Aus der Haut - Mi. 09.03 - ARD: 20.15 Uhr

Die Leiden des jungen Milan ... und die seiner Eltern

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Was ist noch übrig von der Familienidylle? Gustav (Johann von Bülow, rechts) eröffnet Milan (Merlin Rose) und Susann (Claudia Michels), dass er den Job in Berlin angenommen hat.

Mit 17 haben die Eltern wieder Träume. Dann kommt das Leben dazwischen. Das wunderbar lebensnah erzählte Drama "Aus der Haut" zeigt die Coming-of-Age- und Coming Out-Geschichte einer ganzen Familie.

Es sagt einem ja vorher keiner. Was auf einen zukommen kann. Mit einem Kind. "Das ist doch absurd. Mein ganzes Leben wird bestimmt von Milan", schluchzt Susann (Claudia Michelsen) irgendwann hilflos in den Armen ihres Mannes (Johann von Bülow). Der 17-jährige Milan, gespielt von Merlin Rose, ist als Sohn aber auch eine besondere Herausforderung. Schon immer gewesen. Verdacht auf ADHS, dann seine Ängste und später die Drogengeschichten. Jetzt, da die Eltern ihren liebenswerten, kreativen, sozial eingestellten Sohn endlich aus dem Gröbsten heraus wähnen und sich mal wieder auf sich zu konzentrieren wagen, da unternimmt der Junge im Affekt einen Selbstmordversuch. Er hat erkannt, dass er homosexuell ist und damit nicht überall gut ankommt. Das kitschfreie und dabei so berührende Drama "Aus der Haut" (Das Erste) führt nicht nur vor, was das mit einem Heranwachsenden macht - sondern auch mit seinen Eltern: Coming-of-Age, Coming Out und ein bisschen Komik ist auch noch dabei in all der Verzweiflung. Wie im richtigen Leben.

Wenn er den Kopf schief hält und seine Augen blitzen lässt, muss man ihm alles verzeihen. Wenn seine Miene sich verdüstert, wird es gefühlte fünf Grad kälter. Am Schlagzeug ist der charismatische Milan in seinem Element, da kann er viel rauslassen von dem ganzen undefinierbaren Gefühlsgewirr. Milan hat sogar eine Freundin, Larissa, aber: "Ich lieb die halt nicht". Nun macht er in seinem Selbstfindungsprozess eine entscheidende Entdeckung: Er steht auf Männer. Als Erster bekommt das sein Kumpel Christoph (Leonard Proxauf) zu spüren und nimmt Reißaus. Milan betrinkt sich, weiß nicht mehr weiter und rast mit seines Vaters Auto los, bis der Wagen sich überschlägt. Eine Übersprunghandlung mit gewaltiger Wirkung.

Vater Gustav, unterforderter Architekt, will unterdessen mit seiner Frau Susann, Ärztin mit eigener Praxis, "darüber reden, ob wir so leben, wie wir leben wollen". Er befindet sich gerade in der nächsten großen Selbstfindungsphase des Lebens. Nun schockt der Sohn sie erneut, diesmal mit einem Suizidversuch. "Du hast doch ein schönes Zuhause. Wir sind doch auch nicht so schlimm", weint die Mutter. Der Junge weiß selbst, dass er "die nettesten Eltern" der Welt hat. "Du kannst doch immer mit uns reden, wir sind doch da für dich." So reden Eltern, die es gut meinen und alles richtig machen wollen. Auch wenn sie ahnen, dass all das Gerede vielleicht sinnlos ist. Diese Geschichte von Drehbuchautor Jan Braren ("Homevideo") und Regisseur Stefan Schaller ("5 Jahre Leben") wird vorangetrieben von inneren Kämpfen. Dennoch sind die großartig gespielten Dialogszenen besonders zu würdigen, weil sie so echt und aus dem Leben gegriffen wirken - und dabei stellenweise auch herrlich absurd.

Als Milan seinen Eltern gesteht, dass er schwul ist, driften Worte, Mimik und Taten seiner beflissenen Erziehungsberechtigten aufs Schönste auseinander. Gustav köpft den guten Champagner - "Das müssen wir feiern!" - und genehmigt sich zwei Gläser auf ex. Susann vergießt Tränen. Vor Rührung natürlich. "Milan schwul - endlich normal!" Vielleicht erklärt das ja alles? Erleichterung macht sich kurz breit, ignorierend, dass längst nicht alle - vielleicht noch nicht einmal sie selbst - so auf- und abgeklärt sind, wie sie gerne wären. Gustav nutzt die Euphorie der Stunde und nimmt einen Job in Berlin an (Die Koproduktion von MDR und ORF spielt in Halle an der Saale). Diesen Alleingang verübelt ihm seine Frau so sehr, dass sie sich zu einem eigenen Ausbruch hinreißen lässt.

Milan macht sein Coming Out vor allem mit sich alleine aus, in der Szene und in der Schule. Gleichzeitig müssen die Eltern sich tatsächlich fragen, wer oder was ihr Leben bestimmen soll, wenn es eines Tages nicht mehr nur ihr Kind tun sollte. Es ist der Häutungsprozess einer Familie und die Frage, was später davon übrig bleibt.

Name der Sendung Aus der Haut
Sendedatum 09.03.2016
Sender ARD
Sendezeit 20:15:00
produzierender Sender MDR
Genre Drama
Filmbewertung ausgezeichnet
Genre Drama
Filmname Aus der Haut
Originaltitel
Regisseur Stefan Schaller
Schauspieler Merlin Rose
Schauspieler Claudia Michelsen
Schauspieler Johann von Bülow
Entstehungszeitraum 2015
Land D/A

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