Nachruf

Mehr als der ewige „Kalle“: Zum Tod von Michael Nyqvist

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„Man muss doch nur mutig genug sein, die richtigen Fragen zu stellen“, sagte Michael Nyqvist, der in den „Millennium“-Filmen einen Enthüllungsjournalisten spielte. Am Mittwoch ist der charismatische Star im Alter von 56 Jahren verstorben.

Er bleibt als Enthüllungsjournalist Mikael, „Kalle“, Blomkvist: Der Schauspieler Michael Nyqvist ist am Mittwoch im Alter von 56 Jahren gestorben.

Ein Jahr lang hat Schauspieler gegen seine Lungenkrebserkankung gekämpft. Doch am Ende hat der charismatische Schwede, der als Star der „Millennium“-Trilogie Filmgeschichte schrieb, den Kampf verloren. Der Schauspieler sei am Mittwoch „friedlich im Kreis seiner Familie“ gestorben, teilte eine Sprecherin am Mittwoch mit. Michael Nyqvist wurde 56 Jahre alt. Der eher wortkarge Star wird den vielen Fans der Stieg-Larsson-Verfilmungen als unerschrockener Journalist Mikael, „Kalle“, Blomkvist für immer in Erinnerung bleiben.

Mit den gängigen Schweden-Klischees von hochgewachsenen blonden Menschen mit putzigen roten Backen und strahlend guter Laune hatte Michael Nyqvist nichts am Hut. Er hätte sich in einer Inga-Lindström-Schmonzette wohl äußerst unwohl gefühlt. Der kantige Charakterdarsteller, der von Adoptiveltern aus dem Waisenhaus geholt wurde, gab nicht nur dem Romanhelden, dem mutigen Enthüllungsjournalisten Mikael, „Kalle“, Blomkvist, ein Gesicht, er kämpfte in der Tat auch vehement gegen die Nordland-Verkitschung im deutschen Fernsehen an. „Schweden ist eine brutale, sehr aggressive Gesellschaft“, sagte er. Keiner, der seine „Millennium“-Filme gesehen hat, wird dies bestreiten können.

In seiner Heimat galt Michael Nyqvist, der sich auf Theaterbühnen ebenso zu Hause fühlt wie in TV- und Kinofilmen, lange als eines der größten Talente. Hierzulande genoss er bis kurz vor den „Millennium“-Filmen Geheimtipp-Status. Fernsehfans kannten ihn aus der „Kommissar Beck“-Reihe, Kunstfilmfreunde als Chorleiter im Überraschungserfolg „Wie im Himmel“. In den vom deutschen ZDF koproduzierten Thrillern „Verblendung“ (2010) „Verdammnis“ und „Vergebung“ spielte Nyqvist an der Seite von Noomi Rapace als Lisbeth Salander den Journalisten Mikael Blomkvist, der zunächst eine hochbrisante Familientragödie recherchieren soll. Wie in guten Familien üblich, macht er schnell grauenhafte Entdeckungen.

„Für mich ist es ein sehr unterhaltsames Porträt der schwedischen Oberklasse“, erklärte Nyqvist über den Auftaktfilm. Dieser spielt im Milieu eines eiskalten Großindustriellen-Clans, der in den 40er-Jahren mehr oder weniger offen mit den Nazis sympathisierte. „Schweden war ein neutrales Land und hat sich aus dem Zweiten Weltkrieg herausgehalten. Aber es gab immer starke Tendenzen zum Faschismus“, erklärte Nyqvist. „Lange Zeit“, beklagte der Schauspieler, „durfte man darüber hierzulande nicht reden. Stieg Larsson wollte über alles reden“, fügt er voller Bewunderung an. An den Premierenabend des ersten Kinofilms dachte er im Interview, das er 2011 anlässlich der deutschen TV-Premiere gab, mit Wehmut zurück. „Wir hätten uns unbedingt gewünscht, dass Stieg Larsson unter den Zuschauern oder beim Filmteam säße“, betonte Nyqvist. Der Bestseller-Autor war viel zu früh an einer Herzattacke gestorben. „Ihm hätte der Film gefallen“, war sich der Star der Romanverfilmungen sicher.

Obwohl: Ein Star, das wollte Nyqvist nie sein. Ihm selbst, bekannte er, fiel es zunächst nicht ganz leicht, in die Schauspielerrolle hineinzuwachsen - doch dann ließ er sich mitreißen. „Am Anfang hat man eigentlich nie Lust“, sagte Nyqvist über seine Theater- und Film-Arbeiten. „Meistens frage ich mich zuerst: Oh mein Gott, wie kann ich diese Rolle nur schnell hinter mich bringen? Es beginnt bei mir immer mit einer Verteidigungshaltung“, gestand er offen ein.

Den im Vergleich zu Hollywood-Actionproduktion eher bedächtigen Stil der „Millennium“-Krimis, in denen es kaum Verfolgungsjagden gibt, schätzte der vielfältig nachgefragte Schweden-Star sehr. „Blomkvist und seine Recherche-Assistentin Lisbeth haben nur drei Hilfswerkzeuge: einen Computer, einen Stift und ein Mobiltelefon.“ Doch damit können sie viel ausrichten - und die Geheimdienste mächtig ins Schwitzen bringen. „Das ist eine sehr anarchische Art zu arbeiten“, meinte Nyqvist. „Man braucht keine hochgerüsteten Spezialeinheiten mit vielen Waffen. Man muss doch nur mutig genug sein, die richtigen Fragen zu stellen.“

Als generelle Absage an krawallige Actionfilme sollte man dies aber nicht werten: Immer spielte der Schwede an der Seite von Tom Cruise 2011 in „Mission: Impossible - Phantom Protokoll“. 2014 ergatterte er eine Rolle neben Keanu Reeves in „John Wick“. Im Fernsehen sorgte Nyqvist zuletzt unter anderem in der Sky-Serie „100 Code“ an der Seite von Dominic Monaghan für Furore.

Trotzdem hatte der Schauspieler vor allem aus den drei „Millennium“-Filmen viel für sich persönlich mitgenommen - Stichwort: Gelassenheit. Zum Beispiel habe er zu einem freundschaftlichen Umgang mit der neugierigen Presse gefunden: Wenn ihm die richtigen Fragen gestellt wurden, dann imponierte ihm das, sagte der Mann, der im Waisenhaus aufwuchs und seine Kindheit und die letztendlich erfolgreiche Suche nach seinen leiblichen Eltern in seiner Autobiografie „Just after dreaming“ eindringlich beschrieb. „Jetzt liebe ich die Journalisten“, scherzte er vor sechs Jahren - und dieses eine Mal lachte der sonst eher stille Schwede sogar richtig laut.

tsch

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