Print-Kolumnist erhält neue Servus-TV-Sendung

„Man kann schon depressiv werden“: Jan Fleischhauer über die Corona-Pandemie

„An Alternativlosigkeit glaube ich aus Prinzip nicht. Es gibt immer eine Alternative“, meint Jan Fleischhauer. „Deswegen gibt es ja aus gutem Grund auch nicht nur den Herrgott, sondern daneben genauso den Teufel.“
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„An Alternativlosigkeit glaube ich aus Prinzip nicht. Es gibt immer eine Alternative“, meint Jan Fleischhauer. „Deswegen gibt es ja aus gutem Grund auch nicht nur den Herrgott, sondern daneben genauso den Teufel.“

Er gilt als eine der spitzesten, auch provakantesten Zungen im Lande: Der langjährige „Spiegel“-, jetzt „Focus“-Kolumnist Jan Fleischhauer geht ab Dienstag, 7. April, bei Servus TV mit einem neuen Wochen-Rückblick auf Sendung. Bundeskanzlerin Angela Merkel kritisiert er in der Corona-Krise.

Seine Waffe ist das Florett und das scharf gesetzte Wort. Und dennoch greift Jan Fleischhauer, der lange „Spiegel“-Redakteur war und seit vergangenem Sommer für den „Focus“ arbeitet, gerne auch mal (rhetorisch) zum Säbel, wenn er sich aufregt über das, was in Politik und Gesellschaft seiner Meinung nach aktuell schief läuft. Ab 7. April bekommt er auf Servus TV in der jeweils wöchentlich, dienstags, um 19.09 Uhr, ausgestrahlten Mini-Sendung „Jan Fleischhauer - 9 Minuten netto“ eine neue Bühne. Damit steht der gebürtige Hamburger nun auch in Diensten des Österreicher-Senders des Red-Bull-Unternehmers Dietrich Mateschitz. Kurz vor dem Start des neuen Formats treiben Fleischhauer natürlich die Corona-Krise um - und die Abhängigkeit der deutschen Regierung von den neuerdings so einflussreichen Virus-Wissenschaftlern.

nordbuzz: Herr Fleischhauer, dass Sie ein meinungsfreudiger Journalist mit durchaus ausgeprägtem Mitteilungsdrang sind, weiß man ja. Verschlägt Ihnen die Corona-Krise nun die Sprache?

Jan Fleischhauer: Nein. Die Krise schlägt vor allem aufs Gemüt. Wenn man wie ich jeden Tag mehrere Stunden auf den verschiedenen Online-Diensten verbringt, kann man schon leicht depressiv werden. Ich habe zwischenzeitlich überlegt, mich aus dem Nachrichtenstrom auszuklinken. Aber das wäre so, als ob ein Geistlicher beschließt, nicht mehr in die Bibel zu schauen als Angst vor zu viel Apokalypse. Also halte ich tapfer durch.

nordbuzz: Man hört jetzt viele zur Ruhe mahnende Stimmen. Schlechte Zeiten für einen polarisierenden Geist?

Fleischhauer: Wenn es mir um die Provokation ginge, dann hätte ich schlechte Karten, das glaube ich auch. Aber da ich meine Aufgabe darin sehe, einer Sichtweise Gehör zu verschaffen, die ich im Journalismus für unterrepräsentiert halte, ist mir nicht bang. Als ich neulich im „Focus“ auf den Widerspruch hinwies, dass die Regierung einerseits bereit ist, den Einzelhandel in Deutschland zu erledigen, aber anderseits nicht willens, hustende Urlauber in Quarantäne zu nehmen, weil das den Urlaubern die Laune verhageln könnte, gab es breite Zustimmung. Woraus ich schließe, dass viele Leser fanden, dass es an der Zeit ist, dass man auch auf die Widersprüche im Umgang der Regierung mit der Corona-Krise hinweist.

nordbuzz: Sie scheinen gerne den Widerspruch zu vermeintlich festgefahrenen allgemeinen Meinungen zu suchen. Was läuft in Zeiten der Corona-Ängste Ihrer Ansicht nach am sträflichsten falsch im Lande?

Fleischhauer: Ich habe am Anfang die Stimmen vermisst, dass man aufpassen muss, dass man über die verordnete Kur nicht den Patienten verliert. Aber die sind jetzt ja da. Noch nicht sehr zahlreich vielleicht, aber immerhin vernehmbar.

nordbuzz: Sie haben zuletzt immer wieder die Dominanz der Virus-Wissenschaftler kritisiert. Haben diese zu starken Einfluss auf den Kurs der Bundesregierung?

Fleischhauer: Das kann ich nicht genau beurteilen. Ich weiß nicht, mit wem Angela Merkel alles redet. Aber wenn ich höre, dass sie sagt, dass es jetzt darum gehe, das zu tun, was die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sagen würden, dann erinnert mich das an ihren Satz aus der Finanzkrise, dass die von ihr vorgeschlagenen Maßnahmen alternativlos seien. An Alternativlosigkeit glaube ich aus Prinzip nicht. Es gibt immer eine Alternative. Deswegen gibt es ja aus gutem Grund auch nicht nur den Herrgott, sondern daneben genauso den Teufel.

Habe schon zwei Bayerische Ministerpräsidenten gewählt"

nordbuzz: Wie haben Sie, der immerhin gebürtiger Hamburger, reagiert, als nun ausgerechnet der Sender Servus-TV mit dem ersten Interesse einer Zusammenarbeit an Sie herantrat?

Fleischhauer: Ich habe mich gefreut. Ich lebe jetzt seit sechs Jahren im Süden. Ich habe schon zwei Bayerische Ministerpräsidenten gewählt. Ich habe das Angebot als Beleg gewertet, dass man bereit ist, über meine migrantische Herkunft hinwegzusehen.

nordbuzz: Noch zu „Spiegel“-Zeiten war es möglicherweise einfacher, als Konservativer Ihre Rolle als Stachel im Fleisch zu verorten. Wie soll dieses Spiel bei dem Sender funktionieren, dessen Kurs ohnehin als eher konservativ eingeschätzt wird?

Fleischhauer: Die Leute messen mich nicht an meiner direkten Umgebung, sondern am allgemeinen Medienumfeld, ist mein Eindruck. So ist es auch beim „Focus“. Ich bekomme viele Briefe, in denen Leute mir schreiben: „Danke, endlich sagt's mal einer.“ Das würde ja nicht passieren, wenn alle Leser den Eindruck hätten, dass das, was ich schreibe, schon überall zu lesen oder zu hören war. Es gibt zugegebenermaßen auch andere Schreiben. Zuneigung und Abneigung halten sich in meinem Fall die Waage.

„Ich sag lieber 'Grüß Gott“,

nordbuzz: Stehen in Ihrem neuen Vertrag mit Servus-TV eigentlich Tendenz-Passagen: Wie provokativ dürfen, wie scharf müssen Sie in Ihrer Sendung dort werden?

Fleischhauer: Gibt es so was? Das hätte ich gerne. Dann könnte ich jede Woche austesten, wo die Grenzen meines Vertrages sind. Das wäre ein zusätzlicher Thrill.

nordbuzz: Letzte Frage: Wie locker geht Ihnen eigentlich privat das saloppe „Servus“ über die Lippen?

Fleischhauer: Ich sag lieber „Grüß Gott“, damit erzielt man als Hamburger beim Heimatbesuch einen noch größeren Effekt. Aber wenn's am „Servus“ hängt, ob sie mich bei Servus-TV ab 7. April auf Sendung lassen: Daran soll es nicht scheitern.

teleschau

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