Heute auf ProSieben: „9 Tage wach“

„Man betäubt sich, damit es erträglicher ist“: „9 Tage wach“ erinnert an „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“

Immer wieder beherrschen Drogen die langen Partynächte von Eric (Jannik Schümann, Mitte), Lilly (Hanna Hilsdorf) und Max (Matti Schmidt-Schaller).
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Immer wieder beherrschen Drogen die langen Partynächte von Eric (Jannik Schümann, Mitte), Lilly (Hanna Hilsdorf) und Max (Matti Schmidt-Schaller).

Die aufwühlende Biografie „9 Tage wach“ zeigt den Schauspieler Eric Stehfest (verkörpert von Jannik Schümann) während den Höhen und Tiefen seiner Crystal-Meth-Abhängigkeit.

Lange hat er warten müssen, nun flattert tatsächlich die erlösende Antwort per Brief ins Haus: Eric Stehfest (Jannik Schümann) wurde zur Schauspielschule zugelassen. Seine Freude darüber ist groß, ausgelassen wirbelt er seine kleine Schwester durch die Lüfte. Zeitgleich entbrennt ein heftiger Streit zwischen Erics Mutter Liane (Heike Makatsch) und seinem Stiefvater Tilo (Benno Fürmann) - er hat kein Verständnis für Eric. Szenen wie diese erlauben einen mithin fast verstörend intimen Einblick in das Leben des ehemaligen „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“-Schauspielers Eric Stehfest, der in dem Bestseller „9 Tage wach“ (2017) von seiner jahrelangen Crystal-Meth-Abhängigkeit erzählt. Der gleichnamige Film, dessen Deutschlandpremiere ProSieben heute, am Sonntag, 15. März, um 20.15 Uhr, ausstrahlt, zeigt nun auch visuell eindrücklich, durch welche Hölle er gehen musste.

Viele Höhen und mindestens genau so viele Tiefen prägten das Leben des heute 30-Jährigen. Recht schnell zu Beginn des Films lernt er seine Freundin Anja (Peri Baumeister) kennen, mit der er in eine gemeinsame Wohnung in Berlin zieht. In der Hauptstadt kann er endlich sein Schauspielstudium beginnen, die innigen Momente mit Anja genießen, und auch ab und an seine Mutter besuchen, die immer für ihn da ist und ihn bedingungslos unterstützt.

Doch es prasseln immer wieder Rückschläge auf Eric ein. Sein Stiefvater, der findet, dass er nicht richtig erzogen wurde, funkt immer wieder zwischen Eric und seine Mutter. Ein unerwarteter Tod überrascht, und auch Anja schockiert Eric, als sie zwar schwanger ist, er aber nicht sicher weiß, ob er der Vater des Kindes ist. Ihre Beziehung wird immer komplizierter, und auch sein Professor an der Schauspielschule ist kurz davor, ihn rauszuschmeißen. Die Tiefen enden meist in einem wahren Drogenrausch und gipfeln dann am Ende in den titelgebenden neun wachen Tagen, die Eric Stehfests ganzes Leben verändern.

Dokumentation über Stehfests Vergangenheit

Getragen wird die bewegende Geschichte von einer starken Besetzung. Jannik Schümann („Charité“, „Dem Horizont so nah“) arbeitete sich intensiv in die Rolle des Drogenjunkies ein, man nimmt ihm jede Sekunde auf seinem Leidensweg und die Schmerzen ab. Heike Makatsch glänzt als Erics fürsorgliche Mutter Liane, während Benno Fürmann als Stiefvater Tilo Härte zeigt. Und auch die Nebenrollen sind mit Gitta Schweighöfer oder Martin Brambach prominent besetzt. Peri Baumeister geht als wandelbare Anja durch die verschiedenen Phasen ihres Lebens - in fast jeder Szene taucht sie plötzlich mit anderen Haaren wieder auf, passend zu ihren wechselhaften Lebenserfahrungen.

Thematisch erinnert „9 Tage wach“ an das Bestseller-Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ aus dem Jahr 1978, in dem Christiane Felscherinow von ihrer Heroinsucht und dem Kinderstrich in Berlin erzählte. Das Buch und der Film von Eric Stehfest fokussieren weniger die Droge an sich, sondern beschreiben eher seine Empfindungen und Erfahrungen über die Jahre hinweg - man bedenke, dass er bereits im zarten Alter von 14 Jahren seinen ersten Crystal-Meth-Rausch hatte. „Wenn man durch die Reizüberflutung und die Atemlosigkeit nicht weiß, was man sagen soll, weil man Angst hat, der eigenen Meinung eine Stimme zu geben, dann nimmt man Drogen oder betäubt sich, damit es erträglicher ist“, sagt der echte Stehfest über seinen Drogenkonsum.

Die dramatischen Bilder des Films von Regisseur Damian John Harper zeigen, wie er sich von Party zu Party schleppt und vor allem, wie die Erlebnisse seine Sinne benebeln. „Wenn ich's nehme, fühle ich mich wie Jesus und der Terminator gleichzeitig“, erzählt Eric einem Arzt, kurz bevor er sich in einen schmerzhaften Entzug begibt, bei dem er sich zwischen Kotze und Kacke windet. Der Doktor macht ihm wenig Hoffnung: „Nur einer von zehn schafft es.“ Doch da muss er durch. Und er hat es am Ende geschafft. Aber was hat sich für den echten Eric Stehfest verändert? „Ich gucke sensibler nach draußen und habe keine Angst mehr vor den Gefühlen.“ Heute ist er clean und mit seiner Frau Edith verheiratet. Die beiden bekamen 2016 einen gemeinsamen Sohn. Nach fünf Jahren verabschiedete er sich 2019 von seiner Rolle Chris Lehmann bei „GZSZ“ und zog sich aus dem Fernsehen zurück, um sich anderen Projekten zu widmen.

Im Anschluss an das Biopic begibt sich der echte Eric Stehfest auf ProSieben in der Dokumentation „Dropout - Die Doku mit Eric Stehfest“ auf die Spuren seiner Vergangenheit. Er sucht Orte auf, an denen er gewesen ist, und unterhält sich mit Menschen, die mit der Droge zu tun hatten oder haben. Außerdem beschreibt er, wie es nach seiner Sucht für ihn weiterging.

„Ich wollte versuchen, denen eine Stimme zu geben, die sich nicht trauen, ihre zu benutzen“, antwortet Eric Stehfest im Interview auf die Frage, warum er überhaupt derart offen mit seiner Sucht umgegangen ist. Und die überwältigende Resonanz auf sein Buch habe ihn bestätigt: „Ich habe da eine Tür aufgemacht für Schicksale, die deutlich schlimmer waren als meine.“ Gut möglich, dass angesichts dieses bemerkenswerten Films noch ein paar Betroffene mehr durch jene Tür gehen.

teleschau

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