Samuel Finzi

"Ich kann mich nicht begrenzen"

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Szenen einer Ehe: Paul (Samuel Finzi) weiß nichts damit anzufangen, dass bei Julia (Aglaia Szyszkowitz) die Libido wieder erwacht.

"Menschen sind Menschen, manchmal wunderbare Wesen, manchmal Vollidioten": Samuel Finzi ist nicht nur ein vielbeschäftigter Schauspieler, sondern auch ein wunderbarer Gesprächspartner mit klarer Haltung.

Ende Januar feierte der im bulgarischen Plowdiw geborene Samuel Finzi seinen 50. Geburtstag. Das Alter beflügelt den fleißigen bulgarisch-deutschen Schauspieler, der regelmäßig Theater spielt und für Film und Fernsehen arbeitet. Dieser Tage ist er gleich in zwei ARD-Produktionen zu sehen: in "Seitensprung mit Freunden" (am Samstag, 27. Februar, 20.15 Uhr) und in "Der Tel-Aviv-Krimi: Shiv'a" (am Donnerstag, 10. März, 20.15 Uhr). Im Interview geht er auf die beiden sehr unterschiedlichen Rollen ein, erinnert sich an seine Ankunft in Berlin im bewegten Jahr 1989 und beschreibt das Verhältnis zu seinem Vater Itzhak Finz, der in Bulgarien ein Schauspielstar ist.

teleschau: Herr Finzi, eine Grundannahme, auf der "Seitensprung mit Freunden" aufbaut, ist das Konzept der Monogamie. Wie schätzen Sie das ein?

Samuel Finzi: Seit langem sind alle Tabus gebrochen, alles ist möglich. Moralisch-ethische Kriterien haben sich total verändert. Ich sage das nicht wertend. Das ist aber der Zustand der Gesellschaft, in der wir auf diesem Teil der Erde leben. Es geht Paul, den ich im Film spiele, um den Erhalt seiner Denke. Swinger oder auch Affären mit der Frau des besten Freundes sind für ihn unvorstellbar.

teleschau: Was passiert Ihrem Paul?

Finzi: Es ist die Geschichte eines Menschen, dessen Weltbild gebrochen wird. Das dient hier der Komödie. Er ist ein Mensch in einem gewissen Alter, mit Erfahrung, der gut in seinem Beruf ist, intelligent, ein wenig spießig, aber wer ist das heutzutage nicht ... Und plötzlich ist all das weg. Wie bei einem Erdbeben. Er verliert sich, entscheidet sich zu einem Schritt - und plötzlich gefällt ihm das.

teleschaU: Verrät er sich da?

Finzi: Eigentlich nicht, es passiert freiwillig. Aber das ist eine der Fragen des Films: Wann fängt ein Verrat an? Ist seine Untreue ein Verrat? Das sind Fragen, die wir uns alle stellen. Es ist immer wieder gut, darüber nachzudenken - auch durch eine Komödie.

teleschau: Das Format bricht die Thematik ...

Finzi: Es hat keine Schwere, die Situation ist aber auch nicht undramatisch. Es ist ein Stück Leben. Der Zuschauer kann Empathie mit den Figuren entwickeln. Die beiden Paare sind befreundet. Aber: Was kann eine Beziehung aushalten? Was Freundschaft? Wie lässt sich die Leidenschaft in einer traditionellen Zweier-Beziehung erhalten? Diese Fragen werden aufgeworfen - und bleiben offen. Der Film gibt darauf keine Antworten, zum Glück. Da wären wir moralisch falsch, es ist nicht zu lösen.

teleschau: Stellt sich nicht auch die Frage, welche Regeln geben wir uns selbst und wie erhalten wir die aufrecht?

Finzi: Wenn man jung ist, handelt man und denkt erst danach darüber nach. Umso mehr Zeit vergeht, desto mehr dreht sich das um. Man denkt erst nach und handelt dann. Das hat mit Erwachsenwerden zu tun. Manche können sich schlechter wehren und wiederholen dieselben Fehler. Das ist individuell und hat nichts mit Intelligenz zu tun. Das ist eine Charakterfrage.

teleschau: Auch das steckt im Film: Die Tochter pubertiert und lernt das Leben kennen ...

Finzi: Sie wird erwachsen. Kurz nachdem der Vater seine erste Nacht in einer neuen Welt verbringt, will er der Tochter erklären, was Sex ist. Eine komische Situation. Ich sah im Drehbuch die Möglichkeit, die Entwicklung dieses Menschen zu erzählen.

teleschau: Apropos: Sie sind am 20. Januar 50 Jahre alt geworden ...

Finzi: Ich denke darüber nicht nach. Mein Vater sagte mir aber: "Du wirst sehen, diese Zahl arbeitet unbewusst." Ich habe noch nichts davon gemerkt. Ich bin derselbe wie früher.

teleschau: Was bedeutet Alter für Sie? Messen Sie das in Zahlen?

Finzi: Nein, ich messe es in Erlebnissen und nicht in Zahlen. Meine Kinder zu sehen, das ist ein Erlebnis. Und ich messe es an der Arbeit, die ich geleistet habe.

teleschau: Sie sind viel beschäftigt!

Finzi: Ich habe viel gearbeitet in den letzten Jahren, das stimmt.

teleschau: Sie sind einer der Schauspieler, die alles machen. Die Theater spielen, für Kino und Fernsehen produzieren ...

Finzi: Ja, alles. So bin ich. Ich kann mich nicht begrenzen. Ich brauche die Bühne, die ist mir als Schauspieler sehr wichtig. Ich hoffe das bleibt so und ich hoffe, die Kraft zu haben, so weiterzumachen.

teleschau: Gibt es Momente, in denen Sie spüren, dass Sie kürzertreten müssen?

Finzi: Ja, dann ziehe ich mich zurück. Ich kann bei der Familie abschalten, wobei es Zeit braucht, um aus dem Arbeitsmodus rauszukommen. Man darf aber auch nicht zu lange raus, weil es dann schwer ist, wieder reinzukommen. Das ist wie ein Spiel.

teleschau: Ihr Vater ist in Bulgarien Schauspieler und ein Star.

Finzi: Er ist eine sehr bekannte Persönlichkeit in dem Land, aus dem ich komme. Er ist ein guter Mann.

teleschau: Wie betrachtet er Ihr Schaffen?

Finzi: Er guckt sich meine Sachen an, und wir reden sehr oft darüber.

teleschau: Gibt er Ihnen Dinge auf den Weg, was Ihre Karriere betrifft?

Finzi: Wir haben ein sehr gutes Verhältnis, sind beste Freunde. Wir reden über alles, nicht nur über Theater und Film. Das gibt mir viel. Wir verstehen uns auf einer Ebene, die mit Worten nicht zu beschreiben ist. Er hat den gleichen Humor wie ich. Eine Ironie, die wir nutzen, wenn wir miteinander reden.

teleschau: Sind Sie seit 1989 in Deutschland...

Finzi: Ja, ich bin schon länger hier als ich in Bulgarien gelebt habe.

teleschau: Sie kamen zu einer sehr speziellen Zeit nach Berlin. Wie erinnern Sie die Zeit, in der Sie angekommen sind?

Finzi: Ich war in Arbeit versunken, war wegen eines Theaterprojekts hier und habe Tag und Nacht geprobt. Ich habe alles miterlebt, die Veränderung der Stadt nach dem Mauerfall, den Zuzug nach Berlin.

teleschau: Gerade kommen wieder viele Menschen in Berlin und in Deutschland an. Sie haben selbst eine Migrationserfahrung. Wie nehmen Sie das wahr, was gerade passiert, auch dass die Rechte hierzulande immer stärker zu werden scheint?

Finzi: Ich finde das widerlich. So wenig Empathie empfinden zu können, mit Menschen, die in Not sind, das verstehe ich einfach nicht. Ich will es auch nicht verstehen. Kann sein, dass ich da emotional reagiere. Es ist genug für alle da. Heute lese ich über Milliarden-Subventionen für die Auto-Industrie - worüber reden wir hier?! Das steht in keinem Verhältnis. Wir sind unseren Wohlstand so gewöhnt und haben Angst, diesen zu verlieren. Bei den Menschen, die kommen, geht es ums Überleben und nicht um Haben oder Nicht-Haben.

teleschau: Andreas Bareiss, der Produzent der neuen ARD Donnerstags-Krimireihe "Der Tel-Aviv-Krimi", in welcher Sie ab der zweiten Folge "Shiv'a" auch zu sehen sind, berichtete im Vorfeld des Interviews, wie schnell das gesamte Filmteam vor Ort integriert war ...

Finzi: Israel ist ein Zuwandererland, die haben damit Erfahrung.

teleschau: Dass kulturelle Unterschiede zu Problemen führen können, kann doch niemanden ernsthaft überraschen, oder?

Finzi: Menschen sind Menschen, manchmal wunderbare Wesen, manchmal Vollidioten. Das sind wir.

teleschau: Wie sehen Sie die Perspektive der Reihe? Wird die sich etablieren?

Finzi: Ich glaube und hoffe es, dann können wir weitermachen. Der Film nimmt keinen touristischen Blick ein, sondern schafft es, eine wahrhaftige Beschreibung dieser Gesellschaft zu liefern. Natürlich gibt es die Krimi-Geschichte, aber alles ist fest in dieser Gesellschaft verankert.

teleschau: Wie beschreiben Sie Ihren Kriminalkommissar Jakoov Blok?

Finzi: Er ist ein russischer Einwanderer zweiter Generation. Für mich war spannend, keinen deutschen, sondern einen israelischen Kommissar zu spielen. Ich habe Familie, die in Israel lebt, ich war nicht das erste Mal dort. Ich fühle mich dort wohl.

teleschau: Was für ein Typ ist Ihr Kommissar?

Finzi: Ein Eigenbrötler und Melancholiker. Im Laufe der Zeit verstehen wir, warum er so ist. Da gibt es eine romantische und tragische Liebesgeschichte. Das Drama, das die Figur mit sich trägt, diese Spannung in ihm, überträgt sich auf die Kollegin, die aus Deutschland angekommen ist und seine Launen ertragen muss.

Schauspieler Samuel Finzi

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