Warum die Rückkehr nach „Twin Peaks“ beschwerlich ist

Komm nach Hause, Cooper!

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Während sein böser Doppelgänger Menschen umbringt, ist Dale Cooper (Kyle MacLachlan) seit 25 Jahren gefangen im Red Room.

Es gibt keinen Kirschkuchen und Kaffee nur aus dem Pappbecher „to go“. Nach 26 Jahren Unterbrechung entführt David Lynch die Zuschauer wieder nach Twin Peaks. Es fühlt sich nicht wie eine Heimkehr an.

Die Titelmusik haben sie nicht angetastet. Im Vorspann der insgesamt 18 neuen „Twin Peaks“-Folgen schwebt die Kamera über den mächtigen Wasserfall in der fiktiven Kleinstadt im Nordwesten der USA hinweg - und Angelo Badalamenti spielt die Melodie, die ganz tief im Magen verfängt. Als wäre es wieder 1990. Erinnerungen werden wach an eine der großen Sternstunden des Fernsehens, an einen jener kostbaren Momente, als Kunst und Konsens eines wurden. Aber die Erinnerung ist das eine, die Gegenwart etwas anderes. 27 Jahre, nachdem sie einen unverhofften Straßenfeger auf die Bildschirme zauberten, wagen David Lynch und Mark Frost für das US-Netzwerk Showtime die Rückkehr nach „Twin Peaks“. Es ist ohne Frage des Serien-Revival der Saison, und es ist ein ambitioniertes Projekt. Nach Ansicht der Debütfolgen muss man konstatieren: Es könnte scheitern.

Dabei ist der Aufwand hinter dieser mit Verzögerung abgeschlossenen Fortsetzung nicht eben gering. 217 Personen weist die offizielle Besetzungsliste auf. Neben einigen neu verpflichteten A-Klasse-Stars (unter anderem Monica Bellucci, Amanda Seyfried, Naomi Watts) sind fast alle Schauspieler aus den ersten beiden Staffeln wieder mit dabei, darunter Kyle MacLachlan, Ray Wise, Mädchen Amick und Sheryl Lee. Auch der im Januar verstorbene Miguel Ferrer ist zu sehen sowie die bereits 2015 verstorbene „Log Lady“ Catherine E. Coulson, die sichtlich krank einen berührenden Auftritt am Telefon hat, natürlich mit dem orakelnden Holzscheit in der Hand.

Und doch fühlt sich diese von zahllosen Fans herbeigesehnte „Rückkehr“ nicht wie eine Heimkehr an, zumindest nicht in den ersten zwei Folgen, die dem US-Publikum sowie den Besuchern der Filmfestspiele von Cannes nun präsentiert wurden. Es gibt nur eine Handvoll kurzer, ungastlicher Szenen aus dem titelgebenden Holzfällernest an der kanadischen Grenze. Das Double R Diner gibt's noch, das Great Northern Hotel, die High School, die Laura Palmer einst besuchte, und auch das Roadhouse. Daneben aber konzentriert sich das Geschehen auf gänzlich neue Handlungsorte. Wenn David Lynch und sein Co-Autor Mark Frost sich nicht gerade in gespenstischen Halbwelten tummeln.

Dass „Twin Peaks“ allenthalben als „David-Lynch-Serie“ gilt, ist bei Licht betrachtet nur bedingt korrekt

Was also ist geschehen, seit sich der vom FBI einst zur Klärung eines Mordfalls entsandte Special Agent Dale Cooper (gealtert, aber immer noch irgendwie lausbübisch: Kyle MacLachlan) dem Dämon Bob ergab, um seine Liebe zu retten? Nun, der stoische Ermittler ist seither gefangen im mystischen „Red Room“, diesem symbolgeladenen Übergangsort zwischen Gut und Böse, während sein maliziöser Doppelgänger (gealtert, gegerbt, aber so gar nicht lausbübisch: Kyle MacLachlan) in der Welt da draußen Menschen umbringt.

Auch in Buckhorn, South Dakota, geschah ein grauslicher Mord, unter Tatverdacht steht ein Schulleiter, der beteuert, die Tat nur geträumt, nicht begangen zu haben. Und dann verbringt man als Zuschauer in den ersten zwei Stunden Zeit, viel Zeit, in einem seltsamen New Yorker Hochhausgeschoss, wo ein junger Mann ein Loch in der Wand beobachten soll, was ihm auf spektakuläre Weise zum Verhängnis wird.

Dass „Twin Peaks“ allenthalben als „David-Lynch-Serie“ gilt, ist bei Licht betrachtet nur bedingt korrekt. Zum einen, weil der Kinomagier dieses wegweisende Format einst in Zusammenarbeit mit dem Serienfachmann Mark Frost entwickelte, zum anderen aber, weil Lynch nur einen Bruchteil der Episoden aus Staffel eins selbst inszenierte und mit der hinten raus ziemlich verkorksten zweiten Staffel fast gar nichts mehr zu schaffen hatte. Das ist in der Fortsetzung dieses streckenweise auch verklärten Fernseh-Mythos anders.

Lynch hat diesmal den Regiestuhl nicht verlassen, was man der Motivgebung jederzeit anmerkt. Von „Eraserhead“ bis zu den anregend verspulten Millenniumsgroßwerken „Lost Highway“ und „Mullholland Drive“ zitiert der Meister hier ziemlich erschöpfend seine eigene Ikonografie. Was allerdings fehlt: das Korsett einer Erzählung, die beim Zuschauen Halt gibt.

Wie ein alter Box-Champion, der besser nicht mehr in den Ring zurückgekehrt wäre

Dabei lebte die Originalserie ja nicht zu unbeträchtlichen Teilen von der klassischen Whodunit-Frage: Wer tötete Laura Palmer? Und an Reiz gewann sie ganz entscheidend durch die Vermengung unterschiedlicher Genres. Das alte „Twin Peaks“ war Seifenoper, Kriminalfall und Mystery-Horror mit ordentlichen Prisen bizarren Humors. Das neue „Twin Peaks“ ist nurmehr Mystery und Horror, und auch, wenn es ein bisschen schmerzt, das zuzugeben, wirken die Gruseleffekte mit Geistern, Riesen und wankenden Fußböden bisweilen unfreiwillig komisch. Jedenfalls nicht wie State of the art.

Das könnte denn auch die bittere Pointe dieses TV-Revivals werden. Dass nämlich ausgerechnet die Wegbereiterproduktion des wild grassierenden Serienhypes bei Netflix, Amazon und sonstwo gegen die zeitgenössische Konkurrenz ausschaut wie ein alter Box-Champion, der besser nicht mehr in den Ring zurückgekehrt wäre. Wenngleich es natürlich viel zu früh ist, das im Wochenrhythmus sozusagen scheibchenweise enthüllte Mysteryrätsel in 18 Akten jetzt schon abzuschreiben.

Ob die Zuschauer David Lynch, der schon lange keinen Publikumserfolg mehr hatte, nochmals folgen auf seiner Reise durch die amerikanische Finsternis? Ob Agent Cooper aus der Agonie heraus und zu seinen geliebten Lastern Kirschkuchen und Kaffee zurückfindet? Es wäre diesmal der umgekehrte Weg, nachdem „Twin Peaks“ einst im Idyll begann und in der Hölle endete. Bei Sky können ihn die deutschen Zuschauer ab 25. Mai in der Synchronfassung mitgehen - sowie parallel zu den sonntäglichen US-Ausstrahlungen im englischen Original bei Sky Go, Sky on Demand und Sky Ticket.

tsch

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