Das BR-Fernsehen zeigt die Oscar-Doku "Citizenfour" (12.04., 22.30 Uhr)

Vom guten Gefühl, die Demokratie zu verteidigen

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"Der Film zeigt der Welt, wer dieser junge Mann wirklich ist": Acht Tage lang sprach der ehemalige NSA-Mitarbeiter Edward Snowden über die Überwachungspraxis des Geheimdienstes.

"Citizenfour" erzählt die Geschichte des aufregendsten Stücks investigativem Journalismus der letzten zehn Jahre. Der Dokumentarfilm, der spannender ist, als mancher Thriller, wird am Dienstag, 12. April, 22.30 Uhr, im BR-Fernsehen ausgestrahlt. Im Interview spricht der deutsche Produzent Dirk Wilutzky über das oscarprämierte Werk.

"Laura, im Moment kann ich Ihnen nur mein Wort geben. Ich bin ein hochrangiger Angestellter im Geheimdienstbereich ... " - Mit diesen Worten begann im Januar 2013 die erste verschlüsselte E-Mail, die die US-amerikanische Dokumentarfilmregisseurin Laura Poitras von einem Unbekannten erhielt, der sich "Citizen Four" nannte und ihr hochbrisante Insider-Information über Abhörpraktiken der NSA und anderer Geheimdienste ankündigte. Poitras arbeitete bereits seit mehreren Jahren an einem Film über Abhörprogramme in den USA, es war der dritte Teil einer Trilogie über Amerika nach 9/11, und sie biss an. Im Juni 2013 flog sie mit dem Journalisten Glenn Greenwald sowie dem Geheimdienstreporter des "Guardian" Ewen MacAskill nach Hongkong zum ersten Treffen mit dem Unbekannten, der sich als Edward Snowden zu erkennen gab. Die in den folgenden Tagen in Snowdens Hotelzimmer entstandenen Aufnahmen bilden den Kern des in Berlin produzierten Films "Citizenfour", der mit dem Oscar 2015 als beste Dokumentation ausgezeichnet wurde und am Dienstag, 12. April, 22.30 Uhr, im BR-Fernsehen gezeigt wird. Für den Produzenten Dirk Wilutzky, der gemeinsam mit seiner Frau Mathilde Bonnefoy und Laura Poitras für die Produktion verantwortlich zeichnet, war "Citizenfour" ein in jeder Hinsicht besonderer Film, wie er im Interview sagt, das wir anlässlich der ARD-Premiere von "Citizenfour" im vergangenen Herbst führten.

teleschau: Wo steht Ihr Oscar, Herr Wilutzky?

Dirk Wilutzky: Zu Hause im Schrank. Der Oscar bedeutet mir neben den vielen Preisen, die wir für "Citizenfour" erhielten, besonders viel, denn er belegt, dass sich auch die eigentlich Obama unterstützende Community in Hollywood offiziell hinter Edward Snowden stellt. Das hatten wir nicht erwartet. Aber abgesehen davon und abgesehen von der politischen Botschaft: Wir verstehen den Oscar auch als Anerkennung für die Qualität des Werkes.

teleschau: Wie war der Moment bei der Verleihung?

Wilutzky: Ziemlich emotional. Es war sehr seltsam, dass wir inmitten dieser spektakulären Glamourveranstaltung herumstanden und Interviews über die Bedrohung unserer Demokratie durch die amerikanische Regierung und die Geheimdienste weltweit geben mussten. Und wir hatten sogar das Gefühl, Gehör zu finden. Surreal, aber auf alle Fälle soziologisch sehr interessant.

teleschau: "Citizenfour" ist die Geschichte des aufregendsten Stücks investigativem Journalismus der letzten zehn Jahre. Hat Ihnen die Größe des Projekts nie Angst gemacht?

Wilutzky: Aufregend war es zu jeder Zeit, aber immerhin leben wir in Deutschland, und hier ist die Arbeit von Journalisten und Dokumentarfilmemachern immer noch einigermaßen gesichert. Wir wussten, dass wir trotzdem unter akuter Beobachtung der NSA und vielleicht anderer Geheimdienste standen. Wir haben die Risiken und die Ungewissheit, die das mit sich bringt, gerne in Kauf genommen. Meine Frau, Mathilde Bonnefoy, und ich sind als Filmemacher seit Jahren mit Themen beschäftigt, die sich konsequent mit einer würdevolleren und gerechteren Zukunft der Menschheit beschäftigen. Dazu gehört, dass man heutzutage auf viele Dinge aufmerksam machen muss, die von anderen Interessengruppen lieber im Unklaren gelassen würden. Man muss Risiken eingehen, wenn man engagierte, aufklärerische Dokumentarfilme machen will. Aber natürlich hätten wir nie gedacht, dass wir uns einmal in dieser Art mit den Geheimdiensten anlegen würden.

teleschau: Wann wurde Ihnen die Dimension bewusst?

Wilutzky: Als Laura aus Hongkong zurückkam und wir sahen, dass das Ganze offensichtlich doch größer und heikler und womöglich gefährlicher werden könnte, als wir angenommen hatten. Sie fragte uns ganz direkt, ob wir wirklich weitermachen wollen. Aber natürlich gab es für uns kein Zurück mehr.

teleschau: Weil Sie das Fieber schon gepackt hatte?

Wilutzky: Nein, eher aus Verantwortungsgefühl. Wir sind eigentlich die ganze Zeit sehr kühl und fokussiert geblieben. Wir produzierten den Film so wie es ging unter dem Radar, also unter dem Hauptaugenmerk der Geheimhaltung, damit wir nicht zu viel Aufmerksamkeit auf uns ziehen würden. Und wir hatten uns in dieser Zeit auch mit vielen juristischen Fragen auseinanderzusetzen. Ständig galt es, Recherchen und Informationen zu verifizieren und rechtlich abzuklopfen - da war für Fieber keine Zeit. Wir brauchten einen kühlen Kopf. Niemand sollte zu früh von der Produktion wissen, weil wir Sorgen hatten, dass unser Film noch vor der Veröffentlichung angegriffen werden könnte - vor allem von der amerikanischen Regierung. Der erste große Moment der Aufregung kam am 10. Oktober 2014.

teleschau: Bei der internationalen Premiere beim New York Film Festival?

Wilutzky: Ja. Da sahen auf einmal einige Hundert Menschen den Film mit uns, den wir vorher so geheim gehalten hatten, dass ihn eigentlich nur Laura, Mathilde und ich vollständig kannten. Es war schon ein sehr merkwürdiges, "verbotenes" Gefühl, den Film auf einmal mit so vielen Menschen zusammen anzuschauen. Und es war dann wirklich ein großer Moment, als wir sahen, wie begeistert der Film aufgenommen wurde! Es gab zehn Minuten lang Standing Ovations. Danach war wirklich nichts mehr wie vorher für uns.

teleschau: Was hat Ihrer Meinung nach derart für Furore gesorgt?

Wilutzky: Snowden selbst. Der Film versucht nicht, neue journalistische Enthüllungen kundzugeben. Die meisten faktischen Informationen, die enthalten sind, waren über verschiedene Beiträge von Glenn Greenwald und anderen Journalisten bereits publiziert. Der Film zeigt der Welt, wer dieser junge Mann wirklich ist. Danach konnte es an seiner Aufrichtigkeit und moralischen Reputation keinen Zweifel mehr geben. Der Film, den bis dahin niemand gesehen hatte, veränderte die Wahrnehmung von Edward Snowden als Whistleblower mit einem Schlag. Natürlich war der amerikanischen Regierung daran nicht gerade gelegen. Aber in den USA lief "Citizenfour" entsprechend stark.

teleschau: Gab es nach der Premiere noch Versuche, den Film zu stoppen?

Wilutzky: Nein. Dafür hatte der rauschende Auftakt in New York gesorgt. Durch die starke öffentliche Wahrnehmung waren wir unangreifbar geworden. Aber es wurden uns auch zahlreiche Geschichten zugetragen, dass so mancher Politiker, der Snowden zuvor für einen Verräter gehalten hatte, nach Ansicht des Films seine Meinung revidierte. Das Beste, was man mit einem Dokumentarfilm erreichen kann.

teleschau: Haben Sie Edward Snowden persönlich kennengelernt?

Wilutzky: Nicht ich, aber meine Frau. Sie flog am Ende des Schnittes mit Laura Poitras nach Moskau, um ihm an einem geheimen Ort den Film vorzuführen. Das ist ein heikler Moment, wenn man einen Film dem Protagonisten zum ersten Mal zeigt. Es besteht immer die Sorge, ob sich der Protagonist richtig verstanden und dargestellt fühlt.

teleschau: Wie hat er reagiert?

Wilutzky: Er hat während des Anschauens geschwiegen und sich die ganze Zeit Notizen gemacht ... Aber am Ende war er begeistert. Wobei er überrascht war von der Größe des Projektes und von der Tatsache, dass er nun ein Held in einem Kinofilm geworden war. Er hatte sich das wohl etwas kleiner vorgestellt.

teleschau: Wieso hatte er sich so viele Notizen gemacht?

Wilutzky: Das waren technische Anmerkungen - ihm ging es um Fragen zur Sicherheit: etwa, ob Geheimdienste anhand einer kurzen Einstellung auf seine auf die Laptoptastatur schreibenden Finger oder auch am Ton des Tastenanschlags herausfinden können, mit welchem Text oder Dokument er sich gerade beschäftigt hat. Die Spezialisten der NSA können so etwas aus den kleinsten Details rekonstruieren. Aber wir haben unseren Film natürlich auch nach diesem Gesichtspunkt sorgfältig abgesichert.

teleschau: Es fällt auf, wie entspannt und gefasst Snowden mit seiner Situation umgeht und wie klar er zumindest beim tagelangen Interview im Hotelbett in Hongkong war.

Wilutzky: Ja, erstaunlich. Aber er ist nun einmal offensichtlich ein außergewöhnlicher junger Mann. Er wusste, was er tut, und hatte das alles James-Bond-mäßig durchgeplant - bis zu dem Moment, an dem das Treffen in Hongkong zur Übergabe des Materials vorüber war. Ab diesem Moment hatte er keinen Plan mehr, und man sieht im Film auch, wie er immer nervöser wird. Snowden ging davon aus, dass er es ohnehin nicht weiter schaffen und dass man ihn verhaften würde, oder schlimmer. Deshalb hatte er über eine mögliche Flucht gar nicht erst nachgedacht. Es spielte keine Rolle. Es ging ihm nie um sich selbst.

teleschau: Der Mann ist ein Held, oder?

Wilutzky: Ja, mir fällt kein treffenderes Wort ein. Nicht nur wegen der Enthüllungen über die illegale Massenüberwachung durch die Geheimdienste. Sondern weil sein Einfluss über die Frage des Umgangs mit Daten im Zeitalter des Internets hinausreicht: Unser Film, seine Geschichte, ist ein wichtiger Fingerzeig für unsere heutige Gesellschaft, in der man sich gerne über alles Mögliche zwar aufregt, aber kaum jemand die Initiative ergreift. Und dass die Politiker oder die Wirtschaftsmächtigen irgendetwas zum Besseren drehen, glaubt angesichts der gewaltigen Probleme, die vor uns liegen, sowieso keiner mehr.

teleschau: Und Edward Snowden macht Ihnen Hoffnung?

Wilutzky: Ja. Er war damals 29 Jahre alt. Er gehört einer Generation an, die mit humanistischen und demokratischen Werten aufgewachsen ist, und er hat sich vorgenommen, diese zu verteidigen. Er hat gesagt: "Mir reicht es, ich will nicht, dass diese Werte zerstört werden, nur weil sich die Wirtschaft, die Politik und die Technologie in eine bestimmte Richtung entwickeln." Ich habe selbst eine 22-jährige Tochter, und ich weiß, auch sie fühlt sich nicht wohl in dieser Welt. Sie macht sich Sorgen, hat aber, wie so viele, immer wieder das Gefühl, dass der oder die Einzelne sowieso nichts ändern kann. Snowden hat in außerordentlicher Weise gezeigt, dass der Einzelne sehr wohl etwas tun kann. Für mich personifiziert er die Hoffnung, dass da eine Generation ist, die diese Demokratie noch nicht aufgegeben hat und die bereit ist, dafür auch unter persönlicher Gefahr einzustehen. Das ist die Botschaft des Films.

teleschau: Eines Films, der auch ein Lehrstück dafür ist, wie wichtig ein funktionierender, unabhängiger Journalismus für den Fortbestand der Demokratie ist.

Wilutzky: Richtig, das ist das zweite große Thema. Was den Journalismus angeht, haben wir in Deutschland noch Glück. In anderen Ländern, in Frankreich, in England, aber auch in den USA, ist die Situation verheerend. Da werden bereits die meisten Redaktionen von privaten Eigentümern, von Konzernen geleitet. Dort wird in die journalistische Freiheit eingegriffen, wenn es bestimmten Interessen dient. Auch ein Grund, dass wir den Film in Berlin produziert haben. Es ist wichtig, solche Zusammenhänge immer wieder klarzumachen. Es steht einiges auf dem Spiel.

teleschau: Der Bundestag hat 2015 die Vorratsdatenspeicherung beschlossen.

Wilutzky: Und als ob das nicht beschämend genug wäre, enthält das Gesetz noch einen Zusatz, der für Journalisten den Umgang mit geleaktem Material möglicherweise unter Strafe stellt. Ohne Worte! - Das war dann wohl die einzige wirklich konkrete Reaktion der Regierung in Deutschland, unserer politischen Elite, auf all das, was Snowden angestoßen hat. Wobei, da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen, vielleicht kann man wenigstens das aufhalten. Aber ich will nicht nur verurteilen. Den NSA-Untersuchungsausschuss, den unsere Regierung einberief, fand ich am Anfang geradezu vorbildlich. Aber dann merkt man leider, dass all das nichts gebracht hat, und ist enttäuscht, weil es wohl anscheinend doch nur Augenwischerei war.

teleschau: Verstehen Sie die Intention der Politik?

Wiluztky: Natürlich: Die Regierung will sich auf die Herausforderungen einer immer instabiler werdenden Welt vorbereiten. Aber wer versucht, Stabilität und Ordnung durch totalitäre Maßnahmen aufrechtzuerhalten, tut genau das Falsche. Wir dürfen nicht aus diffusen Ängsten die wichtigsten Werte unserer Demokratie selbst zerstören. Das ist doch genau das, was Terroristen wollen.

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