Die wichtigsten Fragen zu „Tatort: Das fleißige Lieschen“

Nach „Tatort“-Debüt der Saar-Kommissare: Wie wurden Verbrechen gegen NS-Zwangsarbeiter bestraft?

Die beiden Nachfolger Devid Striesows mussten zum Auftakt des neuen Saar-„Tatorts“ das Geheimnis einer Industriellenfamilie lösen: Daniel Sträßer (links) und Vladimir Burlakov. Während Sträßer ein waschechter Saarländer ist, kam Burlakov - wie Sträßer im Jahr 1987 - in Moskau zur Welt, siedelte aber als Kind nach München um.
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Die beiden Nachfolger Devid Striesows mussten zum Auftakt des neuen Saar-„Tatorts“ das Geheimnis einer Industriellenfamilie lösen: Daniel Sträßer (links) und Vladimir Burlakov. Während Sträßer ein waschechter Saarländer ist, kam Burlakov - wie Sträßer im Jahr 1987 - in Moskau zur Welt, siedelte aber als Kind nach München um.

Der mal wieder frisch aus der Taufe gehobene Saarland-„Tatort“ erzählte von Gewalt gegen Zwangsarbeiter im Dritten Reich und Trauma, die bis ins Heute reichen. Welchen Eindruck machten die neuen ARD-Kommissare?

Der neue „Tatort“ aus Saarbrücken führte zwei junge Kommissare ein, die in ihrer Jugend „beste Freunde“ waren, sich danach aber lange aus den Augen verloren hatten. Gleich zu Beginn ihrer Beziehungs-Neuauflage - als Ermittlungspartner - stechen sie in das Wespennest einer alten Industriellenfamilie, die voller Hass steckt. In „Tatort: Das fleißige Lieschen“ ging es nicht nur um Versündigungen an Zwangsarbeitern im Dritten Reich, sondern auch um einen Link zu Familiengewalt in den Herkunftsfamilien der Kommissare. Zu viel Stoff für einen (glaubwürdigen) Krimi?

Worum ging es?

Wie man mit seinen Kindern und Enkeln nicht umgehen soll, erfuhr man im neuen „Tatort“ aus Saarbrücken. Der steinalte Industrielle Bernhard Hofer, gespielt vom 94-jährigen Schauspieler Dieter Schaad („Lindenstraße“, „Heimat“), will endlich das Zepter abgeben und einen Nachfolger inthronisieren. Bei einer Familienfeier im schlossartigen Anwesen erhält der jüngere Enkel Erik (Gabriel Raab) den Vorzug vor Bruder Konrad (Moritz Führmann). Es kommt zum Eklat, Konrad und Erik verlassen den Saal. Nach einem handgreiflichen Streit wird Erik am nächsten Morgen tot aufgefunden. Schon Eriks und Konrads Vater wählte aufgrund des gnadenlosen Drucks in der Familie den Freitod. Und die beiden jungen Ermittler? Erinnern sich in Flashback an einen schlagenden Vater und dessen Joch, aus dem man sich mit Gewalt befreien musste.

Worum ging es wirklich?

Dass sich traumatische Gewalterfahrungen nicht nur von der Jugend ins Erwachsenenleben hangeln, sondern auch über Generationen hinweg als düsterer Schatten in der Familie halten, ist nicht neu. Trotzdem lohnt es sich, immer wieder an dieses tiefenpsychologische, oft unbewusst wirksame Prinzip zu erinnern, das in vielen Familien eine subtile Kraft ausübt. Ob es ein wenig überladen war, die düstere Kindheitsgeschichte der beiden Kommissare (Daniel Sträßer, Valdimir Burlakov) mit einer stark stilisierten Familiendynastie-Mär rund um Zwangsarbeiter im Dritten Reich zu parallelisieren, ist Geschmackssache. Ein wenig bemüht wirkte der doppelte Erzählstrang schon. Vielleicht lag dadurch etwas zu viel Schwere auf diesem ersten Fall der neuen Saarland-Kommissare.

Gab es für deutsche Verbrechen gegen Zwangsarbeiter Entschädigungen?

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde lange Zeit nur auf die Verbrechen in den Vernichtungslagern des Dritten Reiches geschaut. Dass im Wirkungsbereich des damaligen Deutschlands mehr als 20 Millionen Zwangsarbeiter unter ähnlich menschenverachtenden Bedingungen harte Arbeiten leisten mussten, wurde juristisch-systematisch erst ab den 90-ern aufgerollt, als einige Sammelklagen in den USA gegen deutsche Firmen den Stein ins Rollen brachten. Nach langen Verhandlungen unter Beteiligung der USA, Israels, Russlands, Polens, Tschechiens, der Ukraine, Weißrusslands, der Stifterinitiative deutscher Unternehmen, der Claims Conference sowie einer Reihe von Anwälten, die Opfer des Nationalsozialismus vertraten, schloss die Bundesrepublik Deutschland mit den USA ein Regierungsabkommen über die Errichtung einer Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“. Am 2. August 2000 trat ein entsprechendes Entschädigungs-Gesetz in Kraft. Zehn Milliarden D-Mark wurden gesammelt, die je zur Hälfte von der Bundesrepublik und von der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft aufgebracht werden sollten.

Welche großen deutschen Firmen zahlten bereits früher?

Der Einsatz von Zwangsarbeitern war während des Dritten Reiches, vor allem aber während der Kriegsjahre, weit verbreitet. Neben zahllosen kleinen und mittleren Betrieben, wie im Saar-„Tatort“ beschrieben, profitierten natürlich auch Großkonzerne von Menschen (Kriegsgefangene und inländische „unliebsame“ Personen), die völlig rechtlos zu Zwangsarbeit herangezogen wurden. Dafür zahlten deutsche Firmen Entschädigungen an die Opfer und ihre Nachkommen - auch schon vor dem Gesetz aus dem Jahr 2000. Ein paar Beispiele mit Summe und Jahreszahl in Klammern: I.G. Farbenindustrie AG (30 Millionen DM, 1957), Daimler Benz (20 Millionen DM, 1988), Krupp-Konzern (10 Millionen DM, 1959), Siemens (7 Millionen DM, 1962).

Wer erhielt eine Entschädigung?

KZ- und Ghetto-Häftlinge erhielten durch das 2000er-Bundesgesetz und die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ den Maximalbetrag von 7.669 Euro (Kategorie A) ausgezahlt. Inhaftierte in Arbeitserziehungslagern und sogenannten „anderen Haftstätten“ bekamen zwischen 3.068 und 7.669 Euro, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in der Industrie in der Regel 2.556 Euro (Kategorie B). Keine Zahlungen erhielten Kriegsgefangene, sofern sie nicht in Konzentrationslagern inhaftiert waren.

Wer sind die beiden neuen Kommissare?

Vladimir Burlakov (spielt den schießgehemmten Kommissar Leo Hölzer) wurde im Juli 1987 in Moskau geboren. Er kam als jugendlicher Flüchtling ohne Deutschkenntnisse nach München. Über eindrückliche Rollen in Dominik Grafs „Im Angesicht des Verbrechens“ (2010) oder als „Marco W. - 247 Tage im türkischen Gefängnis“ (2011) spielte er sich schnell in den Fokus. Wohl im Herbst ist er auch in der aufwendigen ARD-Miniserie „Oktoberfest 1900“ zu sehen. Daniel Sträßer (Rolle: Kommissar Adam Schürk), der ganze vier Tage älter ist als sein Kollege Burlakov, stammt aus dem Saarland und war bereits in jungen Jahren einer der Stars am Wiener Burgtheater. In Film und Fernsehen ist er noch ein Geheimtipp, glänzte bislang in Nebenrollen („Charité“). Neben seinem „Tatort“-Job wird er auch im kommenden Sky-Serienprojekt „Hausen“, der ersten deutschen Horrorserie, eine Hauptrolle spielen.

Sind diese Kommissare schwul? Und wo bleiben die Frauen?

Der neue „Tatort“ von der Saar präsentiert seit langer Zeit mal wieder ein rein männliches Team, dazu ein junges und gutaussehendes. Im Interview mit einer großen deutschen Fernsehzeitung reagierten die Darsteller - nach Einschätzung des Autors - etwas nervös und irritiert auf die Frage, ob es nicht mal Zeit wäre, im „Tatort“ ein schwules Ermittler-Pärchen einzuführen. Vielleicht ist in dieser Hinsicht ja tatsächlich für die Zukunft etwas geplant. In Folge eins jedenfalls wird Adam Schürk (Daniel Straßer) beziehungslos gezeichnet, während man Leo Kölzer (Vladimir Burlakov) mal beim - wohl heimischen - Abendessen mit seiner Freundin erlebt. Überhaupt die Frauen: Sie spielen fast keine Rolle im ersten neuen Saar-„Tatort“. Zwei Kommissarinnen (Brigitte Urhausen, Ines Marie Westernströer) und eine Gerichtsmedizinerin (Anna Böttcher) im Team von Schürk und Hölzer, bekamen kaum „screen time“ im Auftaktfall. Soll sich aber ändern, sagen die beiden Hauptdarsteller ...

teleschau

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