Britische Serien bei ARTE

In der Mediathek: Versteckte Meisterwerke

Das britische Serien-Meisterwerk "The Virtues", ausgezeichnet mit zwei Hauptpreisen beim Festival "Séries Mania" in Lille, gibt es kostenlos in der ARTE-Mediathek zu sehen. Vielleicht die größte vieler britischer Perlen, die es dort zu fischen gibt.
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Das britische Serien-Meisterwerk „The Virtues“, ausgezeichnet mit zwei Hauptpreisen beim Festival „Séries Mania“ in Lille, gibt es kostenlos in der ARTE-Mediathek zu sehen. Vielleicht die größte vieler britischer Perlen, die es dort zu fischen gibt.

Zahlreiche Streamingdienste und Mediatheken buhlen neben dem klassischen TV-Programm um die Gunst von Millionen Serienfans. Wer britische Perlen entdecken möchte, findet nun in der - kostenlosen - ARTE-Mediathek ziemlich einzigartige Werke.

Zart besaitete Menschen müssen sich durch die erste Folge von „The Virtues“ vielleicht ein bisschen durchkämpfen. Da wird von Joseph (Stephen Graham) erzählt, einem nordenglischen Arbeiter in den Vierzigern. Joseph ist trockener Alkoholiker und lebt allein. Sein neunjähriger Sohn ist sein Ein und Alles. Als der Junge mit Mutter und neuem Freund nach Australien auswandert, lässt sich der „Held“ der vierteiligen Serie „The Virtues“ gehen und erlebt eine Nacht im Exzess. Der ist - im klassischen Sinn - nicht schön anzusehen, aber wahrscheinlich eine der größten schauspielerischen Leistungen der jüngeren Filmgeschichte. Nach dem Absturz beschließt Joseph in seine eigentliche Heimat Nordirland zurückzukehren, um Kontakt mit seiner Schwester auszunehmen, die ihn für tot hält. Hier beginnt die eigentliche Handlung von Shane Meadows („This is England“) meisterhafter und mit zahlreichen Preisen belohnten britischen Miniserie. Noch bis 30. Dezember steht „The Virtues“ - neben anderen Serien, die das Siegel „very british“ tragen - in der ARTE-Mediathek zum Streamen bereit.

Die Mediathek-only-Strategie des Kulturkanals ist längst kein Alleingang mehr, sondern lässt sich auch bei anderen „Sendern“ wie ARD, ZDF, Joyn oder TVNOW feststellen. Immer mehr- vor allem Serienware - wird exklusiv zum Streamen angeboten und taucht im „alten“ linearen Fernsehen gar nicht mehr auf. Vielleicht ein Wink in jene Richtung, dass Serien und Filme, also die klassische Fiction, eher keine große Zukunft in der linearen Programmierung haben dürfte. Dort wird man mittel- und langfristig wohl mehr auf Information, Infotainment, Sport und andere Live-Events setzen.

Umso wichtiger ist es, sich innerhalb der Mediatheken zu orientieren. Wer auf britische Stoffe - auf jene besondere Mischung aus skurrilen Ideen, Authentizität und schauspielerischen Glanzstücken steht, sollte derzeit die Tiefen von www.arte.tv erforschen. Einige neue Serien-Highlights, aber auch Klassiker britischer TV-Kunst, stehen dort seit diesem Herbst und mit weiteren Premieren bis Weihnachten zum Abruf bereit.

„Detectorists“: Zwei Metallsucher philosophieren über das Leben

Seit 20. November zum Beispiel die Serie „Detectorists“. Solche Plots gibt es wohl tatsächlich nur in Great Britain: Die zutiefst lakonische Comedy-Serie begleitet zwei im Leben nicht allzu erfolgreiche Freunde (Mackenzie Crook, Toby Jones) bei ihrer Passion, dem Auffinden wertvoller alter Gegenstände per Metalldetektor. „Detectorists“ ist ein mehrfach preisgekröntes Serienwerk voll liebevoller Charakterzeichnungen und kauziger Dialoge, das vom deutschen Humor-Mainstream wohl kaum verstanden würde - weshalb die Serie, der man etwas Zeit geben muss, in der Mediathek gut aufgehoben ist. Sehr löblich: Gleich drei Staffeln mit jeweils sechs bis sieben Folgen stehen bereit.

Am 4. Dezember startet „Criminal Justice“ (bis 28.12.), das weniger zum Lachen ist, aber ein sehr authentisches Justizdrama in Serienform darstellt. Die preisgekrönte erste Staffel mit Ben Whishaw aus dem Jahr 2008 verfolgt den Trip eines Mordverdächtigen durchs britische Justizsystem. Ein amerikanisches HBO-Remake lief unter dem Titel „The Night Of“ mit John Turturro and Riz Ahmed in den Hauptrollen.

Ab 18. Dezember gibt es zudem eine der interessantesten neuen Sitcoms aus dem Vereinigten Königreich zu sehen: „Mum“ folgt tagebuchhaft dem Alltag einer 59-jährigen Witwe (Lesley Manville), die nach dem Tode ihres Mannes plötzlich auf sich allein gestellt ist. Jede Folge ist nach einem Monat benannt und beleuchtet den Trauer- beziehungsweise Neuorientierungsprozess der Hinterbliebenen. Eine Serie voll fabelhafter Dialoge und nur sehr sanft - und deshalb besonders treffend - gegenüber der Realität überzeichneten Figuren.

Harry Potter und „Mad Men“-Star Josh Hamm in einer Serie

Wer es noch etwas verrückter, ja durchgeknallter mag, findet vielleicht mit der Anthology-Comedy „Inside No. 9“ (noch bis 14. Juni 2021) sein Glück. Auch so eine Idee kann wohl nur aus England kommen. Jede der 24 online stehenden Folgen hat ihre eigene Handlung, doch immer spielt die Nummer 9 eine Rolle. Bisher wurde „Inside No.9“ noch nie in Deutschland gezeigt. Ausgezeichnet wurde die Serie mit einer Reihe von Preisen, bei den Zuschauern im UK ist sie ein echter Hit.

Ebenfalls seit Anfang Oktober (noch bis Mitte 2021) lässt sich zudem echtes Starfernsehen exklusiv in der ARTE-Mediathek verfolgen: „A Young Doctor's Notebook“ mit „Mad Men“-Ikone Josh Hamm und Daniel „Harry Potter“ Radcliffe. In jeweils nur 23 Minuten langen Kapiteln beschreiben die Folgen anekdotisch das Leben des jungen Arztes Vladimir Bomgard (Radcliffe), der 1917 - kurz vor der russischen Revolution - in Provinz geschickt wird und dort unter dem kritischen Blick seines älteren Ichs aus den 30-ern (Hamm) seinen Alltag bewältigen muss.

Weitere britische Serien, die im Herbst neu eingestellt wurde, sind das dreiteilige „Ill Behaviour“, im dem zwei Freunde einen dritten, der seine Krebserkrankung nur mit Naturheilmitteln bekämpfen will, kidnappen, um ihm mit Gewalt eine Chemotherapie zu verabreichen. Auch diese erfrischend unmoralische Serie ist mit Chris Geere („You're the Worst“) und Lizzy Caplan („Masters of Sex“) prominent besetzt.

Auch noch britisch und interessant: Das dreiteilige „Stag - Junggesellenabschied“, indem ein Trip von Freunden zur Hirschjagd nach Schottland in einem Alptraum endet. Die Mini-Serie von Jim Field Smith („The Wrong Mans“) ist halb Komödie, halb Horrorthriller und vereint einige der besten britischen Fernsehschauspieler.

Auch mit den letztgenannten Brit-Highlights kann man sich noch ein wenig Zeit lassen. Bis 14. Juni 2021 darf man mit ihnen in britische Erzählkunst eintauchen. Alle genannten Serien lassen sich über die ARTE-Mediathek wahlweise im britischen Originalton, Original mit Untertiteln oder in einer synchronisierten Fassung streamen. Von diesem Prozedere dürfen sich andere „Mediatheken“, vor allem das Untertitel-ignorierende Sky, gerne eine Scheibe abschneiden.

teleschau

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