Bei „Markus Lanz“

„Jeder dritte Laden ist leer“: Richard David Precht beklagt „Todesstoß“ für deutsche Innenstädte

Richard David Precht kritisierte in der ZDF-Talkshow „Markus Lanz“ die Entwicklung deutscher Innentstädte scharf.
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Richard David Precht kritisierte in der ZDF-Talkshow „Markus Lanz“ die Entwicklung deutscher Innentstädte scharf.

Der Onlinehandel boomt, doch die Innenstädte werden immer leerer: Dieses Szenario findet sich inzwischen in immer mehr deutschen Städten.

Der Philosoph und Sachbuchautor Richard David Precht („Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?“) zeigte in der jüngsten Ausgabe der ZDF-Talkshow „Markus Lanz“ auf, wie brisant die Lage in Städten wie Solingen ist - und was dagegen getan werden könnte.

Precht ist in Solingen geboren und aufgewachsen, sein Vater lebt immer noch in der heute sehr strukturschwachen Stadt. „Ich sehe darin eine ganz tiefe, unheilvolle Entwicklung, die viel mehr ist als der Verlust einer nostalgischen Erfahrung“, erklärte der 54-Jährige. „Jeder dritte Laden ist leer.“ Statt qualifizierten Einzelhandel gäbe es nur noch türkische Teestuben, Shishabars und Ramschläden. „Es war mal eine wohlhabende Stadt in den 70er-Jahren“, betonte er weiter. „Wenn man heute da durchgeht, dann hat man das Gefühl, es ist eine verarmte Stadt im Osten.“

Nicht nur in Solingen zeige sich dieser Wandel deutlich - auch in Städten wie Recklinghausen und Gelsenkirchen sehe es ähnlich aus. „Was passiert eigentlich, wenn die Städte auf diese Art und Weise veröden?“, stellte sich Precht die Frage. Er erklärte, dass sich die Bewohner einer Stadt heute nicht mehr treffen würden. „Stattdessen sitzen die Leute alle in ihrem eigenen Segment, bestellen ihre Produkte über Online und das Gemeinschaftsgefühl, die Öffentlichkeit, das Zusammengehörigkeitsgefühl leiden darunter.“

„Mehrwertsteuer auf den Onlinehandel dramatisch erhöhen“

Precht erläuterte, dass der Einzelhandel in den 90er-Jahren von „großen seelenlosen Ketten“ abgelöst wurde und die Immobilienpreise gestiegen seien. Kleine Läden wie Buchhandlungen hatten Schwierigkeiten, mit großen Ketten wie Thalia zu konkurrieren. „Und dann kam als endgültiger Todesstoß der Onlinehandel.“ Firmen wie Amazon oder Zalando könnten günstiger anbieten, da sie keine Miete und teure Angestellten zahlen müssen. Inzwischen würden die Städte nur noch gegeneinander konkurrieren.

Die entscheidende Frage zu diesem Komplex warf Precht gleich selbst auf: „Was läuft hier eigentlich grundsätzlich schief, und was müsste man anders machen, um den Städten wieder eine Chance zu geben?“ Für ihn ist es besonders wichtig, die Gründe für den Wandel zu finden und die Ursache zu bekämpfen. Er plädierte für Ordnungspolitik.

„Fairer Wettbewerb würde darin bestehen, dass wir die allgemeine Mehrwertsteuer etwas senken und die Mehrwertsteuer auf den Onlinehandel dramatisch erhöhen. Dann wäre der Anreiz, über Online zu bestellen, deutlich geringer, weil der Onlinehandel nicht mehr günstiger wäre als der stationäre Handel.“ Mit den Einnahmen daraus könne man in Struktur- und Kommunalentwicklung der Stadt investieren. Für diesen Vorschlag erntete Precht großen Applaus aus dem Publikum.

Neben Precht waren am Mittwochabend außerdem der Ökonom und Wirtschaftsexperte Daniel Stelter und die Autorin Gesa Neitzel bei Markus Lanz zu Gast.

teleschau

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