Tobias Moretti

"Ich verliere immer wieder die Kontrolle"

+
Tobias Moretti denkt, man müsse als Vater vor allem Vorbild sein: "Man kann als Eltern quatschen, quatschen und noch mehr quatschen - aber das bringt alles nichts. Man muss es vorleben. Man darf nicht sagen: Du musst aufstehen! Und selbst pennt man bis zehn."

Ein Vater jagt wie besessen den Mörder seines Sohnes. Fast 20 Jahre lang. Ist so einer ein Held oder ein Wahnsinniger? Wahrscheinlich beides, glaubt Tobias Moretti, der die authentische Rolle in einem ZDF-Drama spielt.

Alles basiert auf einer wahren Geschichte: In der niedersächsischen Provinz verschwindet im Jahr 1992 ein kleiner Junge plötzlich aus dem Internat und wird wenige Wochen später tot aufgefunden. Ein Mord, um dessen Aufklärung der Vater des Jungen sich fortan fanatisch bemüht, und dessen Wunsch sich erst 19 Jahre später erfüllen soll. Im Fernsehspiel "Im Namen meines Sohnes" (Montag, 2. Mai, 20.15 Uhr, ZDF) spielt Tobias Moretti (56) eben diesen akribisch vorgehenden und alles andere vergessenden Vater. Ein Gespräch mit dem österreichischen Charakter-Schauspiel-Star über Erziehung, Vatererfolge und Kontrollverluste sowie eine quälende Frage, die vielleicht für immer bleibt.

teleschau: In "Im Namen meines Sohnes" spielen Sie Claus Jansen, dessen Sohn ermordet wurde und der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, den Täter zu finden. Vor allem aber spielen Sie eines: einen Kontrollverlust. Was können Sie persönlich mit dem Begriff anfangen?

Tobias Moretti: Ja, hier geht es um einen Kontrollverlust - der ja in dieser Situation mehr als verständlich ist. Man kann sich generell fragen, ob es das Ziel des Lebens ist, immer die Kontrolle zu behalten. Und wenn so ein Schicksal auf jemanden niederstürzt, wo das Leben jedes Ziel und jede Richtung verliert, werden solche Fragen nach der eigenen seelischen Ökonomie vollkommen unwichtig.

teleschau: Wann haben Sie zuletzt die Kontrolle verloren?

Moretti: Ich verliere immer wieder die Kontrolle. Meistens sind es äußere Umstände, die etwas in mir bewirken, manchmal Lappalien.

teleschau: Im Falle Claus Jansens scheint es sich um einen Akt der Verzweiflung zu handeln.

Moretti: Vom Temperament her ist Jansen das Gegenteil von einem Choleriker. Ein Analytiker, auf der verzweifelten Suche nach der Wahrheit ist, nach dem Täter, nach der Gerechtigkeit.

teleschau: Wer ist Ihnen als Gegenüber lieber: ein Ruhepol oder ein Choleriker?

Moretti: Vor allem bei der Arbeit ist mir einer, der zwischendurch mal laut die Sachen ausspricht, lieber als jemand, der in sich hineinimplodiert und einem womöglich ewig etwas nachträgt. Aber so ein Nachsinnen über die eigene Befindlichkeit kommt einem ganz unangemessen vor, angesichts einer solchen Figur wie Claus Jansen, der durch das Grauenhafteste hindurch muss, das es für einen Vater gibt.

teleschau: Jansen trägt der Polizei 19 Jahre lang mögliche Versäumnisse nach. Finden Sie seinen langen Atem nicht auch heldenhaft?

Moretti: Das ist eine kluge, aber auch eine rhetorische Frage. Mir ringt es Respekt ab, ja, weil er so lange dran geblieben ist, und weil er an seine Art der Aufarbeitung geglaubt hat. Aber es ist auch ein bisschen wahnsinnig und spiegelt seine Ohnmacht wider. Außerdem wird Jansen dabei geradezu zu einer Dampflokomotive der Verdrängung. Er verdrängt nahezu alles um sich herum, in dem er sich so sehr in die Aufarbeitung stürzt. Auch, dass sein zweiter Sohn einen Weg in ein normales Leben finden muss.

teleschau: Jansen sieht die Erfassung des Täters schließlich als seinen größtmöglichen Vatererfolg. Für Sie nachvollziehbar?

Moretti: Ja. Jansen war ein Informatiker, ein Statiker, der akribisch vorging. Sein ganzes Selbstverständnis war auf Logik aufgebaut. Er hat versucht, alles irgendwie zu erklären. Umso schwerer war es für ihn, dass er manche Dinge zu gewissen Zeitpunkten eben nicht erklären konnte. Ich wollte, dass man seinem Verlorensein in genau diesen Momenten zuschauen kann. Bei ihm gab es so viele Jahre nur dieses Gespenst - tragisch.

teleschau: Genauso wie sein Lebensende: Nur neun Tage nach der Täterfestnahme starb er.

Moretti: Sein ganzes Schicksal ist fast biblischer Natur. Und die Festnahme war für ihn eine Art von Vollendung. Auf einmal hat alle Arbeit, alles zuvor einen Sinn gehabt.

teleschau: Es bleibt die quälende Frage: War es richtig, sein Kind überhaupt erst ins Internat zu stecken?

Moretti: Es ist furchtbar, wenn das eigene Kind stirbt. Noch furchtbarer ist, wenn es stirbt, und man selbst fühlt sich vielleicht irgendwie mit schuldig. So wie in diesem Fall, weil er sein Kind eben ins Internat gegeben hat. Wobei natürlich niemand behaupten würde, dass so etwas grundsätzlich falsch ist. Wieso sollte er annehmen, dass sein Sohn dort nicht sicher ist? Zumal in den 90-ern, wo noch niemand von Missbrauchsfällen oder ähnlichem in solchen Einrichtungen geredet hat. Viele Kinder gehen aufs Internat und sprechen später von den schönsten Jahren ihres Lebens, weil sie schlichtweg Spaß hatten. Aber es gibt eben auch Kinder, um die in einem Internat ein Zaun gezogen wird. Die leben dann noch abgeschotteter als vielleicht schon zuvor.

teleschau: Was sind die Folgen?

Moretti: Ich glaube, sie werden noch unsicherer, lebensunfähiger, ziehen sich zurück, jeder für sich. Dann kommt das Phänomen der digitalen Nebenwelt dazu, dort sind die Kinder ganz allein, ohne Vorbilder, ohne Grenzwächter, niemand quatscht ihnen rein, und sie verlieren den Bezug zur Realität.

teleschau: Die digitale Welt ist auch außerhalb von Internaten ein Auffangnetz für Kinder allen Alters. Versuchen Sie gezielt, Ihre eigenen Kinder davon abzuhalten?

Moretti: Nein. Man kann als Eltern quatschen, quatschen und noch mehr quatschen - aber das bringt alles nichts. Man muss es vorleben. Man darf nicht sagen: Du musst aufstehen! Und selbst pennt man bis zehn. Man kann nicht sagen: Spiel ein Instrument! Und selbst spielt man keins. Oder von Familienharmonie herumideologisieren und sie selber nicht hinkriegen. Man muss es selbst machen. Dann wird es auch nachgemacht.

teleschau: Wie fänden Sie es, wenn Ihnen ihre Kinder auch das Berufliche nachmachen wollten?

Moretti: Diesen Beruf kann man nicht machen wollen. Den muss man machen müssen! Nur wenn man unbedingt diese Art von künstlerischem Ausdruck braucht - so wie ein Musiker die Musik - kann es klappen. Es muss die Dramatik sein, die einen antreibt.

Das könnte Dich auch interessieren

Kommentare