„Y-Kollektiv“ über einen „geheimen“ Beruf

„Ich habe euch geschützt und mich kaputt gemacht“: Die Wahrheit über Content-Moderatoren

"Y-Kollektiv"-Reporterin Leonie Sontheimer hat über ein halbes Jahr mit zehn Content-Moderatorinnen und -Moderatoren gesprochen und zwei vor der Kamera interviewt. Sie treten nur anonym auf, denn eigentlich haben sie sich vertraglich dazu verpflichtet, nichts von ihrem Job zu erzählen.
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„Y-Kollektiv“-Reporterin Leonie Sontheimer hat über ein halbes Jahr mit zehn Content-Moderatorinnen und -Moderatoren gesprochen und zwei vor der Kamera interviewt. Sie treten nur anonym auf, denn eigentlich haben sie sich vertraglich dazu verpflichtet, nichts von ihrem Job zu erzählen.

Wahrscheinlich ist es wie bei der Müllabfuhr: Die Arbeit ist hart, sie ist belastend, sie ist mithin widerlich. Aber sie ist nötig. In der neuen „Y-Kollektiv“-Reportage packen Content-Moderatorinnen und -Moderatoren aus.

Hunderte Kommentare binnen einer Stunde! - Eine derartige Resonanz erleben die Macher des YouTube-Reportageformats „Y-Kollektiv“ wohl auch nicht alle Tage, wenn sie einen Link zu einer neuen Story online stellen. Mit ihrer Geschichte über den Alltag sogenannter „Content-Moderatoren“ hat Reporterin Leonie Sontheimer einen Nerv getroffen. Erste hitzig in die Spalte getippte Meinungen zeugten am Donnerstagabend von blankem Entsetzen, viele „Y-Kollektiv“-Follower applaudierten auch spontan, weil sie es begrüßen, dass ein Thema, über das sonst kaum etwas zu erfahren ist, endlich gebührend beleuchtet wird. Man erfährt in der Tat manches, das fassungslos macht, in den nur knapp 15 Minuten, die man sich für den Film „Content Moderatoren und Moderatorinnen: Sie löschen die Videos auf Social Media, die Du nicht sehen sollst“ nehmen muss.

„Triggewarnung“ ist nötig

Eigentlich klingt es nach einem dieser sauberen, neuen Medienjobs für junge Leute - nicht wirklich gut bezahlt, aber irgendwie cool: Der Beruf des Content-Moderators, klärt Wikipedia auf, bestehe darin, auf Medieninhalte in Sozialen Netzwerken, Internetforen, Cloud-Diensten, Content-Management-Systemen und anderen informationstechnischen Systemen durch die Anbieter dieser Dienste „einzuwirken“. Konkreter: „Zu den Aufgaben eines Content-Moderators zählen das Löschen und Sperren von Inhalten sowie das Filtern, Ordnen und Auswerten von Informationen und Daten.“

Was einem unter dieser Job-Discription in der Praxis mitunter erwarten kann, wurde schon einmal im Dokumentarfilm „The Cleaners (Im Schatten der Netzwelt)“ (2018) aufgezeigt. Er handelte von Content-Moderatoren in den Philippinen. Jetzt geht es um deutsche „Cleaner“ - und was das heißt, erfährt der Zuschauer bereits in den ersten Sätzen des Beitrags. Die Journalistin Leonie Sontheimer spricht sie, ohne dass überhaupt ein erstes Bild zu sehen ist: „Kannst du dir vorstellen, wie es aussieht, wenn Welpen lebendig gekocht werden? Wenn ein Mensch enthauptet wird? Jemand jemanden missbraucht? - Solche Videos werden auf YouTube hochgeladen, aber die meisten von uns sehen sie nie. Weil Content-Moderatoren sie für uns entfernen.“

Dass „Y-Kollektiv“ dem Beitrag auf YouTube eine „Triggerwarnung“ vorausschickt, ist also angemessen: „Im folgenden Film geht es in Auszügen um Tierquälerei, Misshandlung, Kinderpornografie, Suizid-Gedanken und Depressionen“, heißt es da. Für User, die selbst davon betroffen seien oder Hilfe benötigen, werden verschiedene Hintergrundinfos und Links bereitgestellt. Zumindest auf die Notfallnummern bei Depressionen und anderen psychischen Notfall-Situationen sei auch an dieser Stelle verwiesen: TelefonSeelsorge in Deutschland: +49 (0)800 111 0 111; 116111 - Die Nummer gegen Kummer https://www.nummergegenkummer.de/.

„Du gehst schlafen, du träumst von diesen Bildern“

Dass der Job, der in dieser Reportage beleuchtet wird, an die psychischen Grenzen und weit darüber hinausgehen kann, wird schnell deutlich. „Du siehst diese Bilder, du gehst schlafen, du träumst von diesen Bildern“, sagt eine junge Frau, die im Film anonymisiert „Laura“ genannt wird. - Die Content-Moderatoren müssen sich an strenge Geheimhaltungsauflagen halten, unterschreiben NDAs, dürfen nicht über ihre Arbeit sprechen. „Ich denke immer an diese Bilder, du kannst sie nicht löschen.“

Aber die Bilder, die Clips, sie sind da. Sie werden rund um die Uhr hochgeladen, weltweit - auf Tiktok, YouTube, Twitter, Facebook ... - „All die großen Plattformen brauchen Content-Moderatoren, aber sie lagern diese Aufgabe aus. Und damit auch die psychische Belastung“, heißt es im Film. Weltweit wird ihre Zahl auf über 100.000 geschätzt, in Deutschland sollen es nach „Y-Kollektiv“-Recherchen mehr als 1.000 Menschen sein, die bei verschiedenen Agenturen angestellt sind, um für die großen Player die Dienstleistung zu übernehmen. Im Schnitt bekämen sie monatlich um die 2.000 Euro brutto. Was man dafür machen muss? - Es habe mehr als ein halbes Jahr gedauert, bis Reporterin Leonie Sontheimer immerhin drei Protagonisten für ihren Beitrag beisammen hatte, die bereit waren, sich vor der Kamera äußern. „Mehrfach wurde mir zu- und wieder abgesagt.“

„Ich wusste, ich kann nicht mehr“

Laura, die gar nicht Laura heißt, lässt tief in den Arbeitsalltag dieses Berufsstands blicken. Zentraler Punkt: Sie entscheidet, so erklärt sie, stets nach Policies - „nie nach meinem eigenen Willen“. Wenn sie ein Video „zu extrem, zu rechts, zu widerlich“ finde, dürfe sie es nicht löschen, sofern es nicht gegen die Richtlinien des Portals verstoße. „Ich wusste, worauf ich mich einlasse. Aber ich war einfach naiv“, gibt Laura zu. „Die meisten Menschen“, weiß sie, „denken: 'Ich pack das.' Aber die meisten Menschen packen es nicht. Weil du es nicht kontrollieren kannst. Diese Bilder kannst du nicht löschen.“

Dann geht es ans Eingemachte. Leonie Sontheimer fragt Laura, was ihr in Erinnerung bleibe. „Alles Eklige, was ein Mensch machen kann“, eröffnet Laura ihre Antwort: „Kinderpornografie. Tierquälerei. Ich hab' Kinder gesehen, die Hühner vergewaltigen.“ Sie frage sich: „Wer will so was sehen? - So was kann man sich gar nicht vorstellen.“ - Wahrscheinlich ist es wie bei der Müllabfuhr: Die Arbeit ist hart, sie ist belastend, sie ist mithin widerlich. Aber sie ist nötig. „Irgendjemand muss den Dreck aus dem Netz kehren“, sagt die Reporterin und ergänzt, dass es so all jene sehen würden, mit denen sie darüber gesprochen habe. Sie gingen nur unterschiedlich damit um. Laura wurde krank. „Ich wusste, ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr leben, ich hasse mein Leben, ich möchte sterben.“ Sie sagt, sie habe zunächst nicht gewusst, woher die Suizidgedanken kommen. „Aber ich hatte sie. Dann war ich krank und wurde gefeuert.“

„Ich finde meine Arbeit moralisch wichtig“

Reporterin Leonie Sontheimer hat über ein halbes Jahr mit zehn Content-Moderatoren und -Moderatorinnen gesprochen. Weil kaum jemand vor die Kamera wollte, werden manche Aussagen im Film nur vorgelesen und als Text eingeblendet. „Ich finde meine Arbeit moralisch wichtig“, heißt es da unter anderem: „Ich sichte die Videos, damit andere das nicht sehen müssen.“ Ein anderes Zitat lässt tief blicken: „Die Mitarbeiter werden als Maschinen betrachtet, die austauschbar sind und einfach weggeworfen werden, wenn sie nicht mehr funktionieren.“

Wirklich verifzierbar waren die meisten Statements nicht. Die Journalistin schrieb die verschiedenen Plattformen und Agenturen an. Die Plattform, bei der Laura engagiert war, habe nicht geantwortet. Anderere, immerhin vier von sechs Unternehmen, hätten sich in Mails und Chats geäußert. Leonie Sontheimer: „Alle versichern, dass ihnen das Wohlergehen der Content-Moderatoren wichtig ist und sie eine 'umfangreiche psychologische Unterstützung' gewährleisten.“ Sie betont jedoch, die Antworten ließen sie trotzdem frustriert zurück: Sie seien ihrer Ansicht nach zu vage, und in der Praxis scheinen die Konzepte nicht aufzugehen.

„Da arbeiten halt auch kleine Leute“

Immerhin gibt es mit einer weiteren Content-Moderatorin, anonymisiert Caro genannt, noch eine Art Gegenpol. Caro versichert, die Arbeit, „auch das Videos-Gucken“, mache ihr Spaß - „vor allen Dingen für eine große Plattform zu arbeiten, die sehr bekannt ist und die viele nutzen“. Auch für sie sei manches grenzwertig, etwa Gewalt oder Tierquälerei. Unter dem Strich finde Caro die Bedingungen aber „nicht schlecht“. - Nur die Bezahlung könne besser sein. Warum Caro für die Recherche der „Y-Kollektiv“-Journalistin offen war, hatte einen guten Grund: „Die Geheimhalterei sollte aufhören.“ Man solle mehr Aufmerksamkeit dafür schaffen, dass das alles von echten Menschen angeschaut und geprüft wird. Man stelle sich immer „so ein Millionenunternehmen“ vor, erläutert sie, „aber da arbeiten halt auch kleine Leute“. Caro kann sich für die Reportage nicht einmal in das System ihres Arbeitsrechners einloggen. „Es wird alles getrackt.“

Einer der wenigen, die in der Öffentlichkeit über die Hintergründe dieser Tätigkeit auspacken, ist Chris Gray. Der Mann, der in Irland Facebook-Content geprüft hat, fordert vor Gericht Schmerzensgeld. Das Verfahren könnte ein Präzedenzfall für Europa werden, erklärt die Reporterin im Film, in dem Gray auch im Video-Interview zu sehen ist. Bei ihm sei eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert worden. Bei Laura hieß die Diagnose Burnout. Sie wisse nun, dass sie unter einem Trauma leidet, das sie aufarbeiten muss. Zu diesem Zweck wolle sie nette Menschen treffen. Denn sie „habe viele gesehen, die böse sind“. Unter Tränen schließt die ehemalige Content-Moderatorin: „Ich habe euch geschützt und mich kaputt gemacht.“

Der Film steht auf dem „Y-Kollektiv“-Channel (https://youtu.be/umafqnmvRsY) und auf der Facebook-Seite des Journalistenkollektivs zur Ansicht bereit.

teleschau

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