Andrea Berg

Die Mutter der Nation

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Gewagt: Mit 50 zeigt sich Andrea Berg aufreizender denn je. Dass dazu auch etwas Computer-Arbeit gehört, will die Schlagersängerin auch gar nicht leugnen.

Der deutsche Schlager, ihre eigene Hochglanz-Darstellung und Helene Fischer: Andrea Berg redet Klartext.

Schlagersängerin Andrea Berg gehört zu den erfolgreichsten Musikerinnen Deutschlands. Über elf Millionen Tonträger soll die in Krefeld geborene und in Aspach residierende Künstlerin in ihrer über 20 Jahre währenden Karriere verkauft haben. Mit ihren letzten sieben Studioalben gelang der 50-Jährigen jeweils der Sprung auf Platz eins der deutschen Charts. "Seelenbeben" (ab 8. April) heißt nun ihr neues Werk. Ab Mitte Oktober geht sie auf ausgedehnte "Seelenbeben Live"-Tour. Beim Interview im Hyatt Hotel in Hamburg wirkt Andrea Berg anfangs noch distanziert, taut dann aber recht schnell auf, als sie von Kollegin Helene Fischer, retuschierten Bildern und ihrer Vorreiterrolle im deutschen Schlager erzählt.

teleschau: Vanessa Mai, Michelle, Matthias Reim, Beatrice Egli, Andrea Berg - fünf Schlagerstars veröffentlichen ihre Alben innerhalb von zwei Wochen. Besteht da nicht die Gefahr, dass das Genre sich totläuft?

Andrea Berg: Ach, nein. Die Entwicklung, die es da gibt, ist doch großartig. Ewig waren die deutschen Charts von englischsprachiger Musik dominiert. Und jetzt nennt sogar Sarah Connor ihr Album "Muttersprache", obwohl sie sich wahrscheinlich früher nie hätte träumen lassen, dass sie irgendwann mal Schlager macht.

teleschau: Sehen Sie sich als Vorreiter?

Berg: Klar, wenn vor 25 Jahren Wolfgang Petry und ich nicht durch die Schützenzelte und Diskotheken getingelt wären - er mit seinem "Gianna, nein lass das sein" und ich mit "Kilimandscharo - da liegt im Sommer noch Schnee" - hätte eine Helene Fischer später vermutlich nicht gesagt: "Ich finde Schlager toll!" Selbst bei "Deutschland sucht den Superstar" sagen die Leute jetzt auf einmal: "Wir wollen Schlagermusik machen!" Ich sehe mich da schon als Pionierin. Als ich meinen ersten "Echo" verliehen bekam, wurde bei RTL noch Werbung eingeblendet. Heute ist das Genre super modern. Da sehe ich mich wie die Mutter der Nation!

teleschau: Und in der Rolle fühlen Sie sich auch wohl?

Berg: Ja, denn ich bin immer noch da. Und ich bin ja niemand, der oben auf der Wolke sitzt und sagt: "Ihr macht alles verkehrt." Ich bin mittendrin und habe einen Riesenspaß dabei. Je mehr man sich mit jüngeren Leuten umgibt und je mehr da geschieht, umso besser ist es ja auch für mich. Denn dann kann ich mich mehr trauen und ausprobieren.

teleschau: Man hat Sie und Helene Fischer oft gegeneinander aufgestellt. Nervt das?

Berg: Das ist wie Äpfel mit Birnen vergleichen! Wir ergänzen uns richtig gut, glaube ich, denn wir kommen aus verschiedenen Generationen: Helene ist ja fast 20 Jahre jünger als ich. Ich habe mit 50 eine gewisse Lebenserfahrung und Reife, die man den Jüngeren auch nicht so ohne Weiteres abnehmen würde, aber das ist ja auch eine Geschichte der Entwicklung. Ich finde es jedenfalls großartig, wie sich der Schlager fortsetzt und Türen öffnet, die vor zehn Jahren verschlossen waren. Stadiontourneen hatte zuletzt Wolfgang Petry gemacht. Und heute gibt es wieder Künstler, die sich das trauen. Das ist doch toll.

teleschau: Auch in Ihrem unmittelbaren Umfeld gibt es Schlagernachwuchs: Vanessa Mai ist mit Ihrem Stiefsohn liiert. Haben Sie da karrieremäßig nachgeholfen?

Berg: Nein, ich glaube, das würde nicht funktionieren. Wenn man dazu Vitamin B bräuchte, würden die Menschen das sehr schnell durchschauen. Das Publikum ist nicht so blöd, wie manch einer glaubt. Die Menschen wissen ganz genau, wer mit ihnen ehrlich umgeht, und wer überinszeniert oder aufgesetzt ist. Sie wissen vielleicht nicht genau, warum, aber es gefällt ihnen dann einfach nicht.

teleschau: Spüren Sie einen Jugenddruck in Ihrer Branche?

Berg: Nein, überhaupt nicht. Das Schöne ist ja, dass ich niemandem mehr etwas beweisen muss. Ich mache mein Ding, und es wird immer besser. Vor ein paar Jahren habe ich vielleicht noch gesagt: "Das fühlt sich für mich nicht gut an." Heute sage ich auch mal konsequent: "Nö!" Ich fühle mich gerade sehr energetisch und lebendig. Ich kann voll hinter dem neuen Album stehen, ich habe jedes Wort selbst geschrieben. Jeder Song ist ein Teil von mir. Das fühlt sich alles saugut an!

teleschau: Sie sehen top aus. Was tun Sie dafür?

Berg: Wenn ich in Tourvorbereitungen stecke, so wie jetzt, esse ich nur Fisch, Gemüse und Salat. Ich gehe laufen und trainiere auf dem Crosstrainer. Aber wenn ich dann zum Beispiel in München unterwegs bin, dann gehe ich einen Schweinsbraten mit Knödeln essen. Das muss auch mal sein.

teleschau: Gehört das zum Job dazu?

Berg: Wenn ich nicht ins Fernsehen gehen oder auf einer Bühne stehen müsste, sondern nur zu Hause herumlaufen und eine ganz normale Hausfrau und Mutter sein könnte, oder eine singende Wirtin, die im Dirndl Rostbraten serviert, dann würde ich sicherlich drei, vier oder fünf Kilo mehr wiegen. Aber bei Auftritten will ich mich wohl in meiner Haut fühlen. Wenn es überall zwickt und ich das Gefühl habe, ich muss die ganze Zeit den Bauch einziehen, ist das nichts für mich. Dann bin ich lieber fit. Und ich brauche für die Bühne ja auch Kondition, sonst macht das keinen Spaß. Dafür bin ich dann auch zu wild. Also mache ich das schon aus eigenem Antrieb.

teleschau: Einige Menschen haben sich darüber echauffiert, dass Sie ihr Albumcover auf Hochglanz getrimmt haben.

Berg: Das Schöne ist doch, dass die Leute darüber sprechen. Wenn sie selbst die Möglichkeit hätten, so ein tolles Fotoshooting von sich zu bekommen, wo man dann hinterher am Computer auch noch ein kleines bisschen nachhelfen kann, würden sie es bestimmt auch tun. Bei einem Albumcover wird ja immer ein bisschen retuschiert. Eine Woche nach Veröffentlichung des Albumcovers bin ich in der Show von Florian Silbereisen aufgetreten und habe gezeigt, dass das Bild gar nicht so weit entfernt ist von der Realität. Wenn ich mich hinstelle und man mich von unten fotografiert, dann sind die Beine nicht viel kürzer. Aber man kann es nicht jedem Recht machen, und das will ich auch gar nicht.

teleschau: Sie stehen also dazu.

Berg: Ja, ich finde das Cover total geil. Schauen Sie sich die anderen Booklet-Fotos an, da ist ja auch viel Fantasie dabei. Da spiele ich mit einem Drachen oder liege mit bunten Blumen an einem Wasserfall in einem Wunderland wie Dornröschen. Da ist also auch sehr viel aus dieser märchenhaften Traumwelt. Andererseits gibt es auch wieder Fotos, die echter und authentisch sind. Das ist genau die Bandbreite, die ich will. Das ist genau dieses "Seelenbeben". Manchmal muss die Seele auch pausieren können, und das kann sie sehr gut in diesen Träumen.

teleschau: Trifft das auch auf die Musik des Albums zu?

Berg: Absolut! Die Songs sind tanzbarer als je zuvor, aber sie haben auch mehr Tiefe und versteckte Dinge, in die man eintauchen kann. Es sind viele Mutmacher-Songs auf der Platte. Ich glaube, das brauchen wir in den heutigen Zeiten: Je unsicherer unsere Umwelt wird, je unsicherer wir selbst sind, umso mehr muss sich die Seele auch mal ausruhen können.

teleschau: Singen Sie Ihren größten Hit "Du hast mich tausendmal belogen" eigentlich immer noch gerne?

Berg: Ja, klar, der ist doch der Hammer! Das ist ein Song, indem sich die Menschen widerspiegeln können. Mir ist wichtig, dass ich, wie bei einer Tüte Gummibärchen, für jeden etwas habe, woran man sich auch festhalten kann. Der eine will nur tanzen, der andere will sich trösten, der Dritte braucht ein bisschen einen Kick für das Leben. Und für mich ist die Freude, die die Menschen daran haben, das, was mich antreibt.

teleschau: Haben Sie gesehen, wie Michael Wendler bei "Let's Dance" auf "Du hast mich tausendmal belogen" den Cha Cha Cha getanzt hat?

Berg: Ja, ich fand es lustig, den Wendler dazu tanzen zu sehen. Es war ein bisschen so, als ob er einen Schrubber im Kreuz gehabt hätte. Aber das wäre bei jedem anderen Song wohl genauso gewesen. (lacht)

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