, das keinerlei Gewalt-Limits kennt. So behauptete es zumindest der neue Wotan Wilke Möhring-„Tatort“ mit dem Titel „Die goldene Zeit“. Entsprachen die Schilderungen der Kiezballade der realen Entwicklung?

Worum ging es?

Der Mord am Chef eines der letzten alten „Familienunternehmen“ auf dem Kiez erschüttert St. Pauli. Das Opfer wurde von einem blutjungen Auftragskiller (Bogdan Iancu) aus Rumänien vor seiner Wohnungstür abgestochen. Die Hamburger Kommissare Falke (Wotan Wilke Möhring) und Grosz (Franziska Weisz) hatten es entsprechend schwer, erste Ermittlungsansätze zu finden. Falke, früher selbst auf dem Kiez als Türsteher aktiv, vermutete, dass ein albanischer Clan, der auf St. Pauli alles unter seine Fittiche genommen hat, den Mann auslöschen ließ, weil er sein lukratives Sex-Business nicht an sie verkaufen wollte. „Eisen-Lübke“ (Michael Thomas), früher ein väterlicher Freund und Mentor Falkes, erschwerte die Ermittlungen, weil der Kiez-Nostalgiker und ehemalige Sicherheitschef der Opfer-Familie seinen eigenen Rachefeldzug plante.

Worum ging es wirklich?

Früher war alles besser, sagt die Legende der Älteren. Für ehemalige Huren mit Herz (Katharina Vanas als Bardame in einer Kiezkneipe des alten Stils) oder Figuren wie „Eisen-Lübke“ ist auf dem neuen Kiez kein Platz mehr. Die Spielregeln des alten St. Paulis, wo man sich einfach mal geprügelt hat, um etwas zu klären, gelten nicht mehr. Heute schickt man einen bettelarmen, kindlichen Auftragsmörder aus Rumänien, der als Lohn einen Fernseher erhält. Der Rachefeldzug des „Eisen-Lübkes“ hatte etwas von einem alten John-Wayne-Streifen (auch darin war früher meist schon alles besser) oder einer Gangster-Ballade des Hongkong-Kinos. Tatsächlich nennt die junge Regisseurin dieses „Tatorts“, Mia Spengler, die Filme des Arthouse-Kino-Lieblings Wong Kar-Wai („Fallen Angels“) als Vorbild für ihren Krimi. Auch Wong Kar-Wai liebt es, melancholische Protagonisten auf magisch angehauchte Reisen in die Subkulturen der Großstadt zu schicken.

Wie hat sich der Hamburger-Kiez entwickelt?

Bereits im 17. Jahrhundert begann die Tradition der Amüsierbetriebe rund um den Spielbudenplatz und die Hamburger Wallanlagen. Das Lokal „Trichter“ in unmittelbarer Nähe zum Millerntor gilt als eine der ältesten Kneipen und Ausflugsziele rund um die Reeperbahn, auf der frühe Taue (Reepe) für die Seefahrt hergestellt wurden. Später übte die Swing-Jugend hier Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Hans Albers feierte das Viertel 1944 im Kultfilm „Große Freiheit Nr. 7“. 1960 begannen die Beatles hier ihre Weltkarriere als noch unbekannte, neue Band im Hamburger Exil. Anfang der 80-er erstarb die Prostitution vorübergehend auf St. Pauli im Zuge der Aids-Welle. Organisierte Banden drängten mehr und mehr in den Stadtteil und ergänzten das Sex- durchs Drogengeschäft. Ende der 80-er begann eine moderne Club- und Amüsierkultur im Viertel, die unter anderem Kultstätten wie den Mojo Club hervorbrachte,

Wer hat heute tatsächlich das Sagen auf dem Kiez?

Tatsächlich sind die schlimmsten Gewalt-Exzesse und Unruhen auf dem Kiez, auf die sich der Film (Drehbuch: Georg Lippert) bezieht, bereits ein paar Jahre her. Auch wenn es darüber keine amtlichen Vermerke gibt - bis vor ein paar Jahren bekriegten sich zwei bis drei „Player“, die das Revier unter sich aufgeteilt hatten. Es gab die deutsche Marek-Bande rund um die Herbertstraße, wogegen auf der nördlichen Seite Zuhälter aus Osteuropa ihr Ding machten. Auch Rockerbanden redeten ein Wörtchen mit. Immer wieder kam es zu Schießereien, Messerstechereien und anderen Gewalttaten. Seit einigen Jahren jedoch ist es eher ruhig. Das Geschäft scheint sich in „geordneten“ Bahnen zu bewegen - was auch daran liegen mag, dass das Viertel im Fokus von Polizei und Öffentlichkeit steht. Aktuell droht eher die Entwicklung zur „Geistermeile“. Immer mehr Clubs und alte Kiezkneipen schließen, sie werden von Kiosken, System-Gastronomie, Junggesellen-Abschieden und Bier-Bikes ersetzt. Gleichzeitig steigen die Mieten ins Unermessliche, Hipster übernehmen das ehemalige Arme-Leute-Viertel.

Wer spielte den „Eisen-Lübke“?

Schauspieler Michael Thomas ist zwar Wiener, bringt aber eine Biografie mit, die so schillernd ist, dass sie zu einer Kiez-Legende passt. Der 58-Jährige, 1,90 Meter groß und auch sonst von stattlicher Gestalt, wurde durch die Filme des österreichischen „Gossen“-Regisseurs Ulrich Seidl („Böse Spiele“, „Paradies: Hoffnung“) bekannt. Der Kettenraucher (60 Zigaretten) spielte schon früh Theater, arbeitete aber auch in den Berufen Boxer, Stuntman und Rock'n'Roll-Sänger. Als Old Shatterhand diente er zudem diversen Karl May-Festspielen. Eine Hamburger Kiez-Legende wollte er schon immer mal spielen, sagte er den Machern des neuen „Tatort“, als diese ihn für die Rolle des Eisen-Lübkes anfragten. Der Job passte also für beide Seiten: Die jungen Filmemacher bekamen einen Schauspieler, der viel Erfahrung und Ausstrahlung in Sachen melancholisch-harter Hund mitbrachte. Und der Österreicher? Er bekam eine waschechte Hamburger Kiez-Biografie auf den mächtigen Leib geschneidert. Passt.

teleschau

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