Fernsehkult mit Bembel

Vor genau 60 Jahren zum ersten Mal ausgestrahlt: Heinz Schenks Show „Zum blauen Bock“

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Heinz Schenk bei der 200. Sendung „Zum Blauen Bock“ - der HR wiederholte das historische Show-Juwel in den vergangenen Jahren das ein oder andere Mal.

Heinz Schenk, der 2014 im Alter von 89 Jahren verstarb, bleibt das ewige Humorrätsel deutscher Fernsehunterhaltung. Seine Sendung „Zum Blauen Bock“ ging am 3. August vor 60 Jahren zum ersten Mal über den Äther.

Vor Heimspielen der Frankfurter Eintracht weht es immer noch durchs weite Rund: „Unser David Bowie heißt Heinz Schenk“. Die Zeile stammt aus der inoffiziellen Landeshymne „Die Hesse komme“ der Band Rodgau Monotones. Auch wenn Leben und Werk des am 1. Mai 2014 mit 89 Jahren verstorbenen Showmasters, Sängers und Schauspielers auf den ersten Blick nicht ganz so schillernd daherkommen wie die Vita des englischen Pop-Superhelden - Heinz Schenk bleibt in der Erinnerung ein bemerkenswert skurriler Findling deutscher Fernsehunterhaltung. Groß wurde der Entertainer mit einer TV-Show, die am 3. August 1957, also vor genau 60 Jahren, erstmals auf Sendung ging und bis 1987 über insgesamt 208 Folgen Fernsehgeschichte schrieb: „Zum Blauen Bock“ war für die Funkausstellung 1957 in Frankfurt am Main konzipiert worden. Der Vorschlag, eine Äppelwoi-Gaststätte nachzubilden, kam dabei vom Intendanten des Hessischen Rundfunks, Eberhard Beckmann, wie in echten „Äppelwoi“-Gaststätten wurde auch in der TV-Kulisse ordentlich gebechert. Legendär: Wer bei Heinz Schenk auftrat, bekam einen blaugrauen Steinkrug, den „Bembel“, zum Dank und als Erinnerung überreicht.

Wenn heute über die guten, alten Fernsehtage gesprochen und das Fernsehen von damals als „Lagerfeuer“ verklärt wird, wird dieses Kultformat viel zu oft unterschlagen. Der „Blaue Bock“ hatte eben weder den Glamour von Produktionen wie „Einer wird gewinnen“ oder „Wetten, dass ..?“ noch die fiebrige Spannung von „Am laufenden Band“. Aber die durch und durch bodenständige Sendung, durch die von 1957 bis 1966 zunächst noch in Schwarzweiß ausgestrahlt Otto Höpfner geführt hatte, traf mit ihrem trotzigen, oft auch aufgesetzt und bräsig wirkenden Witz offenbar exakt die Humorlust der Generation Wiederaufbau. Lange bevor ein Karl Moik den „Musikanstadl“ auf die Menschheit losließ, saß also schon ein feierlustiges Saalpublikum in einer gigantischen, verkitschten TV-Kulisse auf Bierbänken und an Holztischen, um feucht-fröhlich zur Musik zu schunkeln und über an Büttenreden gemahnende Sketche zu lachen.

Früher schauten bis zu 20 Millionen Menschen zu. In der Zeit, als „Oberkellner“ Heinz Schenk die TV-Wirtschaft „Zum Blauen Bock“ übernahm und das Farbfernsehen kam, stellte sich ein Zuschauer-Hype ein, der in diesem Ausmaß nie mehr zu erleben sein wird. Ein wesentlicher Faktor des Erfolges war eben auch der Moderator. Heinz Schenk, der stets wie der sonst gestrenge Oberlehrer in Feierlaune wirkte, war die kongeniale Besetzung. Obwohl der gelernte Teppichverkäufer, Schauspieler (Privatunterricht) und Büttenredner (Debüt mit 15 Jahren) eigentlich nur Gastgeber jenes deutschen Fernseh-Fossils war, drückte er der Show des Hessischen Rundfunks schnell sein Markenzeichen auf: die furchtlose Vielseitigkeit.

Zwischen den Stars aus Schlager, Volksmusik und Operette (ja, auch die gab es im Fernsehen), sang Schenk mit mutig untalentierter Stimme seine selbst getexteten Schlager, führte trockene Sketche oder gallig-spröde Stand-up-Nummern auf, parlierte dazu mit den örtlichen Honoratioren im Publikum. Von denen gab es stets eine Menge, denn viele hessische Gemeinden trieben den Bau ihrer Mehrzweckhalle extra deshalb schnell voran, damit eines nahen Tages Heinz Schenks TV-Glitzerwelt vorbeischauen möge. „Der Blaue Bock“ - damals ein revolutionär neues Fernsehkonzept - wurde „on the road“ irgendwo in Hessen, später auch in Mainfranken und anderen einschlägigen Regionen produziert.

Äppelwoi-selige Publikumsnähe war garantiert, der Aufzeichnungsort befand sich in wochenlangem Ausnahmezustand. Überhaupt wusste man beim „Blauen Bock“ zu feiern. In den späten 60-ern und 70-ern, als das männliche Publikum einer TV-Sendung noch Hornbrille zum Anzug und Schnäpse zur ständig qualmenden Zigarette hatte, war Heinz Schenks Show Soundtrack und Grundrauschen einer konservativen Partykultur. Damals wurde in den Wohnzimmern und ersten Partykellern der wiederaufgebauten Republik geklatscht und geschunkelt, vor allem aber ungesund gelebt. „Im 'Blauen Bock' beim Äppelwoi ...“ - Tatsächlich jedes Kind kannte damals die Titelmelodie und sah den ausgelassenen Erwachsenen im Fernsehen beim durchaus auch offenen Trinkgeklage zu. Warum auch nicht, möchte man hinterherschicken. Die Begriffe „Helikoptereltern“ und „Political Correctness“ gab es nicht im Sprachgebrauch der Nachkriegsdeutschen.

Ebenfalls unvergessen und in der fünften Jahreszeit noch immer gern gehört: „Heut' ist Karneval in Knieritz an der Knatter!“ - Wann immer der Refrain des Gassenhauers ertönt, sieht man dazu das fröhliche Gesicht Ernst Hilbichs vor sich, der den närrischen Schlager immer wieder neu in Heinz Schenks „Blauen Bock“ interpretierte. „Ich habe dem vorzüglichen Heinz Schenk sehr, sehr viel zu verdanken, und die vielen Wiederholungen beweisen auch heute noch, wie genial und wie fleißig er war und noch ist. Ich mag ihn sehr“, sagte der heute 86-jährige Komödiant Hilbich im Interview zu seinem 80.

Ebenfalls nicht zu unterschlagen sind Lia Wöhr, die als Wirtin und auch Produzentin der Sendung fungierte, und der „Assistent“ Reno Nonsens. Aber natürlich kulminiert alles, was mit diesem Stück TV-Geschichte zu tun hat, um Heinz Schenk. Der Hesse, der Anfang der 50-er zuerst beim Hörfunk des HR als Moderator Fuß fasste, war einer jener Showmaster, die man sich heute nicht mehr vorstellen kann. Klein, gedrungen und mit schief grimmigem Lächeln, der Anti-Kai-Pflaume. 1996, als der betagte Fernsehmacher mit der Show „Fröhlich eingeSchenkt“ ein anachronistisch-quotenstarkes Comeback feierte, nahm ihn das Magazin der „Zeit“ aufs Cover unter dem Titel „Der Letzte seiner Art“ („Er macht Fernsehen von gestern, deshalb wird er so geliebt“).

In der Tat erweiterte und persiflierte Schenk den Kult um seine Person bis ins fortgeschrittene Alter. 1993 mit der Rolle des schmierig-desolaten Showmasters Heinz Wäscher in der Hape-Kerkeling-Kultsatire „Kein Pardon“ (aus ihr stammt das berühmte Zitat „Ich kann so nicht arbeiten!“ im schenkschen Idiom) oder auf der Bühne des Frankfurter Volkstheaters in der hessischen Adaption von Molières „Der Geizige“. Der reife Schenk, ein Volksschauspieler vor dem Herrn, verkörperte mit Vorliebe grantige alte Männer in Fernsehfilmen und TV-Serien der 80-er und frühen 90-er - so zum Beispiel 1988 in Dieter Wedels Mehrteiler „Wilder Westen inklusive“.

Seine Karriere, erinnerte sich Schenk einmal in einem Interview, verdanke er vor allem zwei Menschen: zum einen dem verstorbenen HR-Programmdirektor Hans-Otto Grünefeldt. „Er hat mich entdeckt und mir die Chance gegeben, den 'Blauen Bock' zu moderieren.“ Und zum anderen seiner Frau Gerti: „Wir haben immer versucht, Beruf und Privatleben strikt zu trennen. Trotzdem ist sie meine härteste und ehrlichste Kritikerin. Sachlich und ohne Lobhudeleien.“ Und noch jemanden vergaß Heinz Schenk nie zu erwähnen: sein Publikum. „Man kann es natürlich nicht allen recht machen“, bilanzierte er einmal rückblickend. „Aber ich hoffe, die Menschen haben gespürt, dass ich es ehrlich gemeint habe, dass ich menschlich geblieben bin und dass ich sie nicht belüge.“ Seine Gerti, eine gelernte Friseurin, mit der er seit 1951 verheiratet war, starb ein halbes Jahr vor ihm: im Alter von 85 Jahren am 4. Dezember 2013 zu Hause in Wiesbaden.

teleschau

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