Neue Serie: „Sanditon“

Jane Austen unvollendet

Unschuld vom Lande trifft auf englischen Adel (von links Theo James, Rose Williams, Crystal Clarke, Anne Reid, Kris Marshall) und muss lernen: Gute Sitten sind in „Sanditon“ völlig überbewertet.
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Unschuld vom Lande trifft auf englischen Adel (von links Theo James, Rose Williams, Crystal Clarke, Anne Reid, Kris Marshall) und muss lernen: Gute Sitten sind in „Sanditon“ völlig überbewertet.

Ein englischer Badeort will modern werden - doch die feine Gesellschaft frönt ab 13. April auf dem Sony Channel lieber dem Ränkespiel. Was soll sie in einer Jane-Austen-Serie auch sonst tun?

Eigentlich will Charlotte Heywood (Rose Williams) nur ein Karnickel schießen, dann aber sieht sie das Unheil kommen: Mit überhöhter Geschwindigkeit rast eine Kutsche auf einem südenglischen Feldweg einem Achsbruch entgegen. Aber nicht nur für die Insassen steht danach alles Kopf, auch für Charlotte ist der Unfall der Beginn eines neuen Lebens, von dem Jane Austen in „Sanditon“ erzählen wollte.

Ihr letzter Roman blieb unvollendet, Austen starb ein halbes Jahr, nachdem sie ihn begonnen hat. Weil aber die Werke von Jane Austen als Vorlage für Film- und Serienadaptionen eigentlich immer Konjunktur haben, gibt es nun eine achtteilige Serienadaption: „Sanditon“ läuft ab 13. April im Sony Channel.

Zum Dank für ihre erste Unfallhilfe darf Charlotte den Sommer in Sanditon verbringen: Tom Parker (Kris Marshall) und seine Frau Mary (Kate Ashfield) laden die reizende und robuste Unschuld vom Lande in das Küstenstädtchen ein, das Tom so gerne in eine Zukunft als glanzvoller Badeort führen würde. Schließlich liegt die Zukunft in Industrie und Unternehmen, wie seine Hauptinvestorin Lady Denham (Anne Reid) orakelt. Charlotte ist von der Aussicht auf die Moderne begeistert, auch wenn sich ihr Vater sorgt, dass althergebrachte Anstandsregeln gelockert und bisweilen übergangen werden.

Er soll natürlich Recht behalten: Jeder hat etwas gegen jeden - das Ränkespiel geht auch in Sanditon seinen geordneten Jane-Austen-Gang. Die feine Gesellschaft redet sich um Kopf und Kragen, spinnt Intrigen, lügt und betrügt - dabei geht es vor allem um Geld und Ansehen, um heimliche Gelüste und unterdrückte Gefühle. Und natürlich um die Frage: Wie frei darf eine Frau sein?

Hübsch verfilmt und üppig kostümiert

Austen selbst hat in ihrem Romanfragment gerade einmal die Figuren eingeführt, mit all ihren Marotten, Geheimnissen, Standesdünkeln. Serienautor Andrew Davies hat aus den elf fertigen Kapiteln die erste Episode kondensiert - den Stoff für die restlichen sieben Folgen hat sich der mittlerweile 83-jährige britische TV-Veteran („House of Cards“-Original) ausgedacht. Als Jane-Austen-Experte, für die BBC hat er unter anderem die Mehrteiler „Stolz und Vorurteil“ und „Sinn und Sinnlichkeit“ geschrieben, darf er das wohl.

Hübsch verfilmt und üppig kostümiert plätschert „Sandition“ allerdings die meiste Zeit vor sich hin. Obwohl Charlotte mit Toms Bruder Sidney (Theo James) einen wohlhabenden Herzensbrecher zur Seite gestellt bekommt, mit dem sie sich zusammenraufen kann, mangelt es der Serie an der speziellen Art von Romantik, die Austens Werke so zeitlos machen. Auch ihre hintersinnige Scharfzüngigkeit fehlt.

Das ist vor allem hinsichtlich der aktuellen Diskussionen über sexuelle Übergriffe und Nötigung, über physische und psychische Gewalt gegenüber Frauen schade. Die Serie verschwendet hier leichtfertig ihr Potenzial: Zwar werden entblößte Körper in erstaunlicher Offenheit gezeigt, die Figuren bleiben dabei aber schemenhaft.

teleschau

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