Die Story im Ersten: Einsame Spitze - Mo. 21.03 - ARD: 22.45 Uhr

Von der Kälte in den Chefetagen

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Herbert Henzler, der früher als "Mister McKinsey" galt, ist ein passionierter Bergsteiger.

Was treibt deutsche Spitzenkräfte der Wirtschaft an - und wie stark sind sie getrieben? Eine bemerkenswerte Doku, in der Top-Manager ihre Wunden lecken.

Es ist eine Binsenweisheit, die aber vor allem Alpinisten, die den freien Blick, den Nervenkitzel und das Austesten der eigenen Grenzen schätzen, gerne bestätigen werden: Nirgendwo ist es so einsam wie an der Spitze. Und damit sind natürlich nicht nur gefährliche Anstiege auf Berggipfel gemeint, die man gemeinhin sicherer und kräftesparender in der Seilschaft meistert. Die ausgerechnet von der Flachland-Anstalt NDR fürs ARD-Hauptprogramm produzierte Dokumentation "Die Story im Ersten: Einsame Spitze" nimmt sich der Ausgebrannten, Ausgelaugten, Erschöpften, oft auch Frustrierten aus der obersten Führungsriege der deutschen Wirtschaft an. Tina Soliman stellt den Zuschauern nicht nur "Top-Manager am Limit" vor, die Autorin schaffte es auch, dass die sonst so auf Erfolg Getrimmten offen über ihre Ängste und Qualen zu sprechen.

Die heute 60-jährige Brigitte Ederer war lange eine Vorzeigepersönlichkeit, die weit über die Unternehmen und Institutionen, die sie vertrat, hinausstrahlte. Der österreichischen Industriemanagerin und langjährigen SPÖ-Politikerin (EU-Staatssekretärin im Wiener Bundeskanzleramt) kam die nicht immer schmeichelhafte Ehre zuteil, es als eine der wenigen Frauen in die Vorstandsetagen der Macht geschafft zu haben. Quotenfrau wollte sie nicht sein, an ihren Qualifikationen bestand auch nie ein Zweifel.

Zuletzt war sie im Siemens-Vorstand für das Ressort Corporate Human Resources zuständig und betreute dabei die Wirtschaftsregion Europa einschließlich Deutschland. Eine exponierte Position, die ihr viel Aufmerksamkeit auf Podien und Kongressen einbrachte. Trotzdem wurde sie im September 2013 ziemlich überraschend, fast rüde abserviert und von ihrem Posten - selbstverständlich inklusive des üblichen "goldenen Handschlags" - abberufen. Doch was macht so etwas mit einem Menschen, der sich selbst stets um ein einigermaßen fürsorgliches Miteinander, selbst im Großkonzern, bemüht hatte?

Brigitte Ederer ist eine der Protagonistinnen in Tina Solimans Dokumentation, die sich der Sorgen der Mächtigen annimmt, die man nicht leichtfertig als "Luxussorgen" abtun kann. Der Rollenkonflikt, der auf den Helden in Nadelstreifen und Business-Kostüm lastet, ist oft kaum auszuhalten Die Missbrauchsraten bei Alkohol und Betäubungsmitteln sind auch in deutschen Chefetagen erschreckend hoch.

Nach außen hin müssen Firmenlenker sich als hart, mutig, entschlussfreudig, vital präsentieren und damit stellvertretend für ihre Unternehmen vorbildlich wirken. Tatsächlich fühlen sich viele Top-Manager getrieben. Auch ihre Gestaltungsfreiheit nimmt ab, am Erwartungsruck von Mitarbeitern, Aktionären und einer oft sehr kritischen Öffentlichkeit kann man leicht zerbrechen. Im Film sprechen einige der Betroffenen - darunter ein Unternehmer und seine Tochter, dessen gesamter Vorstand sich einst überraschend in einer psychiatrischen Anstalt wiederfand.

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