„Rabiat“-Doku über „fünf Jahre Flüchtlingskrise“

„Moral scheint nur bis zur eigenen Grenze zu gehen“: Im Flüchtlingslager während der Pandemie

Idoia arbeitet für Ärzte ohne Grenzen in dem provisorischen Krankenhaus neben Moria. Sie spricht mit Reporterin Anne Thiele über die Verhältnisse in dem Flüchtlingslager.
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Idoia arbeitet für Ärzte ohne Grenzen in dem provisorischen Krankenhaus neben Moria. Sie spricht mit Reporterin Anne Thiele über die Verhältnisse in dem Flüchtlingslager.

Rechte Schlägertrupps marodieren, die Helfer sind abgereist, die Bewohner verzweifeln: Nach der EU-Grenzöffnung und dem Beginn der Corona-Pandemie ist die Lage im Flüchtlingscamp auf Lesbos prekärer denn je. Reporterin Anne Thiele berichtet anderthalb Jahre nach ihrem ersten Film erneut.

Leben auf engstem Raum, ohne Aussicht auf Besserung, alleingelassen von Europa: Prekär war die Lage der Geflüchteten auf Lesbos bereits vor anderthalb Jahren, als Anne Thiele ihre erste Reportage über die Situation auf der griechischen Insel veröffentlichte. Doch wer hätte gedacht, dass es noch schlimmer kommen könnte? Die Corona-Pandemie hat dafür gesorgt, dass die Gestrandeten, zuvor geflohen vor Krieg und Verfolgung, fast völlig vom Aufmerksamkeitsradar verschwunden sind. Trotz kleiner Zugeständnisse wie Deutschlands Aufnahme von nicht einmal 50 Kindern, scheint es für die Bewohner des Flüchtlingscamps Moria kaum Hoffnung zu geben. Grund genug für die Y-Kollektiv-Reporterin, in ihrer neuen Reportage „Rabiat: Scheiß auf Moral! - 5 Jahre Flüchtlingskrise“ die Lage auf Lesbos erneut zu beleuchten. Das Erste zeigt den Film nun als Premiere am späten Montagabend (18. Mai, 23.05 Uhr).

Das Radio-Bremen-Format beleuchtet, wie Corona die Gegebenheiten verschärft hat: Nicht nur fürchten die Geflüchteten eine Ausbreitung des Virus - auch haben die freiwilligen Helfer aus Angst vor der Pandemie inzwischen das Camp verlassen, während viele Hilfsorganisationen ihre Leute abziehen. Zurück bleiben 19.000 Menschen in einem Camp, das für 3.000 Bewohner angelegt ist. „Es gibt kaum fließend Wasser, die Menschen haben keine Möglichkeit sich vor Corona zu schützen. Für die Toilette und das Essen müssen sie dichtgedrängt anstehen, leben in ihren Zelten eng auf eng“, berichtet Filmautorin Anne Thiele auf Anfrage. Trotz allem seien zumindest noch ein paar NGOs vor Ort, die den Geflüchteten helfen, sich selbst zu organisieren: „Da gibt es selbstgedruckte Plakate in allen Sprachen, die über Corona aufklären. Am Eingang des Lagers stehen Geflüchtete, die anderen Seife und ein bisschen Wasser zur Verfügung stellen, um zumindest die Hände zu waschen.“

Die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ fordert derweil, dass das Lager evakuiert werden soll. Denn nicht nur jene, die in Europa ein besseres Leben gesucht haben, leiden unter der unsicheren Lage und den menschenunwürdigen Umständen. Auch die griechischen Bewohner von Lesbos sind an ihrer Belastungsgrenze angelangt - und werden in der Reportage porträtiert. „Die Stimmung ist bereits im Februar spürbar gekippt, denn die griechische Regierung wollte auf Lesbos ein weiteres geschlossenes Lager errichten“, berichtet Y-Kollektiv-Journalist Nico Schmolke, der Lesbos im März für eine Reportage besuchte. Das habe „den jahrelang angestauten Frust“ der Inselbewohner. „die sich mit der Situation an der EU-Außengrenze allein gelassen fühlen“, bereits zum Vorschein kommen lassen. Eskaliert sei die Lage dann, „als der türkische Präsident Erdogan in dieser angespannten Situation die Grenzen öffnete und in den ersten Märztagen Hunderte Geflüchtete mit Booten auf Lesbos ankamen“.

Marodierende Schlägertrupps

In der Folge begaben sich Neonazis, auch aus Deutschland, nach Lesbos, um Geflüchtete, Helfer und Journalisten anzugreifen. Es hätten Aufrufe kurisert, „nach Lesbos zu kommen, um in Griechenland das 'Abendland zu verteidigen'“, so Schmolke. Angesichts dieser Zustände war der Journalist in der Öffentlichkeit aus Angst vor den marodierenden Schlägertrupps der Rechten nur mit der Handykamera ausgerüstet. Seine Recherchen zeigen: Die Stimmung auf Lesbos ist hochgradig angespannt. „Die Arbeit ist viel gefährlicher geworden“, so der Reporter. Im Fokus stünden Schmolke zufolge vor allem freie Journalisten, die zu Feindbildern der Rechten geworden seien. Man unterstelle ihnen, von den Geflüchteten zu profitieren. Und: „Genauso wie Geflüchtete und NGO's stehen sie für eine gefühlte Invasion von außen.“

Schmolke hielte es indes für dramatisch, wenn es keine Reporter mehr vor Ort gäbe, „die die Arbeit der Grenzschutzbehörden überwachen und die Lage der Geflüchteten dokumentieren könnten“. Denn: „Lesbos gehört zu Griechenland, gehört zur EU. Und dennoch ist die Pressefreiheit dort mittlerweile eingeschränkt“, kritisiert der Reporter. Er sagt: „Es leben nur ein paar Zehntausend Leute auf der Insel, da wird man erkannt. Und es gibt mehrere Berichte, dass die lokale, überforderte Polizei in solchen Situationen nicht eingreift.“

Corona habe die Lage schließlich „weiter angespannt, denn das griechische Gesundheitssystem ist viel schwächer als zum Beispiel das deutsche“, so der Reporter. „Auf der Insel hatte man große Angst, dass die wenigen Intensivbetten nicht ausreichen, wenn im völlig überfüllten Camp Moria das Coronavirus ausbricht - noch mehr Nährboden also für die Wut der Inselbewohner.“ Nun werde gegen die Geflüchteten „im Zuge der Ausgangsbeschränkungen noch härter vorgegangen“, weiß Schmolke. „Viele müssen das Lager verlassen, um in der Stadt Lebensmittel zu kaufen, denn im Lager sind sie dramatisch unterversorgt - das Verlassen ist jedoch streng reglementiert.“

Auch wenn Griechenland und die EU inzwischen einige Bewohner evakuiert haben, bleibt die Lage prekär, sagt der Reporter: „Auf dem griechischen Festland gab es jedoch teils gewalttätige Proteste gegen die Neuankömmlinge, so dass unklar ist, ob das Camp Moria auf Lesbos wirklich deutlich verkleinert werden kann. Solange das nicht passiert, wird sich die Stimmung vor Ort wohl nicht beruhigen.“

Es brauche „noch mehr öffentlichen Druck“

Ausgehend von den eindringlichen Bildern, die Thiele und Schmolke aus Lesbos liefern, lauten die wichtigen sozialen und politischen Fragen auch fünf Jahre nach Beginn der so genannten Flüchtlingskrise 2015: „Wer ist in der Verantwortung, etwas zu ändern, und warum tun die Verantwortlichen nichts, um etwas an der Situation zu ändern?“ Für Autorin Anne Thiele steht zudem fest: „Wer davon profitiert hat, ist offensichtlich: Die Krise hat der AfD in die Karten gespielt, um Angst und Misstrauen gegen 'Fremde' zu schüren und die Debatte um die Asylpolitik nach rechts zu verschieben.“ Die Reporterin bemängelt: „Solidarität wird gerade jetzt, seit Corona, wieder hochgehalten. Aber die Moral scheint da nur bis zur eigenen Grenze zu gehen - was die politischen Handlungen betrifft.“

Nun, da sich jedes Land aufgrund von Corona abschotte, habe sich die Journalistin auch gefragt, „inwiefern das dem rechten politischen Rand entgegen kommt“ und darüber mit der Soziologin Birgit Glorius gesprochen. Diese warne „vor einem psychologischen Effekt der aktuellen Abschottung: Alles was fremd ist, darf nicht ins Land und ist gefährlich für unsere Gesundheit.“ Es könne sein, „dass sich das so schnell nicht mehr aus den Köpfen vertreiben lässt und Fremdheit im Allgemeinen wieder stärker abgewertet wird, die Angst vor dem Fremden noch mal ansteigt“.

Gegenüber der Agentur teleschau kritisiert Thiele: „Die 40.000 Menschen, die allein auf den griechischen Inseln in völlig überfüllten Lagern leben und keinen Abstand halten können, keine Hände waschen können, kaum ärztliche Versorgung haben, die scheinen uns nichts anzugehen.“ Die Politik der deutschen Regierung ist für sie nicht mehr als Symbolpolitik: „47 Kinder nach Deutschland zu bringen, das mag zwar ein gutes Zeichen sein, aber bei allein 8.000 Kindern auf Lesbos hilft das wenig.“

Doch kann ein Film wie der aktuelle angesichts dieser Tatsachen überhaupt etwas bewirken? Filmemacherin Anne Thiele ist immerhin froh, dass sie und die Redaktion „gerade jetzt für dieses Thema Aufmerksamkeit schaffen und den Finger auf die Wunde legen können“. Jeder Einzelne könne zudem zeigen: „Ich bin nicht damit einverstanden.“ Es brauche indes „noch mehr öffentlichen Druck, um die Politik zum Handeln zu bringen“.

teleschau

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