„Entdecke den Spießer in dir und stehe dazu!“

Milan Peschel im Interview

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„Dass man den Kindern keine Grenzen setzt, ist der Kardinalfehler unserer Generation“, glaubt Milan Peschel.

Milan Peschel geht in der Verfilmung von „Mein Lotta-Leben - Alles Bingo mit Flamingo“ auf Esoterik-Kurs. Im Interview erzählt der Schauspieler, wie er sich entspannen kann - und gibt Erziehungstipps.

Milan Peschel ist ein Glücksfall für deutschen Film. Unvergessen ist der 1968 in Ost-Berlin geborene Schauspieler etwa in Andreas Dresens grandiosem Krebsdrama „Halt auf freier Strecke“ (2011), für das er mehrfach ausgezeichnet wurde, unter anderem mit dem Deutschen Filmpreis. Sehr komisch anzusehen hingegen ist Peschel an der Seite von Hauptdarsteller und Regisseur Matthias Schweighöfer in der Komödie „Der Nanny“ (2015), wo er einmal mehr einen Verlierer spielt. Underdogs und Freaks - das sind gemeinhin die Figuren, die Peschel, der beim Theater einst als Tischler angefangen hat, mit Vorliebe verkörpert. Und auch in „Mein Lotta-Leben - Alles Bingo mit Flamingo!“ (Kinostart: 29. August) spielt der Berliner einen esoterischen Spinner. Beim Interview begegnet man einem sehr aufgeräumten Menschen, der einen mit einem freundlichem, offenen Blick empfängt und, wenn es emotional wird, herrlich berlinert.

nordbuzz: Herr Peschel, in „Mein Lotta-Leben“ spielen Sie den tiefenentspannten Meditationsfan Heiner Krishna - haben Sie selbst mit Meditation etwas am Hut?

Milan Peschel: Ich würde mir schon gern mal die Zeit nehmen, um zu meditieren oder das mal auszuprobieren. Aber ich weiß nicht, ob ich dafür die Geduld hätte. Wahrscheinlich nicht. Aber vor allem habe ich nicht die Zeit! Die müsste ich mir nehmen, was ich nicht mache, weil ich andere Sachen dann doch reizvoller finde.

nordbuzz: Dieser Heiner ist jedenfalls nicht aus der Ruhe zu bringen - trifft das auf Sie auch zu?

Peschel: Ich bin ein total entspannter Typ. Also, ich bin nicht verkrampft, was die Arbeit und die sogenannte Karriere angeht. Da habe ich eigentlich keinen größeren Masterplan, ich lebe immer im Hier und Jetzt. Ich setze mich selbst nicht unter Druck. Und das hilft mir sehr, mich zu entspannen.

„Eltern müssen auch mal Feindbild sein“

nordbuzz: Die erste Hälfte Ihres Lebens haben Sie hinter sich - macht einen das Alter auch entspannter?

Peschel: Man denkt natürlich über das Alter nach, aber dann sage ich mir, älter werden ist die einzige Möglichkeit, länger zu leben. Und das ist ein Argument, das alles andere abwürgt, denn die Alternative wäre zu sterben, und da habe ich keinen Bock drauf. Ich versuche eher, das Leben zu genießen.

nordbuzz: Und doch haben viele Menschen ein Problem mit dem Älterwerden ...

Peschel: Ja, ist doch interessant, woher so ein Problem kommt. Wir leben doch alle ein super gutes Leben! Wahrscheinlich liegt es daran, dass man nur einen kleinen Ausschnitt und nicht das ganze Bild sieht.

nordbuzz: Und dann kommt es auch drauf an, in welchem Umfeld man sich bewegt ...

Peschel: Na ja, das Umfeld ist man selber! Man kreist um sich selbst, und das ist extrem ungesund, finde ich.

nordbuzz: Ich nehme an, Sie kannten die „Mein Lotta-Leben“- Bücher vor dem Dreh nicht. Ihre Kinder sind ja längst erwachsen ...

Peschel: Ja, das geht schneller, als man denkt.

nordbuzz: Und schneller, als man denkt, übernimmt man die Rolle der spießigen Eltern, die den Kindern den Spaß verderben ...

Peschel: Ja, aber Eltern müssen auch mal Feindbild sein! Entdecke den Spießer in dir und stehe dazu! Woran sollen die Kinder sich denn orientieren, die müssen sich doch von was abstoßen können.

„Kinder brauchen Grenzen“

nordbuzz: Um dieses Thema geht es letztlich auch in „Mein Lotta-Leben“, weil Lotta ihren eigenen Weg gehen und sich von den Eltern, die ohnehin nur mit sich selbst beschäftigt sind, distanzieren muss. Was war für Sie die größte Herausforderung bei der Erziehung Ihrer Kinder?

Peschel: Ich denke, die größte Herausforderung ist, streng zu sein und gleichzeitig zu lieben. Das ist echt das Schwerste. Natürlich hat man irgendwann keinen Bock mehr auf Konflikt und will nicht mehr, dass sie heulen. Aber manchmal muss das eben sein, dass sie enttäuscht sind, das ist total wichtig.

nordbuzz: Was meinen Sie, machen wir Erwachsenen bei der Erziehung falsch?

Peschel: Dass man den Kindern keine Grenzen setzt, ist der Kardinalfehler unserer Generation. Das finde ich ganz schlimm, weil so werden sie zu empathielosen kleinen Monstern. Wenn man ihnen den sogenannten Individualismus einpflanzt, erzieht man dadurch lauter Egoisten. Das ist vielleicht für den Kapitalismus gut, aber nicht für unsere Welt. Ich könnte kotzen, wenn ich die Frage höre: Was wollen wir denn heute Abend essen? Das kenne ich überhaupt nicht. Als ich Kind war, kam das Essen auf den Tisch und dann wurde gegessen. Aber dass die Dreijährigen gefragt werden und hinter ihnen steht eine ewig lange Schlange und die sollen jetzt entscheiden, welche Wurst man kauft, das finde ich furchtbar. Kinder brauchen Grenzen und müssen lernen, dass sich die Erde nicht um sie dreht!

nordbuzz: Und das haben Sie bei Ihren Kindern hingekriegt?

Peschel: Ich glaube schon. Wir haben heute jedenfalls einen guten Draht zueinander.

teleschau

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