Neue Folgen von „Kessler ist ...“

Michael Kessler: „Meine erste Begegnung mit Stefan Effenberg war eher furchteinflößend“

+
Michael Kessler schlüpft wieder in den Kopf und unter die Haut von Prominenten. Seine besondere Personality-Doku „Kessler ist ...“ kehrt mit vier neuen Folgen ins ZDF-Programm zurück.

Wie kein Zweiter im deutschen Unterhaltungsfernsehen versucht Michael Kessler, Menschen jenseits des Klischees nahezukommen.

Die Kino-Neustarts der Woche

Mehr nordbuzz-Interviews

„Es existieren nur wenige Formate im deutschen Fernsehen, die ein tieferes Interesse an ihren Gästen haben“, sagt Michael Kessler. Seit vielen Jahren arbeitet der 50-Jährige am Gegenentwurf dieser Kritik. Bekannt wurde er durch die geniale TV-Parodie-Reihe „Switch Reloaded“, ehe er mit Sendungen wie „Kesslers Expedition“ oder „Kessler ist ...“ immer wieder ungewöhnliche Wege suchte, Menschen nahezukommen. In vier neuen Folgen von „Kessler ist ...“ (Freitag, ab 4. August, 23.15 Uhr, ZDF) begegnet der ausgebildete Schauspieler nun dem Politiker Wolfgang Bosbach, ESC-Siegerin Conchita (Wurst) sowie den Schauspielern Uwe Ochsenknecht und Dieter Hallervorden. Spannender Höhepunkt: zum abschließenden Interview tritt Michael Kessler dem Prominenten in dessen - oft ziemlich perfekter - Maske gegenüber.

nordbuzz: Ihre Gäste bei „Kessler ist ...“ wirken extrem angefasst, wenn sie Ihnen in der Maske als sie selbst begegnen. Warum ist dieser Moment so intensiv?

Michael Kessler: Die Aufregung vor jenem Interview, bei dem ich in die Maske des prominenten Gastes schlüpfe, ist auf beiden Seiten groß. Ich bin unfassbar nervös, weil ich nicht weiß, wie meine Antworten beim Gegenüber ankommen. Dem Gast geht es genauso, weil er nicht weiß, wie ich, als „er“ auf seine Fragen reagiere. Dazu kommt bei den Prominenten noch, dass sie nicht wissen, wie ich - in der Maske - aussehe.

nordbuzz: Haben Sie manchmal Angst, sich lächerlich zu machen? Weil das Gegenüber ja auch mal sagen könnte: „So sehe ich doch gar nicht aus!“

Kessler: Nein, Angst habe ich nicht. Die Masken sind immer sehr aufwendig, ich sitze etwa vier Stunden auf dem Stuhl, bis alles fertig ist. Viele Gäste ahnen gar nicht, wie aufwendig die Maske ist. Wir versuchen, uns mit der Maske immer so gut wie möglich an das Gesicht des Gastes anzunähern. Das klappt natürlich nicht immer, Wenn es aber klappt, so wie bei Wolfgang Bosbach zum Beispiel, ist es eine Art magischer Moment. Für mein Gegenüber und für mich.

nordbuzz: Die Maske ist eine Spiegelung des anderen. Fühlen sich Ihre Gäste vielleicht ertappt oder in einem tieferen Sinne erkannt, als es sonst üblich ist?

Kessler: Ja, ich finde schon. Wir überschreiten mit diesem Format den emotionalen Sicherheitsabstand, den man im Mediengeschäft normalerweise untereinander hält. Ich finde, dass der Sicherheitsabstand heutzutage auch privat überhandgenommen hat. Wer sagt einem selbst im Freundeskreis noch aufrichtig, was er von einem hält? Wer spiegelt uns noch? Das machen nur noch ganz wenige, selbst in der Familie.

„In sozialen Medien wird aus der Distanz geschossen“

nordbuzz: Und das finden Sie bedauerlich?

Kessler: Auf jeden Fall. Uns fehlt etwas, wenn wir privat und im Job nicht mehr gespiegelt werden. Wenn uns kein ehrliches Feedback mehr darüber erreicht, wie wir wirken. Es mag kurzfristig angenehm sein, wenn man für das, was man tut, nicht kritisiert wird. Es nimmt einem aber auch die Chance, sich durch kluges Feedback weiterzuentwickeln und zu verändern.

nordbuzz: Das heißt, früher haben sich die Menschen ehrlicher gesagt, was sie voneinander halten?

Kessler: Ich glaube, ja. Zumindest in Deutschland ist es üblich geworden, dass man aus Höflichkeit oder aus der Angst heraus, dem anderen zu nahe zu treten, oft nicht mehr ehrlich zueinander ist. Wir sind aber auch empfindlicher geworden, wenn es darum geht, uns einer Beobachtung oder Kritik zu stellen.

nordbuzz: Im Persönlichen sind wir also auf Sicherheitsabstand gegangen. Gleichzeitig beschimpfen sich die Menschen über soziale Medien aufs Unflätigste. Wie passt das zusammen?

Kessler: Das passt zusammen, weil in sozialen Medien aus der Distanz geschossen wird. Hier gibt es zwar die Entwicklung, dass immer öfter unter Klarnamen geschrieben wird, man also aus der Deckung der Anonymität heraustritt. Trotzdem bleibt es natürlich bei einer gewissen Distanz - weil man den anderen Menschen ja nicht persönlich gegenübersteht.

nordbuzz: Warum haben heute so viele Angst davor, zu erfahren, wie sie auf andere wirken?

Kessler: Viele Menschen sind stark mit sich selbst beschäftigt. Man schaut kaum noch nach außen, die Menschen beobachten nicht mehr. Einerseits gibt es enormen Redebedarf, andererseits hört keiner zu. Wer setzt sich heute hin mit einem? Wer stellt Fragen? Wer will etwas wirklich wissen, den Dingen auf den Grund gehen?

nordbuzz: Und warum ist das so?

Kessler: Es prasselt heute wahnsinnig viel auf uns ein. Da ist so viel wahrzunehmen, dass wir uns abschotten müssen. Der Rückzug der Menschen auf sich selbst ist erklärbar. Auch die Verletzlichkeit, die entsteht, wenn dann plötzlich doch mal jemand etwas zu einem sagt.

nordbuzz: Viele Ihrer Formate nähern sich anderen Menschen auf ungewöhnliche Art. Können Sie das besser als andere?

Kessler: Ich habe weder eine psychologische Ausbildung noch eine geheime Fragetechnik, mit der ich auf Menschen zugehe. Es ist einfach so, dass ich sehr neugierig bin und genau beobachte. Dazu kommt, dass ich eine Sendung wie „Kessler ist ...“ zwar im Team vorbereite, die Fragen an den Gast, den Weg zu ihm lege ich aber alleine fest. Ich verlasse mich auf mein Bauchgefühl, was das Thema oder die Wunde bei einem Prominenten ist. Ich versuche, dies im Gespräch aufzudecken. Sicher liege ich mit meiner Methode nicht immer hundertprozentig richtig, aber die Trefferquote ist relativ hoch.

nordbuzz: Haben Sie eine Lieblingsbegegnung?

Kessler: Ich mag alle Folgen, in denen eine besondere Emotionalität entsteht. Zum Beispiel bei Horst Lichter oder jetzt bei Wolfgang Bosbach. Ich finde es toll, wenn sich Gäste total auf die Reise einlassen. Wenn ich merke: Da ist eine Neugierde und eine Offenheit bezüglich dessen, was man mit diesem Format machen kann. Ich habe so eine außergewöhnliche Offenheit zum Beispiel auch bei Markus Kavka gespürt und jetzt bei Conchita.

„Viele Prominente sagen ab“

nordbuzz: Gab es Leute, die ganz anders waren, als Sie dachten?

Kessler: Ja, durchaus. Meine erste Begegnung mit Stefan Effenberg war eher furchteinflößend. Er war sehr distanziert. Wahrscheinlich war das einer Unsicherheit geschuldet. Ich machte mir echt Sorgen, ob es mit uns funktionieren würde. Als er aber merkte, dass er nichts zu befürchten hat, dass ich ihm nicht an den Karren fahren will, öffnete er sich. Und dann wurde das doch noch eine gute Sendung.

nordbuzz: Gab es andere Begegnungen, bei denen Sie geschwitzt haben?

Kessler: Dieter Hallervorden ist kein leichter Gesprächspartner. Er sagt ja auch öffentlich, dass er Interviews hasst. Eine gute Voraussetzung für das, was ich vorhatte (lacht).

nordbuzz: Sagen Ihnen viele Prominente ab, die Sie für „Kessler ist ...“ anfragen?

Kessler: Ja, sehr viele. Einigen ist es zu nahe. Sie machen nichts, wo sie die Situation nicht kontrollieren können. Andere scheuen den großen Zeitaufwand. Wir brauchen die Leute schon an drei unterschiedlichen Tagen, ganztägig. Ein Aufwand, den man sich schenkt, wenn man nicht wirklich Lust auf diese Begegnung hat. Einige Prominente machen leider auch nicht mit, wenn sie nichts promoten können.

nordbuzz: Sie kriegen aber eine Gage, oder?

Ke ssler: Ich glaube, ja (trockenes Lachen). Wer tritt heute noch umsonst auf? Aber eigentlich geht es bei diesem Format nicht ums Geld. Die Sendung bietet eine tolle Plattform für einen Prominenten. Es existieren nur wenige Formate im deutschen Fernsehen, die ein tieferes Interesse an ihren Gästen haben. Das ist eine Chance für beide Seiten, sich abseits des üblichen Geredes auf einer anderen Ebene zu begegnen und mehr übereinander zu erfahren. Ich finde das toll!

nordbuzz: Sie starten noch ein ganz neues Format bei ZDFneo. Das Konzept von „Sitzheizung gibt's nicht“ besteht darin, dass Sie Prominente interviewen, während Sie als deren Chauffeur mit ihnen durch die Gegend fahren. Löst auch diese Situation auf besondere Art die Zunge?

Kessler: Davon bin ich überzeugt. Das Auto ist ein enger, geschützter Raum. Man fährt durch eine Stadt, beobachtet Dinge - und darum geht es mir. Wir reden auch da nicht über die neue CD oder den neuen Film. Wir schnappen was auf, reden ganz normal drüber. Ein Trip dauert dreieinhalb Stunden, mit überraschenden Stopps, die Kamera läuft durch. Am Ende schneiden wir daraus 15 Minuten, also eine knackige Angelegenheit.

nordbuzz: Ist die Sendung improvisiert?

Kessler: Ja - und insofern das genaue Gegenteil von „Kessler ist ...“. Während es dort sehr ernsthaft zugeht und alles gut vorbereitet ist, wird bei der „Sitzheizung“ nur spontaner Quatsch geredet. Was nicht heißen muss, dass auch dort mal was Tiefsinniges bei herauskommt. Mir geht es bei allen Formaten immer nur um die Frage: Wie kann ich Menschen mit Fernsehen gut unterhalten? Um das zu erreichen, gehe ich verschiedene Wege - den ernsten, tiefsinnigen und den leichten humorvollen.

teleschau

Das könnte Dich auch interessieren

Kommentare