Auf kurze Distanz - Mi. 02.03 - ARD: 20.15 Uhr

Sportwetten im Genre des Mafiafilms

+
Im Wettlokal findet Klaus Roth alias Milan (Tom Schilling) das Vertrauen des Wettbetrügers Luka Moravac (Edin Hasanovic, links).

Klaus Roth (Tom Schilling) wird in die serbische Wettmafia in Berlin eingeschleust, um deren Machenschaften aufzudecken. Dabei gerät er zwischen viele Fronten.

"Tausend" setzt er auf Hamburg im Spiel gegen Bremen, "Zweitausend" sollen es für "das erste Tor zwischen der 20. und 30. Minute" sein. Aber diesmal, schau einer an, macht der Wettbürobetreiber nicht mit. Klaus Roth, der als Deutsch-Serbe "Milan Neumann" unterwegs ist und von Tom Schilling so glaubhaft gespielt wird wie ein in der Wolle gefärbter Wettmafia-Soldat, wird stattdessen vom Ladenbesitzer schrecklich zugerichtet, einem Saubermann offenbar an vorderster Front. Dass es so glimpflich aber nicht ausgehen wird, hat der Teaser bereits verraten: Da kriegt einer eine Pistole an den Kopf gesetzt. Klaus-Milan bittet flehentlich um Nachsicht, und man ahnt: Der Wettmarkt, um den es in diesem ARD-Mittwochsfilm geht, ist ein sehr hartes, ein schreckliches Geschäft.

Die Agenda der Wettskandale ist lang und lädt sich immer wieder von Neuem auf: Von der Wettmafia in Berlin 2005 bis hin zum Testspiel von Wehen-Wiesbaden im türkischen Side vor wenigen Tagen. Der türkische Schiedsrichter hatte einen "Slapstick-Elfmeter" gepfiffen, und in Asien strichen sie Millionen ein. Von 2008 bis 2011 sollen 700 Spiele manipuliert worden sein. Mit dieser Erkenntnis trat 2013 ein Bochumer Chefermittler, der Kopf der Ermittlungskommission "Flankengott" vor die Kamera. Weltweit werden wohl jährlich fünf Milliarden mit Wettmanipulationen reingewaschen, das Geschäft sei "lukrativer als der Drogenhandel", sagt ein ehemaliger FIFA-Sicherheitschef - nun, ja.

Das alles streift der Wettmafia-Thriller "Auf kurze Distanz" (Regie: Philipp Kadelbach, "Unsere Mütter, unsere Väter"; Buch: Holger Karsten Schmidt und Oiver Kienle) immer mal wieder am Rande. Dann werden die Dialoge ein wenig steif, es fallen Schlagworte wie "Asien", "Mafia" oder "Singapur". Aber meistens bleibt der Film bei seinen Leisten. Aus nächster Nähe, um nicht zu sagen: Distanz, wickelt er die Vorfälle ab. Es ist das Abenteuer eines Undercover-Agenten, der vom Hauptkommissar (Jens Albinus) hinter die Kulissen einer serbischen Wettmafia geschickt wird, mit neuer serbischer Identität, vor allem mit viel Chuzpe und Mut.

Klaus, der sich jetzt Milan nennt, gelingt es, mit aller Coolness beim Neffen des Oberhauptes anzudocken. Sehr glaubwürdig wirkt die Freundschaft zwischen ihm und dem eher sanften Luka (Edin Hasanovic). Schließlich darf er sogar bei dessen Kind Taufpate werden und mitten im Feiertrubel eine schöne, wenn auch - auf Serbisch! - vom Blatt gelesene Rede halten. Wenn der Film den Motiven des Mafia-Familiengenres folgt, wirkt er immer wieder überzeugend.

Wenn es aber dann in der Halbzeit eines Fußballspiels zu guter Letzt darum gehen soll, einen Schiedsrichter noch einmal umzudrehen, um ihn den türkischen Konkurrenten zu entreißen, wird die Story leider etwas hakelig und aus Gründen der Plotschwäche nur schwer nachvollziehbar. Auch der durchgehend düstere Look, der auf grauen Beton und verschmuddelte 70er-Jahre-Tapeten im Halbdunkel setzt, verbraucht sich irgendwann. Großartig ist allerdings die gesamte vielköpfige Besetzung, allen voran Tom Schilling als immer noch jugendlich wirkender Held überzeugt. Ein Prolet, dessen aufrechter Gang in der Maske des Maulwurfs zwischen den Fronten aus Polizei und Mafia ins Straucheln gerät.

So ist dieser Film kein Opus Magnum über die internationalen Wettmaschinen im rechtlosen Raum. Er zeigt nicht das kalte Geschäft mafiöser Bürokraten, sondern das gerade noch greifbare Handgemenge der unteren Klientel. Aber er ist immerhin dazu angetan, das Ungreifbare ein Stück näher zu rücken. Dazu trägt auch die im Anschluss gesendete Doku "Wettbetrug im Fußball - Ein Milliardengeschäft für die Mafia" (21.45 Uhr) von Benjamin Best bei.

Das könnte Dich auch interessieren

Kommentare