„Ich war ein hübsches blondes Mädchen mit niedlichem Akzent“

Inez Bjørg David im Interview

Entwicklung von der kühlen, schönen Blonden zur vielseitigen Charakterdarstellerin: Inez Bjørg David (hier bei der Verleihung des Deutschen Comedypreises 2014) ist demnächst in der ARD-Miniserie „Bonusfamilie“ in einer bemerkenswerten Hauptrolle zu sehen.
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Entwicklung von der kühlen, schönen Blonden zur vielseitigen Charakterdarstellerin: Inez Bjørg David (hier bei der Verleihung des Deutschen Comedypreises 2014) ist demnächst in der ARD-Miniserie „Bonusfamilie“ in einer bemerkenswerten Hauptrolle zu sehen.

In der sechsteiligen Miniserie „Bonusfamilie“ verkörpert die 37-jährige Inez Bjørg David eine getrennt lebenden Mutter, die mit ihrem neuen Partner wieder Nachwuchs erwartet. Die tragikomische Analyse einer Patchworkfamilie ist leicht erzählt, tut aufgrund ihrer Authentizität aber auch angemessen weh.

Die Dänin Inez Bjørg David kam mit 19 Jahren nach Deutschland und rutschte eher zufällig ins Schauspielgeschäft hinein. In der Ewig-Soap „Verbotene Liebe“ spielte sie von 2003 bis 2006 „die Bitch“, wie sie selbst sagt, Vanessa von Beyenbach. Heute kann man sich dieses Rollenprofil bei der 37-jährigen Mutter zweier Kinder kaum noch vorstellen. Wie in „Bonusfamilie“ (ab Mittwoch, 20. November, 20.15 Uhr, ARD), der deutschen Adaption einer schwedischen Familienserie, die man bei Netflix findet, ist sie heute oft Sympathieträgerin. In „Bonusfamilie“ (Fortsetzungen am Mittwoch, 27. November und 4 Dezember, 20.15 Uhr) verkörpert Inez Bjørg David die Mutter eines Zehnjährigen und einer 16-Jährigen, die sich von ihrem Mann getrennt hat und nun mit einem neuen Partner zusammenlebt. Auch der bringt einen Zehnjährigen mit in die Beziehung. Die beiden Jungs hassen sich. Da hilft es wenig, dass Davids Figur ungeplant schwanger wird - und somit weitere Veränderungen die Patchworkfamilie unter Druck setzen. Im Interview spricht die Schauspielerin und ambitionierte Yogalehrerin über den biologischen Sinn von kindlichem Konkurrenzverhalten und warum es so schwer ist, Familie authentisch in eine Filmversion zu übersetzen.

nordbuzz: In Schweden sagt man zu einer Patchwork-Familie „Bonusfamilie“. Welchen Begriff verwendet man in Ihrer Heimat Dänemark?

Inez Bjørg David: Früher sagte man bei uns auch „Patchwork“. Mittlerweile heißt es in Dänemark ebenfalls „Bonus“. Als ich noch in Dänemark lebte, nannte man sogar seine neuen Familienmitglieder „Papp-mama“ oder „Papp-schwester“. Mittlerweile heißt das auch „Bonusmama“ oder „Bonusschwester“.

nordbuzz: Was steckt hinter diesem Begriffswechsel?

Inez Bjørg David: „Patchwork“ ist ja kein negativer Begriff, eher neutral. Doch „Bonus“ weist mehr auf die Möglichkeiten hin, die in diesen neuen Beziehungen stecken. Wir wissen, dass Sprache auch ein Stück weit unser Denken und Fühlen formt. Insofern finde ich den Begriff eigentlich sehr schön.

„Wir fürchten ein Leben lang, nicht mehr geliebt zu werden“

nordbuzz: Lange Zeit sagte man in Deutschland „Stiefmutter“ oder „Stiefschwester“. Das war eher negativ belegt ...

Inez Bjørg David: Ja. Ich glaube, auch durch die Märchentradition. Da wurden die Stiefverwandten immer als Bösewichte eingesetzt (lacht). Heute darf man derlei Lebensmodelle, die immer verbreiteter werden, auch positiv betrachten. Es gibt mehr Erwachsene, die sich um einen kümmern oder mehr Geschwister, die mit einem spielen.

nordbuzz: In der Serie finden es die Kinder ziemlich blöd, dass die Erwachsenen neue Partner haben. Denkt die kindliche Seele also weniger fortschrittlich?

Inez Bjørg David: Kinder wollen immer, dass alles so bleibt, wie es ist. Ihre Gehirne entwickeln sich so schnell, dass sie jene Unruhe und Instabilität, die auftritt, wenn sich Eltern trennen, einfach nicht brauchen. Positive Aspekte neuer Patchwork- oder Bonusverwandter sehen sie meist erst später. Ich habe viele Jugendliche und junge Erwachsene kennengelernt, die zum Beispiel bei mir als Babysitter oder Au Pair arbeiteten, die mir das so bestätigt haben. Die in solchen Bonusfamilien groß geworden sind und das im Nachhinein als sehr bereichernd empfanden.

nordbuzz: Es gibt aber auch reale Bedrohungen für das Kind. Wenn ein neuer Partner auf den Plan tritt, vielleicht sogar - wie in der Serie - sich ein neues Baby ankündigt, könnte man sich die Frage stellen: Werde ich noch so geliebt wie vorher?

Inez Bjørg David: Das ist in der Tat eine reale Angst! Wir Menschen fürchten ein Leben lang, nicht mehr geliebt zu werden. Natürlich gehen wir unterschiedlich mit dieser Angst um. Manche verdrängen sie ein Leben lang. Andere sind so stabil groß geworden, dass ihre Angst nicht so groß ist. Aber - sie ist immer da. In der Kindheit tritt die Angst noch ziemlich unverblümt zutage. Selbst ohne Bonusfamilie. Jeder, der Geschwister oder selbst mehr als ein Kind hat, kennt sie. Die schlimmsten Streits und Verwerfungen unter Geschwistern passieren, weil man Angst hat, der andere würde bevorzugt, also mehr geliebt werden.

„Man muss den Kindern vermitteln, dass sie sich sicher fühlen können“

nordbuzz: Was können Eltern gegen diese Angst tun?

Inez Bjørg David: Sie können das tun, was wir Erziehung nennen. Die Ängste der Kinder und ihr Verhalten dem Konkurrenten gegenüber sind biologisch nachvollziehbar, sie sind unser tierisches Erbe. Jedes Kind spürt von Geburt an, dass es versorgt werden muss, anders ist man nicht überlebensfähig. Deshalb muss man lauter schreien als der andere, damit um gehört zu werden. Ein differenzierteres Denken setzt erst später ein. Man muss es den Kindern vermitteln und es ihnen altersgemäß beibringen, dass sie sich sicher fühlen können - trotz der Konkurrenten im eigenen Haus.

nordbuzz: Kommen wir auf die Serie selbst zu sprechen. Auf Netflix kann man sich drei Staffeln des schwedischen Originals „Bonusfamilie“ ansehen. Haben Sie das getan?

Inez Bjørg David: Ich habe die erste und einen Teil der zweiten Staffel gesehen. Allerdings bevor ich wusste, dass es eine deutsche Adaption geben und ich damit zu tun haben würde. In solchen Fällen finde ich als Schauspielerin ein wenig Abstand zur Vorlage besser ...

nordbuzz: Die schwedische Serie erzählt die Familie über einen längeren Zeitraum. Die Charaktere sind jedoch sehr ähnlich, selbst die Namen hat man weitgehend übernommen.

Inez Bjørg David: Ja, das fand ich auch interessant. Dass man sogar die deutschen Charaktere vorwiegend mit blonden, skandinavischen Typen besetzte. Sogar unser Zuhause sieht aus wie das einer skandinavischen Familie (lacht).

„Im echten Leben gibt es keine Wasserträger“

nordbuzz: Gibt es denn auch Unterschiede zwischen schwedischer und deutscher Serie?

Inez Bjørg David: Ja. Obwohl wir mit nur sechs Folgen viel weniger Zeit haben, sind die Kinder in unserer Version tiefgründiger und ambivalenter erzählt, finde ich. In der schwedischen Fassung liegt viel Gewicht auf den Erwachsenen, die Kinder sind da etwas klischeehafter.

nordbuzz: Warum ist es generell so schwierig, Familie authentisch in Drehbücher und realistisch aussehende Filme zu übersetzen?

Inez Bjørg David: Oh, da spielen viele Details eine Rolle. Am Anfang gibt es immer ein Drehbuch und Produzenten, die es umsetzen wollen. An dieser Stelle wird bereits vieles übers Gelingen oder Misslingen einer Erzählung entschieden. Trotzdem ist ein Drehbuch zunächst mal ein Gerüst, auf dem man beim Drehen balanciert. Regie und Schauspieler können auch bei einem tollen Drehbuch immer noch viel richtig oder falsch machen. Das Problem in vielen Filmen ist, dass Nebenfiguren so blass bleiben, dass sie nur als Wasserträger funktionieren. Im echten Leben gibt es jedoch keine Wasserträger. Vor allem nicht in einer Familie. Jeder Mensch ist ein vollwertiges, komplexes Wesen. Wenn sich das nicht im Film widerspiegelt, wird er immer klischeehaft sein.

nordbuzz: Was nervt Sie am meisten an Klischeefiguren?

Inez Bjørg David: In der Regel ihre viel zu eindeutige Positionierung. Ich weiß, wovon ich rede, denn ich habe am Anfang meiner Schauspielkarriere oft die Zicke oder die Böse gespielt. Schon damals habe ich mich - so weit das ging - immer geweigert, eine solche Rolle nur böse anzulegen. Niemand, den man im normalen Leben trifft, ist nur böse oder nur zickig.

„Als ich mit 19 nach Deutschland kam, war ich ein hübsches blondes Mädchen mit niedlichem Akzent“

nordbuzz: Heute sieht man Sie oft in sehr sympathischen Rollen. Wie kam das eigentlich, dass Sie früher immer die Zicke spielen mussten?

Inez Bjørg David: Es hat sich durch meine erste größere Rolle in „Verbotene Liebe“ so ergeben. Da war ich von 2003 bis 2006 Vanessa von Beyenbach, sie war eben die „Bitch“. Ich musste danach hartnäckig bleiben und vergleichbare Rollen ablehnen, um aus dieser Ecke herauszukommen. Das war gar nicht so einfach.

nordbuzz: Also greifen die Charakterklischees auch hinter den Kulissen?

Inez Bjørg David: Irgendwie schon. Man muss auf jeden Fall bewusst dagegen arbeiten. Als ich mit 19 Jahren von Dänemark nach Deutschland kam, war ich ein hübsches blondes Mädchen mit niedlichem Akzent. Ich spürte schnell, dass man mir wegen dieser Attribute im Business nicht allzu viel Intelligenz zutraute. Zumindest hat sich das in den Rollenangeboten ausgedrückt.

nordbuzz: Wie haben Sie es geschafft, dass es heute anders ist?

Inez Bjørg David: Man muss standhaft bleiben und Rollen ablehnen. Oder dafür kämpfen, dass auch die Bösen, die „Bitches“, die Skrupellosen eben nicht nur das sind. Oder dass die Schwachen, Hübschen, Naiven nicht immer nur schwach, hübsch oder naiv sind. Kein Mensch hat nur eine Seite. Jeder ist in sich widersprüchlich. Solange dieser Gedanke nicht im Kopf eines jeden Filmschaffenden ist, solange wird es klischeehaft erzählte Figuren geben.

nordbuzz: Wie groß ist die Chance, dass „Bonusfamilie“ nach den sechs Folgen, die nun gesendet werden, weitergeht?

Inez Bjørg David: Eine Chance gibt es immer. Letztlich wird das wie immer von den Quoten abhängen. Stoff genug gäbe es, diese Erzählung fortzuführen. Familie hört ja nie auf, es passieren immer wieder neue, spannende Dinge. Und wir können fast alle an die dort verhandelten Themen anknüpfen. Insofern ist Familie, wenn man sie anspruchsvoll und realistisch erzählt, ein ungeheuer spannendes Genre.

teleschau

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