Shame - Fr. 22.04 - 3sat: 22.35 Uhr

Jäger der Triebe

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Die ehrliche Zuneigung seiner Arbeitskollegin Marianne (Nicole Beharie) überfordert Brandon (Michael Fassbender).

Michael Fassbender brilliert in Steve McQueens meisterlicher Großstadtstudie"Shame" als sexbesessener New Yorker.

Ist es Freiheit, die Brandon genießt? Oder ist er ein Gefangener der Leere? Der New Yorker ist Mitte 30, Single, ein erfolgreicher Geschäftsmann - und sexbesessen. Regisseur und Drehbuchautor Steve McQueen erkundet die Seele des Menschen: "Shame" (2011) steigt hinab in ihre wollüstigen, schweißgetränkten Keller, wo der grandiose Michael Fassbender in der Hauptrolle an die Grenzen des Erträglichen gehen muss. Für seine überzeugende Darstellung wurde der Schauspieler mit einer Golden-Globe-Nominierung bedacht. 3sat zeigt das erotisch aufgeladene Meisterwerk jetzt zum Ende seiner "Sex & Love"-Reihe.

Brandon (Fassbender) ist ein Jäger. Die Reviere sind mitnichten nur halbseidene Milieus. Die Beute ist allgegenwärtig. Bei einer Betriebsfeier in einem noblen Club zum Beispiel lässt eine gebildete, erfolgreiche Tresenschönheit seinen allzu plumpen Chef zwar abblitzen, nimmt Brandon aber in ihrem Wagen mit - unter eine schmuddelige Brücke für einen von allem emotionalen Ballast befreiten Quickie. Ihr geht's ebenfalls nur um die kurze Befriedigung.

In Brandons Welt herrscht Ordnung: Seine Wohnung ist spartanisch eingerichtet und aufgeräumt. Er lebt ein geregeltes Leben, den Takt gibt die Lust vor. Bis seine Schwester Sissy (Carey Mulligan) auftaucht und Unordnung mitbringt: Sie ist emotional, sucht Nähe und Rettung vor den Klauen der Großstadt. Für sie ist New York ein Moloch, dessen Anonymität ihr die Luft zum Atmen abschnürt.

"Wir sind keine schlimmen Menschen", hofft sie. "Wir kommen nur von einem schlimmen Ort." - "Shame" sagt viel aus über das Leben in der Hypermoderne. Die Menschen sind übersexualisiert und unfähig, Bindungen einzugehen. Wozu auch? Es ist so leicht, die Triebe zu befriedigen. Sex ist überall verfügbar: in Pornoheften und Internetvideos, mit Barbekanntschaften und U-Bahn-Flirts.

Brandon bringt das in einer Tischkonversation auf den Punkt. Beim ersten Date mit seiner Kollegin Marianne (Nicole Beharie), die eine romantische Vorstellung von der Zweisamkeit hat. Am nächsten Tag wird sie freilich auch in seinem Bett landen - und Brandon wird von ihrer Zuneigung überfordert sein.

Regungslos, antriebslos, mutlos: Brandon hat sich mit der Leere seiner Existenz arrangiert. McQueen inszeniert das in seinem intensiven Film großartig - mit klaren, penibel kadrierten Bildern, die kühl und emotionslos eine ungeheuerliche Wucht entfalten. Sie sind der Gegenpol zu den verschwitzten, provokanten Sexsexzessen, mit denen Brandon seinem Leben einen Sinn geben will: Es ist eine grandiose Tour de Force, die Hauptdarsteller Michael Fassbender absolvieren muss. Der in Heidelberg geborene und in Nordirland aufgewachsene Schauspieler entblößt sich schonungslos - körperlich und seelisch.

2017 ist Michael Fassbender im "Prometheus"-Nachfolger "Alien: Covenant" zu sehen. Der Sci-Fi-Thriller kommt voraussichtlich im Oktober nächsten Jahres in die Kinos. Regie führt wie bereits im ersten Teil Ridley Scott.

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