„Radikalisiert“

Vom Hass im Netz zum Attentat: Gefährden Online-Medien die Demokratie?

Autor und Netzexperte Sascha Lobo lädt zur Diskussion „Radikalisiert“.
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Autor und Netzexperte Sascha Lobo lädt zur Diskussion „Radikalisiert“.

Viele junge Extremisten ziehen ihre Ideologie aus dem Internet. Sascha Lobo geht in seiner ZDFneo-Dokumentation „Radikalisiert“ deshalb der Frage nach: Wie gefährlich sind soziale Medien und Netz-Hass für die Demokratie?

Vor zehn Jahren noch galt Sascha Lobo, bisweilen „Internet-Vordenker“ genannt, als einer der glühendsten Fürsprecher der grenzenlosen Freiheit im Netz. Als Online-Optimist verteidigte er die Ansicht, die Crowd könne durch Schwarmintelligenz letztlich zu einer besseren Gesellschaft beitragen. Heute weiß es Lobo besser - die Rede von der Befreiung des Menschen durch das Internet würde heute wohl kaum noch jemand vertreten. Schließlich scheint das Gegenteil der Fall: Hassrede und Beleidigungen rassistischer, sexistischer, antisemitischer und sonstiger Art gehören in den sozialen Medien zum Alltag; Verschwörungstheorien und Aufrufe zum Mord kursieren en masse im Netz. Nicht zuletzt werden viele junge Extremisten erst online radikalisiert - auch der Attentäter von Halle bezog sein autoritäres menschenverachtendes Weltbild vor allem aus Online-Foren und -Gruppen.

Für ZDFneo widmet sich Sascha Lobo nun nach seinem ersten Film „Manipuliert“ diesem Phänomen und fragt: Wie gefährlich sind die sozialen Medien sowie die ungeprüfte Informationsverbreitung im Internet für die westlichen Demokratien? In seinem einstündigen Format „Radikalisiert“ (Donnerstag, 24. Oktober, 23 Uhr) erkundet der Autor und Blogger die ideologischen und psychologischen Grundlagen antidemokratischer Entwicklungen im Netz - und befragt dazu unterschiedliche Gäste. Die erschreckende Beobachtung, die Lobo als These formuliert, lautet: Begünstigt durch Alogrithmen, die auf Nutzerverhalten Einfluss nehmen, tragen die sozialen Medien dazu bei, demokratische Grundprinzipien zu zerstören - sprich: Rechtsstaatlichkeit, Schutz von Mindeheiten, Kompromissfindung.

Vielmehr gefördert werden im Netz Ausgrenzung und Betonung des Eigenen, ebenso wie autoritäre und autokratische Tendenzen. Die Folge für die Debattenkultur: Wer sich stärker gibt, gewinnt - es geht nicht mehr um Diskussion und Lösungsfindung, sondern um die Dominanz des eigenen Standpunkts. Kein Wunder also, dass das Internet voller Populisten zu sein scheint. Die wiederum schaffen die Basis für Radikalisierung im Netz - etwas, das Lobo für eine der größten Bedrohungen der westlichen Demokratie hält. „Ich glaube, dass die liberale Demokratie ihre eigene Stärke wieder neu finden muss, die Zivilgesellschaft“, sagt der 44-Jährige. Das sei „insbesondere bei der digitalen Vernetzung und der Kommunikation, die damit möglich ist, umso schwerer geworden“.

Schleichende Radikalisierung

„Vor Radikalisierung ist keiner gefeit - denn sie beginnt schleichend“, heißt es in der Sendung, die in drei Kapiteln die Grundlagen für diese Entwicklung thematisiert - und anschließend Lösungsansätze diskutiert. Wie radikalisieren sich Personen? Wie anfällig sind wir selbst dafür? Im Gespräch mit Experten und Publikum sowie anhand von Experimenten will sich Lobo derlei Fragen nähern. Eine wichtige Rolle spielen als Basis der Radikalisierung vor allem die Verschwörungstheorien und Wahrheitsmanipulationen im Netz, mit denen sich YouTuber Rayk Anders ausführlich beschäftigt hat - von Chemtrails bis zu Impfgegnerschaft.

Lobo weiß: „Verschwörungstheoretiker fangen an, diese Verschwörungstheorie als Teil ihrer Persönlichkeit zu begreifen. Und deshalb ist es auch so schwierig, ihnen mit Fakten zu begegnen.“ Und, so heißt es in der Sendung: „Verschwörung führt zu Hass.“

Zu Wort kommen auch Dr. Catarina Katzer und Günter Bressau, die aufzeigen, wie Shitstorms und Hate Speech im Netz funktionieren. Durch Hetze und Gewaltphantasien, und ohne digitale Empathie, so der Ansatz, ändern sich die moralischen Auffassungen von Usern - was auch in der realen Welt vieles spürbar verändert. Darüber spricht Lobo schließlich mit Stephanie Wittschier, einer Aussteigerin aus der Verschwörungs-Szene. Am Ende der interaktiven und vielschichtigen Sendung wird klar: Egal ob Rechtsradikalismus oder Islamismus - die Dynamik, die von kontruierten Online-Weltbildern über schnelle Radikalisierung letztlich zu Attentaten wie in Christchurch oder Halle führt, kann nicht länger als abseitiges Netz-Phänomen abgetan werden.

Geplant ist laut ZDFneo, in Sascha Lobos Format zukünftig „im regelmäßigen Turnus wichtige netz- und gesellschaftspolitische Fragen zu behandeln“. Eine gute Idee.

teleschau

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