„Sie haben mir 'Babylon Berlin' als Praktikum angerechnet“

Leonie Benesch im Interview

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Leonie Benesch, die mit „Das weiße Band“ und „Babylon Berlin“ im Alter von 28 Jahren schon zwei Rollen-Meilensteine vorweisen kann, spielt im ARD-Auswanderer-Epos „Der Club der singenden Metzger“ eine Schwäbin, die nach dem Ersten Weltkrieg in den Wilden Westen geht.

Leonie Bensch („Babylon Berlin“) gehört zu den spannendsten und hochdekoriertesten Jungschauspielerinnen Deutschlands. Ihr Handwerk lernte die 28-Jährige an einer Londonder Traditionsschule.

Leonie Benesch, für ihre Rolle als „Greta“ in „Babylon Berlin“ mit dem Deutschen Schauspielpreis 2018 für die „Beste Nebenrolle“ ausgezeichnet, hat mit gerade mal 28 Jahren bereits eine ungewöhnliche Karriere hinter sich. Noch vor ihrem Abitur spielte sie in Michael Hanekes Meisterwerk „Das weiße Band“. Nach der Schule „versackte“ sie jedoch erst mal in Berlin und zweifelte an ihrer beruflichen Ambition. Ein wenig ziellos sei jene Zeit gewesen, erinnert sie sich heute. Dann traf Benesch die ungewöhnliche Entscheidung, sich als Deutsche an der Londoner „Guildhall School of Music and Drama“ zu bewerben und ihre Schauspielausbildung in englischer Sprache zu absolvieren. Bis 2016 rackerte die rotblonde Deutsche in London, wo sie bis heute lebt. „Babylon Berlin“ war ihre erste große Rolle als Studentin der britischen Traditionsschule, auf der unter anderen auch Joseph Fiennes, Orlando Bloom oder „Downton Abbey“-Star Michelle Dockery ihr Handwerk lernten. Im dreistündigen Auswanderer-Epos „Der Club der singenden Metzger“ (Freitag, 27. Dezember, 20.15 Uhr, ARD) spielt Leonie Benesch nun eine junge Frau, die ihre schwäbische Heimat nach der Ersten Weltkrieg verlässt, um an der Seite ihres Mannes (Jonas Nay) im Wilden Westen der USA neu zu beginnen. Ab 24. Januar kann man Benesch dann auch in der dritten Staffel von „Babylon Berlin“ wiedersehen, die zunächst im Pay-TV bei Sky läuft.

nordbuzz: Wie kamen Sie auf die Idee, eine Schauspielschule in London zu besuchen?

Leonie Benesch: Ich hatte in Berlin einen privaten Schauspiellehrer, der aus England kommt und die britischen Schulen immer sehr gelobt hat. Außerdem ist es so, dass die meisten Schauspieler, die ich wirklich bewundere, britische Theaterschauspieler sind. Schließlich bin ich dort hingefahren, habe vorgesprochen und hatte sofort das Gefühl: Hier will ich studieren. Es war erst mal eine reine Gefühlsentscheidung.

nordbuzz: Spielen britische Schauspieler denn anders?

Leonie Benesch: Ich würde sagen, sie sind auf eine andere Art als wir Deutschen besessen von Sprache. Das Finden einer Rolle funktioniert dort extrem über das Sprechen. Dialekte und Akzente sind ungeheuer wichtig, sie sind ein entscheidender Baustein eines jeden Charakters. In deutschen Rollen hört man ja ganz selten etwas, das nicht hochdeutsch ist. Im Englischen wird extrem am sprachlichen Ausdruck gearbeitet. Man wird dort zu keinem Casting eingeladen, wenn man einen bestimmten Akzent nicht beherrscht.

„Man merkt mir nicht mehr an, dass ich Deutsche bin“

nordbuzz: Das klingt so, als wäre es für Sie als Deutsche in London besonders hart gewesen ...

Leonie Benesch: Na klar, es war extrem schwer. Aber ich hatte mir diese Herausforderung ausgesucht und habe mich tatsächlich sehr reingehängt, um diese Hürde als Ausländerin zu schaffen. Geholfen hat, dass ich keine einsame Außenseiterin war. Unser Jahrgang war ungewöhnlich, weil erstmals in der Geschichte der Schule sechs Schüler in die Klasse aufgenommen wurden, die keine Native Speaker waren. Wir sprachen Deutsch, Französisch, Russisch. Die Schule buchte uns sechs Schülern eine Extra Dialect-Coaching-Session in zweiten Trimester. Dieser Unterricht hat mir persönlich sehr geholfen.

nordbuzz: Was haben Sie da gelernt?

Leonie Benesch: Wir hatten einen tollen Lehrer, der uns beibrachte, wie jeder Gesichtsmuskel funktioniert. Ich lernte, in welchem dieser Muskeln welcher Dialekt oder meinetwegen der deutsche oder französische Akzent zu finden ist - und wie er moduliert werden kann. Nach diesem Unterricht weiß ich wirklich sehr viel über Sprache in all ihren Details. Ich habe auch extrem viel trainiert. Das war schon der Wahnsinn (lacht).

nordbuzz: Könnten Sie heute eine Britin in einer englischen Produktion spielen, ohne dass Ihre deutsche Herkunft jemandem auffallen würde?

Leonie Benesch: Ja, ich kann akzentfrei sogenanntes RP sprechen, das steht für „received pronunciation“. Man versteht darunter das normale Englisch südlicher Prägung. Das „posh standard uppy“ - also wie man sich eher gewählt im Englischen unterhält, etwa vergleichbar mit dem Hochdeutschen. Wenn ich jetzt zum Beispiel für eine amerikanische Rolle vorspreche, habe ich die Möglichkeit, auf der Basis des Gelernten mit einem Coach durch den Text zu gehen und einen neuen Akzent zu lernen. Das habe ich für etliche Vorsprechen auch getan. Man merkt mir nicht mehr an, dass ich Deutsche bin.

„Sie haben mir 'Babylon Berlin' als Praktikum angerechnet“

nordbuzz: Haben Sie denn auch Rollen bekommen?

Leonie Benesch: Natürlich gibt es immer Vorurteile, wenn man eine bestimmte Herkunft mitbringt. Das wäre wohl in jedem Land der Erde so. Und in London gibt es logischerweise auch eine krasse Konkurrenz. Die meisten Rollen seit der Schauspielschule spielte ich in deutschen Produktionen. Jetzt habe ich meine erste Rolle in einer englischen Produktion ergattert, in der ich keine Deutsche oder Ausländerin, sondern eine Britin spiele. Darauf bin ich sehr stolz.

nordbuzz: Wie sind Sie von London zu „Babylon Berlin“ gekommen?

Leonie Benesch: Das war 2015, da war ich eigentlich noch Studentin. Auf der „Guildhall School“ gibt es die Tradition, dass man im letzten Jahr sehr viele Praxis-Projekte hat. Ich war fast fertig damit und hätte nur noch eine Musical-Produktion vorweisen müssen. Das ist immer so das Letzte, was man noch machen soll. Aber ich hasse Musical! Als ich die Zusage von „Babylon Berlin“ nach einem Casting bekommen hatte, war man in London so nett und ließ mich früher gehen. Sie haben mir „Babylon Berlin“ als Praktikum angerechnet, sodass ich auch meinen „Bachelor of Art“ bekommen habe.

nordbuzz: Auch in „Der Club der singenden Metzger“ spielen Sie eine Frau, die in die Fremde zieht. Der Film zeigt das Leben deutscher Auswanderer im amerikanischen Westen nach dem Ersten Weltkrieg. Was hat sie an dem Stoff interessiert?

Leonie Benesch: Zunächst mal fand ich es toll, mit Aylin Tezel zu spielen, weil wir auch privat befreundet sind. Als sowohl Aylin als auch ich die Casting-Anfrage bekamen, war sie gerade zu Besuch bei mir in London. Wir hatten uns 2014 über einen gemeinsamen Freund in England kennengelernt. Seitdem stehen wir uns wirklich nahe, hatten aber noch nie zusammen gespielt. Nun hat man uns sogar als Freundinnen im Film besetzt! Als wir beide die Rolle hatten, kaufte ich erst mal eine Flasche Schampus, die wir gemeinsam getrunken haben. Zwei Monate mit einer guten Freundin in Kroatien zu drehen, war natürlich eine tolle Sache.

„Wir Deutsche sind selbst als Wirtschaftsflüchtlinge in die Welt gezogen“

nordbuzz: Ist der Wilde Westen in Kroatien an gleicher Stelle entstanden, wo auch die „Winnetou“-Filme gedreht wurden?

Leonie Benesch: Ja, soweit ich weiß, ist es dieselbe Gegend. Es gibt ein einsames Haus in der Wildnis, in dem Aylins Figur und ihr von Sylvester Groth gespielter Vater leben. Das Haus steht direkt im „Winnetou“-Gebiet. Die Western-Stadt, in der ich mit meinem von Jonas Nay gespielten Mann lebe, wurde an anderer Stelle extra aufgebaut. Das war in einem Sumpfgebiet mit frei laufenden Wildpferden und viel diesigem Nebel. Und dann steht da auch noch eine Wildwest-Stadt. Ich fand, wir kamen jeden Morgen an ein ziemlich surreales Setting.

nordbuzz: Und Sie konnten für die Rolle Ihr Schwäbisch aufpolieren, denn Sie sind fünf Jahre lang in Tübingen groß geworden?

Leonie Benesch: Ja, in Tübingen, das war meine Teenager-Zeit. Dort lebte ich bis zum Abi. Ich bin mit meinen Eltern und meinen Brüdern oft umgezogen in der Kindheit. Geboren wurde ich in Hamburg. Ich weiß, dass ich mir von meinen Freunden im Schwäbischen viel anhören werde müssen, wenn es um diese Rolle geht. Natürlich habe ich ein Ohr fürs Schwäbische, weil ich dort gelebt habe, aber wirklich authentisch sprechen konnte ich es nicht. Trotzdem finde ich es toll, dass der Regisseur Uli Edel sich traute, die schwäbische Sprache so prominent in dem Film zu platzieren.

nordbuzz: Weshalb ist das außergewöhnlich?

Leonie Benesch: Der schwäbische Dialekt ist nicht unbedingt der beliebteste in Deutschland. Man macht sich auch gern mal über ihn lustig. Umso toller finde ich es, dass man ein Drama mit diesem Dialekt bestückt. So etwas geschieht in Deutschland viel zu selten. Ich denke, ich kann meinen schwäbischen Dialekt überall in Deutschland einigermaßen gut verkaufen. Nur nicht in Schwaben, denn perfekt ist er nicht (lacht).

nordbuzz: Worum geht es in „Der Club der singenden Metzger“?

Leonie Benesch: Für mich ist es eine Geschichte über Auswanderung, Freundschaft und Aufopferung. Sechs Millionen Deutsche sind in die USA ausgewandert, unsere Geschichte liegt noch nicht einmal 100 Jahre zurück. Wir Deutsche sollten uns daran erinnern, dass wir damals selbst als Wirtschaftsflüchtlinge in die Welt gezogen sind. Heute beschweren wir uns über Menschen, die aus den gleichen Gründen zu uns kommen, so, als wäre es etwas Unehrenhaftes. Es ist sicher nicht fair. Es ist gerade einmal drei oder vier Generationen her, da zählten wie Deutschen zu den am intensivsten auswandernden Wirtschaftsflüchtlingen der Welt.

teleschau

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