Meryl Streep

Ein großartiger Mensch

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Meryl Streep übernimmt in diesem Jahr bei der Berlinale den Vorsitz der siebenköpfigen Jury.

Bodenständig, intelligent, kritisch - Meryl Streep ist trotz mangelnder Juroren-Erfahrung die perfekte Besetzung für das Präsidentenamt der Berlinale-Jury.

Angesichts ihrer medial oft gepriesenen Bodenständigkeit mag es überraschen: Meryl Streep hat durchaus das Zeug zur Anführerin. Nicht mehr nur hinsichtlich ihrer Charakterrollen, wie sie derzeit als feministische Galionsfigur Emmeline Pankhurst im Historiendrama "Suffragette" abermals beweist. Auch im wahren Leben - was immer das bei einem Superstar wie ihr auch heißen mag - kann die dreifache Oscarpreisträgerin ihre Führungsqualitäten nun zeigen: Bei der diesjährigen Berlinale übernimmt die 66-Jährige den Vorsitz der Jury. Noch nie zuvor hatte Streep ein Juroren-Amt bei einem Filmfestival inne. Dass sie ihre Premiere bei der Vergabe der Goldenen Bären feiert, passt vorzüglich zur Attitüde der allseits beliebten US-Amerikanerin, die dem Hollywood-Lebensstil so gar nichts abgewinnen kann.

Berlinale-Leiter Dieter Kosslick brachte es auf den Punkt: "Sie ist die meist nominierte und mit den meisten Preisen ausgezeichnete Schauspielerin, die wir haben. Sie war schon öfter auf der Berlinale, es ist nicht ihr erster Besuch. Und sie ist ein echter Filmprofi." Ihre beeindruckende Karriere bescherte Meryl Streep bislang nicht weniger als 19 Oscar-Nominierungen - womit sie selbst Legenden wie Katharine Hepburn überflügelt. Dreimal konnte sie den Award abstauben, zuletzt 2012 für ihre "Eiserne Lady". Hinzu kommen unglaubliche 29 Nominierungen für den Golden Globe, den die Biopic-Expertin achtmal gewann.

Auch neben dieser eindrücklichen Statistik spricht viel dafür, dass Streep trotz mangelnder Jury-Erfahrung gut auf den Präsidenten-Sessel in der deutschen Hauptstadt passt. Nicht nur weil die bekennende Perfektionistin bereits 2012 mit dem Ehren-Bären für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wurde. Nicht nur weil die ausgezeichnete Akzent-Imitatorin einer Familie mit Wurzeln in Deutschland und der Schweiz entstammt. Und nicht nur, weil die studierte Schauspielerin mit Yale-Abschluss dem künstlerischen Arthouse-Anspruch der Berlinale auch intellektuell mehr als gerecht wird. Sondern vor allem, weil sie - wieder Kosslick - "nicht nur eine großartige Schauspielerin, sondern ein großartiger Mensch" ist.

Zum humanistischen Selbstbild, zum sozialen und kulturellen Ethos der Berlinale passt die Frau aus New Jersey perfekt. Ebenso wie das Festival, das sich in diesem Jahr aktiv für Flüchtlinge einsetzt, folgt Streep vor allem einem Leitmotiv: Empathie. Ohne sich allzu sehr auf den dauerpräsenten Charity-Zirkus Hollywoods einzulassen, setzt sich die Tochter eines Pharma-Managers und einer Grafikerin vor allem für Frauenrechte ein. Neben ihren zahlreichen emanzipatorischen und vielschichtigen Frauenrollen spendet Streep, wie bei der "Eisernen Lady", ihre Gagen auch gern mal komplett an Frauenhilfs-Organisationen.

Mit Kritik an den sexistischen Zuständen im Filmgeschäft hält sie nicht hinterm Berg: "Es ist sehr schwer, zu verhandeln, wenn man Hirn und einen weiblichen Körper hat", sagte sie der "L.A. Times" einmal über die Bedingungen, denen sie sich als junge Schauspielerin ausgesetzt sah. Mangelnde Gleichstellung nimmt sie noch immer wahr: "Meiner Erfahrung nach fällt es Leuten viel, viel schwerer, direkte Anweisungen von einer Frau zu bekommen. Es ist für sie viel problematischer". Streep konnte sich in ihrer 40 Jahre weilenden Karriere inzwischen natürlich einen respektablen Status erarbeiten, der sie vor Diskriminierungen weitgehend bewahrt - auch wenn selbst sie gleichsam auf die Rolle der "starken durchsetzungsfähigen Blondine" festgelegt scheint.

Nicht nur beim Publikum, sondern auch bei ihren Schauspielkollegen, gilt sie als Konsens-Darling. Wenn selbst ein Robert De Niro von einem sagt, man sei die Schauspielerin, mit der er am liebsten arbeite, muss etwas dran sein. Mit besagtem De Niro spielte die junge Streep auch 1978 im Vietnam-Drama "Die durch die Hölle gehen", für das sie ihre erste Oscarnominierung erhielt. Ein Jahr zuvor gab die Schauspielschulabsolventin in "Julia" an der Seite von Jane Fonda ihr Debüt, 1979 folgte mit "Kramer gegen Kramer" dann der gefeierte Durchbruch. Für die Rolle neben Dustin Hoffmann verdiente sich die damals 30-Jährige mit den vornehmen Gesichtszügen ihren ersten Academy Award. Es folgten Filme, Star-Freunde, Nominierungen und Preise en masse.

Privat hatte Streep Ende der 70-er schwierige Zeiten hinter sich: Im März 1978 war ihr Partner und Schauspielkollege John Cazale an den Folgen einer Lungenkrebserkrankung gestorben, sie pflegte ihn bis zum Schluss. Ein halbes Jahr später heiratete sie den Bildhauer Don Gummer - eine erfolgreiche Ehe, aus der vier Kinder hervorgingen und die bis heute anhält. Befragt zum Geheimnis ihrer langen Beziehung, verriet Familienmensch und Mutter Streep der "Vogue": "Es gibt dafür keinen Leitfaden. Alles unterliegt enormen Aushandlungen. Aber ich besitze ein umfassendes Bedürfnis nach Arbeit und gleichermaßen danach, enge Liebes-Verbindungen in meinem Leben zu haben. Ich kann mir nicht vorstellen, das eine für das andere aufzugeben."

Familiär, erfolgreich, fürsorglich, klug, kritisch - ist Meryl Steep der beste Mensch der Welt? Wie weit her kann es da eigentlich sein mit ihrer sagenumwobenen Bescheidenheit? Auch diese, klar, scheint der Realität zu entsprechen: "Ich versuche so ein normales Leben wie möglich zu führen", gab die überzeugte Demokratin einst preis, "man kann nicht verdorben werden, wenn man selbst bügelt". Und auch hinsichtlich ihrer Dutzenden Preise wiegelt sie lieber ab: "Auszeichnungen sind keine Jobgarantie!". So betrachtet sich die elegante Minimalistin selbst absolut nicht als der Megastar, der sie nun einmal ist - mit dem Hollywood-Glamour kann die selbsternannte "Hausfrau mit Film-Hobby" nicht viel anfangen.

Eine Nobel-Villa im Sternchen-Viertel in L.A. existierte zwar tatsächlich bis 1995, wurde von Familie Streep aber bald aufgegeben. Aus Gründen: "Ich hasste es, wenn ich mich selbst für den Trip zum Supermarkt zurechtmachen musste. Meiner Familie und mir ist New York tausendmal lieber". Bevorzugt lebt Meryl Streep mit ihrer Familie allerdings im bergigen Connecticut, auf einem Grundstück samt See. Berlin kann sich freuen, dass diese großherzige, sympathische und intelligente Frau in den kommenden Tagen zu Gast sein wird, um mit der ihr eigenen Empathie und Scharfsichtigkeit über die besten Filme des Festivals zu befinden. Und ihre Qualitäten als Anführerin zu beweisen.

Schauspielerin Meryl Streep

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