Drinnen - Im Internet sind alle gleich

Im Home-Office produziert: Corona-Isolation als Comedy-Serie

Lavinia Wilson leidet in ihrer Rolle der Charlotte unter virusbedingter Isolation.
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Lavinia Wilson leidet in ihrer Rolle der Charlotte unter virusbedingter Isolation.

So können aktuelle Serienformate in Corona-Zeiten funktionieren: Die ZDFneo-Produktion „Drinnen“ widmet sich auf kreative Weise dem eingeschränkten Quarantäne-Leben vom heimischen Computer aus.

Sondersendungen, Expertentalk, Comedyshows und Kulturprogramm: Seit Wochen sucht auch das hiesige Fernsehen einen Umgang mit der Corona-Krise. Naturgemäß fanden sich unter den Pandemie-TV-Versuchen dabei aufgrund der längeren Entwicklungszeit bisher kaum fiktionale Formate - abgesehen von zeitlosen Seuchen-Serien und Endzeit-Thrillern. Das ändert sich nun langsam. Schließlich werkeln auch Drehbuchautoren und Formatentwickler im Homeoffice weiter und können diesmal gar auf die hautnahe Isolations-Erfahrung des eigenen Social Distancing und Zuhausebleibens zurückgreifen.

So schien es wohl nur eine Frage der Zeit, dass ein Format wie „Drinnen - Im Internet sind alle gleich“ die aktuelle Situation verarbeiten würde. Nun, da ein nicht unerheblicher Teil des Arbeits- und Freizeitlebens ins Netz verlagert werden musste, reflektiert die Comedyserie von ZDFneo das seltsame Verhalten gelangweilter Großstädter zur Pandemiezeit. Dass die etwa zehnminütigen Episoden der Miniserie dabei in voller Länge nur in der ZDF Mediathek abrufbar sind (immer werktags, 20 Uhr), während ZDFneo im TV-Programm ab Dienstag, 7. April, 22.45 Uhr, lediglich Zusammenfassungen ausstrahlt, mag dem digitalfixierten Inhalt oder dem experimentellen Charakter der Miniserie geschuldet sein. Und die ist an Aktualität tatsächlich kaum zu überbieten: In der Hauptrolle gibt Lavinia Wilson die Mitdreißigerin Charlotte, die durch Corona gezwungen wird, plötzlich ihr komplettes Leben vom Rechner aus zu erledigen.

Dabei war die junge Frau mit Job in der Werbebranche gerade dabei, alles zu verändern: Kündigung, Scheidung, kompletter Neuanfang. Daraus wird mit Ausbruch der Pandemie nun vorerst nichts - Kontaktsperre, Isolation und die Angst vor dem Virus verlangen ihr alles ab. Und das vom Bildschirm aus, dessen Inhalte einen Großteil des Serienformats ausmachen: Ob Charlotte nun „10 Dinge, die gegen Langeweile helfen“ googelt, die Arbeitsmails ihrer ungeliebten Chefin und die WhatsApps ihrer Familie („Oma ist tot - April, April“) checkt, twittert, tindert oder von der besten Freundin per Videonachricht Tipps für den Isolationsmedienkonsum erhält - die Zuschauer bekommen einen intimen Blick durch jenes Fenster zur Seele, das heute Laptop und Smartphone heißt.

Kreative Produktion

Während die Protagonistin, meist in typischer Webcam-Pose zu sehen, Beruf, Familie und Alltag fast ausschließlich online abwickelt, reflektiert sie aus dem Off in dieser „fucking weirden Zeit“ ihre persönlichen Sorgen („Angst, die Kontrolle zu verlieren“) und die gesellschaftlichen Debatten zwischen Nachbarschaftshilfe und Netflix-Konsum, zwischen Hamsterkäufen und Applaus für Pflegekräfte. Thema ist aber auch das Leben in unserer durchdigitalisierten Welt, in der wir auch vor dem Coronavirus bereits fast alles im Netz erledigen konnten. Das unfreiwillige Abgeschnittensein von der Außenwelt, es macht nicht nur träge, sondern auch philosophisch und kreativ.

Kreativ geben musste sich auch das Produktionsteam der 15-teiligen Serie, die nach einem Konzept von Philipp Käßbohrer geschaffen und im Home-Office per Webcam umgesetzt wurde: Schauspieler, Autoren und Produzenten hätten von zu Hause gearbeitet, Regisseur Lutz Heineking, jr. per Videokonferenz inszeniert, so Frank Zervos, ZDF-Hauptredaktionsleiter Fernsehfilm/Serie: „Besondere Zeiten erfordern außergewöhnliche Produktionsweisen und vor allem die richtigen Geschichten.“ Das weiß auch ZDFneo-Chefin Nadine Bilke. Sie freue sich, den Zuschauern „in dieser angespannten Zeit“ Unterhaltung anbieten zu können, „die sie dort abholt, wo die meisten von uns sich gerade befinden: 'Drinnen.“

Während eine fantastisch aufspielende Lavinia Wilson die Rolle der auch noch hypochondrisch veranlagten Charlotte übernimmt, spielt Barnaby Metschurat (auch im echten Leben Wilsons Partner) Ehemann Markus, der mit den Kindern auf dem Land weilt. Zudem zu sehen sind in der außergewöhnlichen Produktion unter anderem Jana Pallaske sowie Victoria Trauttmansdorff als resolute Chefin unter Corona-Verdacht. Wie aktuelle Serienunterhaltung mit prominenter Besetzung trotz eingeschränkter Produktionsbedingungen auch in Viruszeiten funktionieren kann, zeigt „Drinnen“ eindrücklich.

teleschau

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