Von Menschen, die alles riskieren 

Hinschauen ist wichtig: Das ZDF zeigt vier „junge“ Beiträge zum Thema Flucht

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Der herausragende Dokumentarfilm „Als Paul über das Meer kam“ (Montag, 18.06., 23.55 Uhr, ZDF) ist Auftakt einer vierteiligen Reihe mit Filmen über Flucht beim „Kleinen Fernsehspiel“ des ZDF.

Vier Filme junger Regisseure beschäftigen sich im „Kleinen Fernsehspiel“ mit dem Thema Flucht. Allesamt machen sie Lust, tiefer in das Thema einzusteigen. Warum?

Am Montag, 20. Juni, ist „Weltflüchtlingstag“. Er wird die Wahrnehmung der meisten Deutschen wohl nicht erreichen, schließlich ist Fußball-WM. Ohnehin möchte man sie schon lange nicht mehr sehen: die Bilder bibbernder Afrikaner auf überfüllten Flüchtlingsbooten. Oder ihre Leichen, wenn sie im Meer treiben. Ja, es ist schlimm! Aber was kann man als Einzelner schon tun gegen die großen, globalen Krisen? Fakt ist: Es gibt weltweit immer mehr Flüchtlinge, weil auch die Zahl der Fluchtursachen nicht kleiner wird. Riesenprobleme allenthalben - und da ist man bei der hierzulande tobenden Asyldebatte noch nicht einmal angekommen. Vier Filme des „Kleinen Fernsehspiels“ im ZDF nähern sich ab Montag, 18. Juni, dem Thema Flucht nun endlich einmal anders, direkter. Die jungen Regisseure stellen Flüchtende auf eine Weise ins Zentrum ihrer Geschichten, dass man unbedingt wissen will, wie die Sache ausgeht. So lernt man mehr über die Gründe und das Leid der Flucht, als es Nachrichten und selbst tiefer schürfende politische Analysen zu leisten vermögen.

Eigentlich wollte Grimmepreisträger Jakob Preuss („The Other Chelsea“) 2011 einen Film über Frontex und die Abschottung der EU an ihren Außengrenzen drehen. Jenseits des hohen Zauns, der die spanische Exklave Melilla vor dem marokkanischen Umland „schützt“, lernt der Berliner Filmemacher Paul kennen. Der Kameruner war Anfang, Mitte 30. Ein schlauer, durchtrainierter Typ. In seiner Heimat hatte er studiert. Wegen irgendwelcher Querelen, wohl politischer Art, musste die Uni verlassen. Zurück im Dorf fand Paul nicht ins alte Leben zurück. Schließlich machte er sich auf den langen, Jahre verschlingenden Weg nach Europa.

Jakob Preuss lernt Paul in einem Lager vor dem marokkanisch-spanischen Zaun kennen, in dem Menschen warten. Warten ist sozusagen ihr Job. Sie harren einer günstigen Gelegenheit, nach Spanien zu klettern und Asyl zu beantragen. Oder sie warten auf Schlepper, die sie nachts zu Booten bringen. Viele hier haben lange gespart und alles, was sie hatten, verkauft, um in diese für deutsche Augen nicht gerade verlockende Situation zu kommen. Der Sog nach Europa muss groß sein. Auch das versteht man plötzlich ganz intuitiv und ohne große Erklärung in Jakob Preuss' herausragenden und vielfach ausgezeichneten Film „Als Paul über das Meer kam“ (Montag, 18.06., 23.55 Uhr, ZDF).

Irgendwann, nach mehreren Interviews, in denen man sich vorsichtig annäherte, ist Paul plötzlich verschwunden. Später erkennt Preuss sein Gesicht im Fernsehen wieder. Pauls Flüchtlingsboot ist untergegangen, Menschen sind gestorben, er wurde gerettet. Das Gesicht des selbstbewussten Kameruners sieht nun anders aus. Es hat Fruchtbares gesehen. In diesem Moment ändert der Film seinen Ansatz. Jakob Preuss und seine Kamera folgen ihrem Protagonisten auf der nun folgenden Odyssee von einem Flüchtlingsheim in Spanien über Frankreich nach Deutschland. Immer deutlicher wird, dass Paul vom Filmemacher erwartet, dass er ihm hilft. „Als Paul über das Meer kam“ wird so auch zur klugen Auseinandersetzung mit der Frage, was man selbst tun könnte - oder sollte.

„Paul“ fesselt durch die faszinierende Nähe des Films zu seinem Protagonisten. Einem coolen Typen, der nicht immer sympathisch und keineswegs in Opfermanier daherkommt. Paul ist ehrgeizig, er handelt mit Plan, ansonsten denkt er eher „konservativ“. Die Grenzen würde er - hinter sich - lieber dichtmachen. „Wichtig ist es“, sagt Jakob Preuss auf die Frage, warum Paul den Zuschauer so in seinen Bann zieht, „nicht in Miseralibismus zu verfallen und Leid dauernd zu übertreiben. Das Leid der Flüchtenden ist ja ohnehin spürbar. Wenn es unterstrichen wird, löst es Abwehrreflexe und eine Distanz aus.“ Übrigens ein Effekt, den Konservative und Rechte durchaus für ihre Agenda zu nutzen wissen. „Die Phrase, dass wir nicht alle Probleme auf der Welt lösen können, wird dann schnell zur Entschuldigung, sich nicht weiter mit den Schicksalen zu befassen.“

Nicht nur Paul erreicht sein Publikum, weil der Flüchtling im Film zum komplexen Charakter „aufsteigt“, sondern auch die anderen Protagonisten der Fluchtfilme im „Kleinen Fernsehspiel“. „Geschwister“ (Montag, 9. Juli, 0.00 Uhr) vom Österreicher Markus Mörth, erzählt von der jungen, attraktiven Moldawierin Bebe (sehr stark: Ada Condeescu), die es mit ihrem kleinen Bruder Mikhail (Abdulkadir Tuncer) über lebensgefährliche Wege nach Deutschland geschafft hat - wo sie aber keineswegs das gelobte Land erwartet. In „Implosion“ (Montag, 25. Juni, 0.30 Uhr) trifft der 17-jährige Thomas (Sven Gielnik) am spanischen Urlaubsstrand auf die Geflüchtete Djamile (Eye Haidara), die aus dem Kongo stammt. Zwar hat sie das Meer überlebte, aber nun muss sie sich gegen kriminelle „Helfer“ und Thomas ablehnenden Vater (Hans-Jochen Wagner) wehren. Im komplett untertitelten Film „Die Flucht“ (Montag, 16. Juli, 0.10 Uhr) von Kenan Kavut kommt ein geflüchteter Syrer (Ali Suliman) einer einsamen türkischen Bäuerin (Jale Arikan) näher. Man verständigt sich mit Händen und Füßen. Grundlegend menschliche Bedürfnisse brauchen keine Sprache.

Damit Filme über Flucht funktionieren und eben keine Abwehrreflexe auslösen, müssen sie vor allem spannende Geschichten von Menschen erzählen, findet auch Jakob Preuss. „Als ich 'Paul' 2017 fertigstellte und im Herbst einen Kinostart anpeilte, hatte der Verleih große Schwierigkeiten, den Film unterzubringen. Die Kinos wollten nicht noch einen Flüchtlingsfilm ins Programm nehmen. Als sie dann merkten, dass mein Film anders und besser funktioniert, kam es doch noch zu einer ganzen Reihe Einzelveranstaltungen und einem guten Medienecho.“

Preuss zeigt seinen Film aber auch vor Schülern, in Ministerien wie dem Auswärtigen Amt, in politischen Stiftungen und auch im Bundestag. „Es gab dort kaum jemanden, der nicht gesagt hätte: Jemand wie Paul hat eine Chance verdient. Und das freut mich, denn es ist eine wichtige Debatte bei uns, was man mit Menschen macht, die kein Asyl bekommen, aber alles tun, um sich zu integrieren.“

Paul lebt heute übrigens in Jakob Preuss' altem Kinderzimmer in Berlin, bei den Eltern des Filmemachers. Abgeschoben werden soll er - nach jahrelanger Flucht - trotzdem. Weil er nicht die formalen Kriterien der Asylgesetze erfüllt. So ergeht es übrigens auch der Moldawierin in „Geschwister“. Dass Menschen über Jahre ihr Leben riskieren und alles hinter sich lassen, weil sie an einem anderen Ort leben wollen - juristisch ist dieses menschliche Bedürfnis offenbar schwer zu erfassen. Die vier Fluchtfilme im ZDF machen es hingegen so transparent, dass man keine Paragrafen oder Leitartikel mehr fürs Verständnis braucht.

teleschau

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