Das hedonistische Gesicht der Moral

Katy Perry

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Vom Teenie-Star zur Pop-Ikone: Katy Perry gibt sich auf „Witness“ nicht nur sexy und tanzbar, sondern auch erwachsen und selbstbewusst.

Vom Sexobjekt zur emanzipierten Hedonistin mit Moral: Superstar Katy Perry etabliert sich mit Anfang 30 endgültig als Pop-Ikone mit gesellschaftlicher Verantwortung.

Bemisst man gesellschaftliche Aufklärung am Promistatus der Aufklärenden, dann ist Katy Perry die Moralinstanz schlechthin. Hunderttausende Fans nehmen die 32-Jährige beim Wort, wenn sie, wie kürzlich bei der Präsentation ihres neuen Albums „Witness“ in Berlin, Sätze wie diesen sagt: „Wir Frauen können unsere Ansichten ändern - was nicht daran liegt, dass wir unsere Tage haben.“ Derlei süffisante Kommentare zur Emanzipation von tradierten Geschlechterklischees erreichen aus dem Mund der Pop-Ikone mehr junge verunsicherte Teenies, als sich klassische Frauenrechtlerinnen je erträumten. Jener Popfeminismus, der für selbstbewusste Veränderung eintritt, war für die Kalifornierin schlichte Notwendigkeit: Auf dem Weg von der christlichen Rockgöre zur emanzipierten Pop-Ikone musste sich Katy Perry vom Sex-Objekt der Majors zur Hedonistin in Eigenregie wandeln.

„Katy, I love you“, gesteht ein Schweizer Fan, der extra nach Berlin zum Album-Listening seiner Verehrten gekommen ist - auch, um ihr zu sagen, dass er beim neuen Song „Swish Swish“ immer „Swiss Swiss“ versteht. Seine Katy, sie kennt das schon: Seit die US-Amerikanerin vor knapp zehn Jahren mit den Überhits „I Kissed A Girl“ und „Hot N Cold“ ihren Durchbruch feierte, fungierte sie als Projektionsfläche - nicht nur des unermüdlichen Popbetriebs, sondern auch für die Sehnsüchte im Leben ihrer Fans.

Wie einst Michael Jackson und Madonna geriet die 1984 im kalifornischen Santa Barbara geborene Perry zur wandelbaren Galionsfigur. Verortete man sie schon 2010 mit dem Riesenerfolg „Teenage Dreams“ zumindest kommerziell in einer Liga mit den Klassikern des US-Pop-Traums, scheint sie diesen Traum als eine seiner letzten Vertreterinnen erst jetzt wirklich zu leben. Spätestens mit ihrem neuen Album „Witness“ ist Perry Pop-Ikone in letzter Konsequenz.

Hinter ihr liegt ein nur nach außen feucht-fröhlicher Weg: Seit dem Alter von 17 Jahren begab sich die begnadete und begabte Sängerin durch alle Instanzen der Nullerjahre-Musikunterhaltungsindustrie: Unter ihrem Geburtsnamen Katy Hudson veröffentlichte die Tochter eines Pastors 2001 ihr Debüt, ein Rockalbum mit christlichen Anleihen. Dass ihr Glaube für die einstige Gospelchorsängerin auch heute - auf dem letzten Album „Prism“ gar musikalisch - noch eine gewichtige Rolle spielt, mag hierzulande bestaunt werden, gerade angesichts der nach außen recht sündigen Karriere, die folgen sollte: Gepusht durch das damals unabdingliche MySpace, geriet Perry in die Mühlen einer Industrie, die schnell passende Rollen für sie parat hatte: das It-Girl, das gut singt; die leichtbekleidete Herrenfantasie, die auch mal provoziert; der Teenie-Traum, der als unerschöpfliche Geldquelle funktioniert.

„Ich erlebe dieses außergewöhnliche Abenteuer, aber am Ende des Tages kann ich mit niemandem darüber reden; ich fühle mich einsam“, sagte die junge Perry damals der „Cosmopolitan“. Dutzende Auszeichnungen, Millionen Plattenverkäufe, kreischende Fans - das Verheizen Katy Perrys war zugleich Treibstoff für ihren beispiellosen Aufstieg. Es folgten Jahre als Teenie-Star und Sexsymbol, Werbe- und Fernsehverträge, eine eigene Parfümmarke und Schmuckkollektion, nicht zuletzt auch die von der Presse gierig beäugte Promi-Ehe mit Russell Brand sowie die Beziehungen mit John Mayer und zuletzt mit Orlando Bloom. Katy Perry nahm all diese Rollen an, schmückte sie aus, schuf jene extravagante Kunstfigur zwischen Glitzer, Sex und Pop.

Es mag ihrem Alter, dem Millionenerfolg oder dem popfeministischen Zeitgeist geschuldet sein: Mit ihrem vierten Album „Prism“ 2013 und ihrem 30. Geburtstag im Jahr darauf emanzipierte sich Perry vom Bild der Teenie-Pop-Prinzessin. Musikalisch, weil ihre Songs selbstbewusster wirkten, neben Schulmädchen-Provokationen auch andere Themen zuließen - und Perry zugleich in der Halbzeitpause beim Superbowl auftreten und zu einer der bestverdienenden Musikerinnen überhaupt aufsteigen konnte. Vor allem aber inszenierte sich Perry, das einstige Objekt der Majors, plötzlich selbst, bediente kein Bild der Plattenbosse mehr, sondern eines, dass sie selbst schuf: noch immer sexy - doch nicht als Mädchen, sondern als Frau. Noch immer bunt, übertrieben, provokant - doch mit ethischem Sendungsbewusstsein. Als eigenständige Hedonistin mit Moral.

Die Vorbildrolle, die Perry seit Jahren für Hunderttausende Fans besitzt, bestätigt sie auch auf dem neuen Album, nimmt sie ernst. Verantwortung ist für die heute 32-Jährige der Inbegriff des Pop-Ikonen-Daseins: So ergriff Perry Partei für die demokratischen Präsidentschaftskandidaten Obama und Clinton, sang für die Opfer des Anschlags von Manchester und sprach sich als Nutznießerin des digitalen Zeitalters wiederholt gegen die exzessive Nutzung von Social Media und Technik aus - so auch auf der Albumpräsentation in Berlin: „Ich komme aus einer Zeit, da gab es keine Handys.“ Sie versuche, „jeden Sonntag, mein Handy auszumachen“.

Vor allem aber, und das ist Perry überaus bewusst, fungiert sie für die weiblichen Fans als Role Model einer jungen Frau in einer männlichen Popwelt voller Erwartungen und Klischees. Wenn sie in ihren Songs davon singt, dass frau nicht zum Gefallen der Männer lebt, wenn sie auf der Bühne selbstbewusst Gendergrenzen übertritt, wenn sie vor den Fans in Berlin davon spricht, dass Frauen „verletzlich und dominierend“ zugleich sein dürfen - dann darf man diese Wirkung nicht unterschätzen.

Denn obwohl sie selbstverständlich als millionenschwerer Star mit allerlei Allüren auftritt, musste auch Perry kämpfen und lernen, sich von all den Zuschreibungen zu lösen. Bemerkenswert und wichtig ist das nicht, obwohl es nur Pop ist - sondern gerade weil Katy Perry als eine der verbliebenen Pop-Ikonen wohl größeren Einfluss besitzt als Politiker und Presse zusammen.

tsch

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