Lust auf den Wahnsinn des Lebens

Lisa Martinek im Interview: „Gute Arbeit vom Autor ist schon mehr als die halbe Miete“

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Lisa Martinek schätzt vor allem die Extreme an der Serie „Blaumacher“.

Lisa Martinek steht im Mittelpunkt der neuen ZDFneo Serie „Blaumacher“ (Mittwoch, 07. Juni, 21.45 Uhr) und spielt außerdem die eingebildete Eva in „Ein schrecklich reiches Paar“ (Donnerstag, 11. Mai, 20.15 Uhr, ZDF).

Manchmal schreibt eine Fernsehfigur ihre eigene Erfolgsgeschichte: Bereits 2010 verkörperte Lisa Martinek zum ersten Mal in „Bella Vita“ Eva, die selbstverliebte Schwester von Isabella, 'Bella' Jung, gespielt von Andrea Sawatzki. Fünf weitere Film-Episoden aus der ZDF-Reihe folgten, bevor Eva mit ihrem Ehemann Rainer nun einen eigenen Schauplatz bekam: „Ein schrecklich reiches Paar“ (Donnerstag, 11. Mai, 20.15 Uhr, ZDF) ist also das, was man in Hollywood ein Spin-off nennen würde. 

Doch nur Komödien zu spielen, sagt Lisa Martinek, fände sie auf Dauer zu langweilig. Allerdings funktioniert auch ihr zweites Großprojekt dieser Tage, die Serie „Blaumacher“, mit einer extra Portion Sarkasmus. Ab Mittwoch, 7. Juni, 21.45 Uhr, läuft die erste Staffel mit à 30 Minuten wöchentlich auf ZDFneo. Unterschiedliche Lebensentwürfe, Wünsche, Selbstzweifel und Suizid sind die großen Themen in dieser äußerst spitz erzählten Geschichte: Frank (Marc Ben Puch) Mitte 40, Vater zweier Kinder, verheiratet mit Carmen (Lisa Martinek), die mit ihrem Fitnesstrainer eine Affäre hat und Sascha (Laura Berlin), 21, die Tochter seiner Nachbarn und ebenfalls auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, werden in „Blaumacher“ zu Leidensgenossen der besonderen Art.

nordbuzz: In der Serie „Blaumacher“ spielen Sie eine Frau, die aus ihrem Leben ausbricht. Eine Rolle, die gut in die Zeit passt, oder?

Lisa Martinek: Ja. Carmen spricht ein großes Problem an: Sie hat das Gefühl, sie muss zurückstecken und ihrem Mann den Vortritt lassen. Sie musste immer auf die Kinder aufpassen, doch die werden langsam flügge. Sie hat ein Verhältnis mit ihrem Trainer, aber das schon seit Jahren. Sie ist nicht glücklich, sie ist nicht unglücklich. Bis sie sich fragt: Wo ist mein Leben überhaupt?

nordbuzz: Was ist dann der Auslöser für ihre Krise?

Martinek: Erst in dem Moment, als ihr Mann alles in Frage stellt, fängt sie an, nachzudenken, wie sie leben möchte. Sie wird zur emanzipierten Frau, aber erst mal kämpft sie mit Problemen, mit denen viele kämpfen: Sobald man als Paar Kinder kriegt, geht derjenige, der mehr Geld verdient, arbeiten, und der andere bleibt erst mal zu Hause. Egal, ob Mann oder Frau. Das macht ja auch Sinn, denn wenn beide arbeiten gehen, entstehen ganz andere Schwierigkeiten. Ich glaube das Thema betrifft einfach wahnsinnig viele Familien.

nordbuzz: Gab es Berührungspunkte, wo Sie sich wiedergefunden haben?

Martinek: Wenn der Autor gute Arbeit leistet, dann ist das schon mal mehr als die halbe Miete. Dann ist die Rolle einfach schon plastisch. Und ich bin selber Mutter von drei Kindern, von daher musste ich da nicht viel Fantasieübungen leisten. Ich mochte die Extreme: wenn Eva zum Beispiel eine Ratte mit dem Baseballschläger totschlägt und brüllend und heulend auf dem Rasen sitzt. Oder die Szene beim Psychologen mit ihrer Tochter.

nordbuzz: Wie viel Realität steckt in diesen Szenen?

Martinek: Es ist natürlich kein Abbild der Realität, sondern überspitzt dargestellt. Sarkasmus gibt eine tolle Möglichkeit, das alles ein wenig zu überzeichnen. Die Leute können sich wiedererkennen, aber es passiert nicht mit dem belehrenden Fingerzeig. Wenn das Mädchen zu ihrer Mutter sagt: „Ich will nicht werden wie du, so abgehungert und durchgeyogat; und wenn ich noch einmal Hafermilch aufgetischt kriege, dann kaufe ich mir eine Kuh.“ Da werden Bilder unserer Gesellschaft wie etwa die vegane Lebensweise mit einem Augenzwinkern kommentiert. Das finde ich toll gespiegelt bei den „Blaumachern“.

„Bei ZDFneo können sich mehr Dinge getraut werden“

nordbuzz: Sie sind Mutter von drei kleinen Kindern. Haben sie bei solchen Bildern Angst vor der Pubertätsphase Ihrer Kinder?

Martinek: Ja (lacht)! Das ist Gott sei dank noch weit hin, aber davor ist mir schon mulmig. Im Kleinen kriegt man das schon jetzt mit, wenn Kinder anfangen, sich gegen einen zu stellen und ihre Grenzen austesten. Dann denkt man doch: Oh, was ist denn da jetzt passiert?

nordbuzz: Ist man bei solchen Rollen zwangsläufig ganz schnell dabei, seine persönliche Situation zu reflektieren?

Martinek: Um ehrlich zu sein: meine Rollen, sind meine Rollen. Ich ziehe nie ein Lineal und denke: Ach, das ist eine Parallele zu mir und das eher nicht. Ich fühle mich von einer Rolle entweder angesprochen oder nicht. Und überlege nicht, was das jetzt mit mir zu tun hat. Das interessiert mich gar nicht so sehr.

nordbuzz: Die Serie schneidet viele existenzielle Themen an. Welche Facette hat Sie am Drehbuch besonders angesprochen?

Martinek: Die Bandbreite und Sprache der Figuren: auf der einen Seite steht das Mädchen, das gerade mit der Schule fertig ist und den Sinn des Lebens generell sucht. Auf der anderen Seite ist dieses Paar, das in der Midlife Crisis steckt und auch nach dem Sinn des Lebens sucht. Damit deckt der Autor Bernd Lange eine irre Spannbreite ab, was ich toll finde. Weil sich da einfach viele Leute wiedererkennen in der ein oder anderen Rolle.

nordbuzz: Sollte das Thema Midlife Crisis oder Lebenskrise gerade auch bei Frauen noch mehr in Filmen oder Serien thematisiert werden?

Martinek: Wenn wir die einzigen sind, die das Thema behandeln dann habe ich da nichts dagegen. Dann sehen mehr Zuschauer unsere Serie (lacht). Nein, das ist wirklich eines der Themen, die sehr spannend sind. Es geht mir aber eher darum, wie Geschichten erzählt werden. Wenn sie zu oberflächlich geschildert werden, dann ist es einfach zu langweilig. Und da hat „Blaumacher“ eine gute Mischung getroffen: die Geschichte ist unterhaltsam und zeigt dennoch etwas, worüber man nachdenken kann.

nordbuzz: Inwiefern passt das Format Serie zu dieser Geschichte?

Martinek: Ich habe noch nie eine Serie gemacht, und auch noch nie für ZDFneo gearbeitet. Was ich toll finde, ist, dass bei diesem Format sich mehr Dinge getraut werden können. Es ist einfach viel eckiger und sperriger, als es zum Beispiel beim ZDF möglich wäre. Mir hat gut gefallen, dass es grenzwertiger ist und, dass das Drama sehr lustvoll und lustig erzählt wird. Bislang wurden sechs Folgen gedreht, und ich hoffe wirklich, dass es weitergeht.

nordbuzz: Einen gänzlich anderen Frauentyp spielen Sie im ZDF-Film „Ein schrecklich reiches Paar“. Die Rolle der Eva definiert sich über Geld, sie sieht ihr Glück im Reichtum. Wie wichtig ist Ihnen Geld?

Martinek: Man braucht genug Geld, um nicht ständig darüber nachdenken zu müssen, ob man genug hat. Das ist schon eine tolle Voraussetzung.

nordbuzz: Eva definiert ihre Ehe als Abkommen: der Mann ist reich und oft weg, die Frau frei und schön? Gibt es diese Art von Frauen wirklich?

Martinek: Nein, Eva ist eindeutig eine Kunstfigur. Eva ist irrsinnig von sich selbst überzeugt. Sie alleine muss ihrem Mann genügen. Er hat mit ihr Spaß, er hat mir ihr ein schönes Leben. Und er hat auch nur mit ihr glücklich zu sein und mit niemand anderem. Das empfindet sie als logische Schlußfolgerung, weil sie eben so großartig ist. Sie findet es schade, keine Kinder zu haben, aber nur aus dem Grund, weil ihre Gene nicht fortgepflanzt werden. Diese totale Überzeugung zu spielen ist herrlich.

„Ich bin ein Verfechter von Barfuß-Schuhen“

nordbuzz: Haben sie das Potenzial der Figur bereits in der „Bella“-Reihe gesehen?

Martinek: Ja, die erste Folge der „Bella“-Reihe hat Thomas Berger gemacht. Er rief mich an und erzählte mir von dieser tollen Rolle, die ich unbedingt spielen sollte. Ich war damals mitten in einem Projekt und konnte mich nicht mal ins Drehbuch einlesen. Aber Thomas meinte, vertraue mir, spiele diese Rolle. Ich bin heute noch dankbar, weil diese Rolle sofort Spaß gemacht hat.

nordbuzz: Gibt es etwas dass man von Eva lernen kann?

Martinek: Ja, Eva ist eine Lebenskünstlerin. Am Anfang scheint es, als würde sie nur mit ganz viel Geld leben können - oder ihr Mann glaubt das zumindest. Aber sie wird unterschätzt. Aus jeder Situation schafft sie eine Lösung. Nach dem Motto: Probleme gibt's nicht, Probleme werden gelöst. Sie ist sehr patent - wie sie da zum Beispiel die jungen Randalierer vermöbelt. Und für so was ist sie sich dann auch nicht zu schade. Sie ist einfach wahnsinnig von sich überzeugt.

nordbuzz: Was halten Sie von der Start-Up Idee von Eva: bequeme und tragbare High-Heels zu produzieren. Hätte das Modell eine Chance?

Martinek: Ich glaube nicht daran. Das ist eine vollkommene Eva-Erfindung, die rein anatomisch schon gar nicht funktionieren kann. Ich bin ein Verfechter von Barfuß-Schuhen, da würde ich schon eher ein Start-Up gründen.

nordbuzz: Tragen Sie privat gar keine High-Heels?

Martinek: Abends mal. Aber ich stöckel nicht durch den Alltag.

tsch

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