Zum Ende der „Lindenstraße“

Die „Lindenstraße“ ist tot, lang lebe die „Lindenstraße“!

Alltag, Marke „Lindenstraße“: Benny (Christian Kahrmann, zweiter von links), Kornelia (Nina Vorbrodt), Helga (Marie-Luise Marjan) und Klausi (Moritz A. Sachs) starten Ende der 80er-Jahre in einen weiteren ereignisreichen Tag.
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Alltag, Marke „Lindenstraße“: Benny (Christian Kahrmann, zweiter von links), Kornelia (Nina Vorbrodt), Helga (Marie-Luise Marjan) und Klausi (Moritz A. Sachs) starten Ende der 80er-Jahre in einen weiteren ereignisreichen Tag.

Dezember 1985 in (West-)Deutschland. a-ha erobern mit „Take On Me“ die Spitze der Charts, und im Fernsehen sorgt eine neue Seifenoper für Furore: die „Lindenstraße“. Jetzt, nach beinahe 35 Jahren, ist alles aus und vorbei. Es ist ein Jammer. Und ein Riesenfehler. Eine persönliche Sicht der Dinge!

Moritz A. Sachs hat seine Meinung noch einmal nachgebessert. Auf die Frage, was der Gesellschaft mit der „Lindenstraße“ verloren geht, hätte er noch Anfang März geantwortet: „ein kritisches, ausgleichendes und kommentierendes TV-Format, das es so sonst nicht gibt“, sagt der Schauspieler, der 1985 als Sechsjähriger zu Hans W. Geißendörfers Urbesetzung stieß und der größten deutschen Serie bis zum bitteren Ende treu blieb. Jeder weiß, was dann passiert ist: Das Land, die ganze Welt, steht im Bann der Corona-Pandemie, und, das Ereignis muss man auch nicht kleiner reden, als es ist, die dann doch nicht ewige „Lindenstraße“ wurde eingestellt. Seit Sonntagabend ist finito, Schluss, aus und vorbei.

Heute, sagt Sachs, würde er sein Statement anders formulieren: Es sei „der Verlust einer Serie“ zu beklagen, „die vielen Zuschauern ein emotionales Zuhause geboten“ habe. Und genau das ist es, was die Einstellung des Formats zur Tragödie macht: Zumindest ein Teil der Menschen braucht im Programm solche Horte der Verlässlichkeit. Refugien, in denen man sich aufgehoben fühlt und ein Stück weit den eigenen Werdegang gespiegelt sieht, sind nicht nur, aber gerade auch in Krisenzeiten von gesellschaftlicher Bedeutung. „Wir sind für viele ja fast Familie“, weiß der Mann, der als Klaus(i) Beimer TV-Geschichte schrieb. Und dieser Verlust sei „zurzeit, da wir alle wegen der Corona-Ereignisse beunruhigt zu Hause sitzen, besonders bitter“. Denn: „Vertrautes und Struktur können uns momentan sehr helfen. Aber was heute passiert, war damals natürlich nicht absehbar.“

Nein, war es nicht. Und Fakt ist, dass Deutschland nun normalerweise über das Ende der „Lindenstraße“ debattiert hätte und nicht über mangelndes Klopapier und noch viel, viel Schlimmeres. So ein eher geräuschloses Ende haben sie nicht verdient, die Beimers und Zenkers dieser Welt. Aber immerhin kann der, wenn auch von höheren Mächten erzwungene Perspektivenwechsel hilfreich sein, um die Dinge etwas klarer zu sehen und zu realisieren, welcher Wert uns mit der Serie abhandenkommt: Man darf davon ausgehen, dass sie nicht nur den eingefleischten Fans schon bald schmerzlich fehlen wird, die „Lindenstraße“.

Die „Lindenstraße“ hätte nicht eingestellt werden dürfen

Es zeugt nicht gerade von Weitblick, ein Fernsehformat wie dieses zu beenden. Einem öffentlich-rechtlichen Fernsehsender wie dem WDR, der die Serie in Köln produzieren ließ, hätte man den Mut und das nötige Feingefühl für die gesellschaftlichen Gegebenheiten gewünscht, mit dieser Institution trotz mauer Quoten anders umzugehen.

Die „Lindenstraße“ hätte nicht eingestellt werden dürfen, sondern dieses Stück identitätsstiftendes Fernsehen hätte man neu ansetzen und größer machen müssen: andere Sende-Frequenz, andere Sendezeit, neue Formatlänge bis hin zur Filmreihe mit drei, vier 90-Minütern im Jahr - alles denkbar. Hauptsache ein wuchtiger Neuanfang, und wenn man die Serie in die Dritten Programme gereicht hätte. Wer sagt, dass neben all dem redundanten Quatsch, der sonst auch im Ersten in der Fiction-Primetime zum Einsatz kommt, nicht auch weiterhin Platz für diese alltagsnahen Storylines mit ihre sympathischen Helden gewesen wäre.

Nie war sie so wertvoll wie heute? Die „Lindenstraße“ war immer wertvoll!

Nie war sie so wertvoll wie heute, die „Lindenstraße“, könnte man jetzt in Anlehnung an die Worte von Moritz A. Sachs tönen. Aber das wäre geheuchelt und auch bei Weitem nicht korrekt. Denn die „Lindenstraße“ war immer wertvoll - das haben nur nicht mehr so viele Menschen mitbekommen wie einst. Vielleicht war es das große Problem der Serie, dass sie irgendwann, schon vor 15, eher 20 Jahren aus dem Fokus der Medien geriet. In den 80er-Jahren, noch bis weit in die 90-er hinein, sorgte die „Geißendörfer“-Produktion regelmäßig für Schlagzeilen und praktisch permanent für Gesprächsstoff. Die gesellschaftliche Relevanz, sie wurde in der „Bild“ verhandelt, in der „Tagesschau“, bei „Wetten, dass ..?“ - und in der „Lindenstraße“.

Aber dann war auf einmal alles digital, alles musste irgendwie eingeteilt werden in wahlweise cool - oder altbacken und uncool. Auch der Journalismus, gerade der Medienjournalismus, hat sich rasend schnell verändert. Auf einmal war da kein Platz mehr für die Iffis, Klausis und Vasilys dieser Welt. Geschrieben wird über das, was angesagt ist - eine politisch engagierte Serie gehörte zwei Jahrzehnte lang nicht mehr dazu.

Die Wahrheit ist auch: Die „Lindenstraße“ verlor massiv Zuschauer, und während im Privatfernsehen tägliche Formate wie „GZSZ“ oder „Unter uns“ erfolgreich an der jungen Zielgruppe herumbaggerten, wusch auch die ARD selbst das Profil ihres schillernden Premiumserienformats grau, in dem sie es der Konkurrenz ähnlich gelagerter Dailys wie „Marienhof“ aussetzte. Wer sollte so viel Alltagsnähe auf Dauer aushalten? Aber selbst im Überangebot an Realismus-Fiction hat sich die „Lindenstraße“ lange tapfer behauptet und manches Format kommen und gehen sehen. Und dann war es irgendwann eben so: Die „Lindenstraße“ hatte ihre treuen Fans, und vom Rest wurde sie links liegen gelassen. Vergessen.

Ein Rückblick auf bessere Jahre

„Wir hatten bei den ersten Folgen auf Anhieb 13 Millionen Zuschauer“, erinnert sich Marie-Luise Marjan. Wenn es um die „Lindenstraße“ geht, weiß niemand besser Bescheid als „Mutter Beimer“, einst von allen liebevoll als „Mutter der Nation“ bezeichnet: Sich die Serie anzuschauen, findet die mit ihrer Rolle in all den Jahren fest verwachsene Marie-Luise Marjan, sei „wie eine große Zeitung lesen - oder mehr als das: Wie ein Blick aufs eigene Leben“. Die Serie, so Marjan, „ist nicht seicht, sie liefert Diskussionsstoff, Sichtweisen und manchmal auch unbequeme Auseinandersetzung“. Es gab für sie „immer eine Art Symbiose zwischen den Figuren und den treuen Fans“.

Hans Geißendörfer hatte am Anfang gesagt: „Uns wird man eines Tages vermissen, wenn die Serie zu Ende gehen sollte, denn wir werden so bekannt wie die 'Tagesschau.“ Recht hatte er, findet Marie-Luise Marjan, inzwischen 79 Jahre alt: „Die Menschen haben sich an uns gewöhnt, sie haben uns liebgewonnen, wir gehörten für viele ganz einfach zu ihrem Leben dazu. Genau das sorgt nun für Trennungsschmerz.“ Wie groß der ist, kann man seit Monaten in den Sozialen Medien begutachten, wo die anfängliche Wut einer beinahe feierlichen Trauerstimmung gewichen ist.

Früher war sie ein Ereignis

Im Rückblick könnte man fast darüber schmunzeln, dass das Lebensgefühl in der BRD im Herbst des Jahres 1985 erstaunlich viel mit dem Thema Wald zu tun hatte: Die Agenda prägte zum einen die gerade im ZDF gestartete Schnulzenserie „Die Schwarzwaldklinik“, andererseits war da auch die Diskussion um das „Waldsterben“, die alle gesellschaftlichen Bereiche durchzog und in geradezu apokalyptische Visionen mündete. So war das eben seinerzeit in Westdeutschland: Die breite Masse war nicht weniger vergnügungssüchtig als heute, aber vor dem Hintergrund von Umweltzerstörung und Kaltem Krieg politisch bewegt. Aus der TV-Unterhaltung wurden Politik und Relevanz jedoch noch strikt herausgehalten. Dann kam die „Lindenstraße“.

Die erste Seifenoper im deutschen TV bildete von der ersten Folge im Advent 1985 an nicht nur auf mithin erschreckend realitätsnahe Art den Familienalltag ab, sie legte auch sofort eine klare Haltung an den Tag, mischte sich ein, war streitbar - und erzielte damit enorme Reichweite. Wenn die Serie nun zu Ende geht, gilt es, sich auch daran zu erinnern: dass dieses ARD-Format einst richtungsweisend war. Was im Programm von heute fast trotzig und für manchen Kritiker wie das biedere Relikt aus analogen Zeiten gewirkt haben mag, war mal ein Ereignis: Regelmäßig mehr als zehn Millionen Zuschauer fieberten in den 80er-Jahren mit. Über die Familien Beimer, Flöter, Sarikakis oder Zenker sprachen die Leute so, als würden sie von Nachbarn, Freunden und Verwandten erzählen. Die Alltagsgeschichten aus der „Lindenstraße“, sie wurden selbst zum Bestandteil westdeutschen Alltags. Und genau das war auch der Plan des Erfinders Hans W. Geißendörfer.

„Es gab mehrere Motive“, antwortete der Produzent, der die Leitung längst an seine Tochter Hana weitergereicht hat, einst auf die Frage, warum er damals gegen gar nicht so wenige Widerstände die Seifenoper des deutschen Nullachtfuffzehn-Alltags bei der ARD durchboxte: „Ich wollte viele, viele Menschen erreichen, weil ich mir einbildete, dass ich etwas zu sagen hätte, das etwas radikal Humanistisches und Politisches in sich trägt. So kam es, dass die 'Lindenstraße' vom ersten Moment an eine Haltung hatte.“ In der Tat hat die deutsche Kultserie viele heiße Eisen angepackt: Drogenmissbrauch, Integration oder Rechtsradikalismus wurden verhandelt, später geisterten Themen wie Flüchtlingskrise oder Terrorgefahr durch die Plots.

Pionierarbeit beim Thema Homosexualität

Pionierarbeit leistete der Dauerbrenner beim Thema Homosexualität. „Der politische Kommentar war von der allerersten Minute an unsere volle Absicht“, erklärt der Produzent, der gleich in der allerersten Folge schlägernde Neonazis auf den Plan treten ließ und 1990 den ersten schwulen Fernsehserien-Kuss und 1997 die erste Hochzeit eines schwulen Paares im deutschen TV inszenierte. „Wir haben klargemacht, dass Schwule auch liebenswerte Menschen sind und dass sie nicht ausgegrenzt gehören. Wir bauten eine Brücke, mit der wir hartgesottene Konservative dazu brachten, ihre Haltung zu überdenken“, erinnert sich der Filmemacher, der sich nicht nur einmal mit der Politik anlegte.

Mitte der 80er-Jahre regierte Helmut Kohl ein Volk, das sich noch über die lustigen Anfänge des Privatfernsehens wunderte, von einem Medienoverkill nichts ahnte und von der Wiedervereinigung nur träumen konnte. Die Menschen in der BRD richteten ihren Fokus auf den Arbeitsplatz-Erhalt und die Familie, und sie waren politisch interessiert - auf Demos zu gehen, galt, so wie heute endlich wieder, nicht als uncool. Es war der perfekte gesellschaftliche Nährboden, um ein Soapformat mit realen Bezügen gedeihen zu lassen. Die „Lindenstraße“ war die Lieblingsserie einer Nation, die noch mit einer gewissen Ehrfurcht aufs TV-Gerät blickte und „Wetten, dass ..?“ zur größten Show aller Zeiten machte. Damals passte das alles zusammen.

Doch das Rad der Zeit dreht sich immer schneller. Hierzulande war zuletzt sicherlich kein Streben nach gemeinsamer Identität zu verzeichnen. Gut möglich, dass sich das im Zuge der aktuellen Krise wieder neu justiert. Dass alle wieder etwas mehr nach dem suchen, was verbindet, anstatt auf jene zu hören, die trennen wollen. Vielleicht hat auch Schauspielerin Cosima Viola Recht, die als „Jack“ die Serie aufmischte, und findet, „dass die 'Lindenstraße' mehr als Bildungsauftrag hätte gesehen werden müssen. Und weniger als reines Unterhaltungsprogramm“. Womöglich wird man auf solche Gedanken demnächst noch kommen.

Aber zunächst regieren die Fakten. Die Serie hatte zuletzt einen Zuschauerschnitt von unter drei Millionen und erreichte kaum zweistellige Marktanteile. „Wetten, dass ..?“, ein anderes Relikt aus glorreichen TV-Lagerfeuerzeiten, wurde längst eingestellt. Und nun erwischt es auch die „Lindenstraße“. Wer will, kann nun wetten, dass wir aus guten Gründen schon in zwei oder drei Jahren über große TV-Comebacks reden werden. Das Comeback des TV-Lagerfeuers ist zuletzt ja schon vielfach begrüßt worden.

teleschau

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