Brisanter Stoff: Der Dokumentarfilm "Ein Hells Angel - Unter Brüdern" (Mittwoch, 13. April, 22.15 Uhr, ARTE)

Der gute Rocker

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On the road again: Lutz Schelhorn und das Charter Hof City.

Unter Rockern: Marcel Wehns sehenswerter Dokumentarfilm blickt hinter die Kulissen der Stuttgarter Hells Angels.

Was die Akzeptanz in der Gesellschaft angeht, hat Lutz Schelhorn keine Illusionen: "Für die Öffentlichkeit sind Rocker Kriminelle. Punkt!" Aber, so schießt der Mann, über den Wikipedia verrät, er sei "ein deutscher Fotograf" und "außerdem Präsident der Stuttgarter Hells Angels", nach, vielleicht könne er "ein bisschen dazu beitragen, das aufzulösen". Marcel Wehns spielfilmlanger Dokumentarfilm "Ein Hells Angel - Unter Brüdern" (2014) feierte im vergangenen Jahr auf Festivals und im Programmkino einige Erfolge, spaltet jedoch die Kritik wie kaum je eine andere deutsche Doku. Am Mittwoch, 13. April, 22.15 Uhr, wird der Beitrag bei ARTE erstmals im TV ausgestrahlt. Wehn porträtiert Schelhorn und sein Stuttgarter "Charter". Das ist per se schon ein Ereignis. Denn die Mitglieder der umstrittenen und immer wieder für Negativ-Schlagzeilen sorgenden Hells Angels, sie werden mit Waffen, Drogen, Menschenhandel und Mord in Verbindung gebracht, lassen sich für gewöhnlich nicht in die Karten schauen.

Um es vorwegzunehmen: Marcel Wehn bietet Schelhorn und seinen Hells Angels ein veritables Forum, indem er das Selbstbild der Rocker transportiert und weitgehend unkommentiert für sich sprechen lässt. Dennoch wird hier mitnichten PR für einen selbsterklärten Outlaw und eine gesellschaftlich geächtete und juristisch mindestens fragwürdige Vereinigung betrieben. Der Film ist objektiv und kritisch, wobei der Umgang mit seinen Protagonisten jederzeit fair bleibt. Marcel Wehn klagt nicht an, aber er verklärt auch nichts. Er wirbt auch nicht um Verständnis, die Perspektive bleibt neutral. Der Dokumentarfilmer liefert kurzum saubere Arbeit ab. Und doch, oder gerade deshalb, irritiert sein Werk, denn man wird, salopp gesagt, einfach nicht schlau aus diesem Verein.

Am Anfang ist natürlich erst mal das Klischee. Charter-Boss Schelhorn ist so etwas wie ein Rocker aus dem Bilderbuch. Oder aus der Fernsehserie: Der grauhaarige Hüne mit den ehrlichen Augen und dem entschlossenen Blick wirkt in seiner Kutte tatsächlich wie einer dieser MC-Prototypen, die Fans aus der gewiss nicht umsonst sehr erfolgreichen US-Saga "Sons Of Anarchy" kennen. Ein Macher. Ein Familienmensch. Ein Beschützer. Eine ehrliche Haut. Ein harter Typ mit Herz.

Der Mann, der betont, dass er im Film nicht für alle Hells-Angels-Mitglieder, sondern nur für sich und seinen Stuttgarter Club spricht, macht einen aufgeräumten und reflektierten Eindruck. "Womit verdienst du dein Geld?", lautet eine der ersten Fragen, die ihm gestellt werden, und er verweist trocken auf seine Arbeit, die Fotografie, mit der er eben auch "dem Club ein Gesicht geben" wolle.

"Sein Club", das ist das älteste Charter Deutschlands, vor über 30 Jahren von Schelhorn selbst mitgegründet. Man merkt durchaus, dass es ihm und seinen Mitstreitern auch um einen gewissen nostalgischen Ansatz geht. Der Blick geht oft zurück. Doch vor allem wird in all den Gesprächen und Begegnungen vor Marcel Wehns Kamera eines klar: "Den Rocker" gibt es nicht. Jeder Jeck ist anders. Und längst nicht jeder scheint so integer, wie der Fotokünstler Schelhorn. Seine Werke wurden bereits vielfach ausgestellt, er veröffentlichte zahlreiche Fotobände. Aufmerksam auf ihn wurde Marcel Wehn im Dezember 2008 durch einen Zeitungsartikel über ein Fotoprojekt Lutz Schelhorns zum Thema Judendeportationen. "Das Bild eines sozial engagierten Künstlers passte zunächst so gar nicht zu den üblichen Medienberichten über die Rocker", heißt es im Begleittext von ARTE.

Wie der Rockerboss tickt, wurde dem Filmemacher gleich beim ersten Treffen bewusst: Völlig unerwartet starb am Tag des vereinbarten Treffens Schelhorns Bruder an einem Herzversagen. Schelhorn sagte den Termin dennoch nicht ab, sondern, so ARTE, "stand dem Projekt weiterhin erstaunlich positiv gegenüber".

Wehn arbeitete fünf Jahre lang an dem Prokekt, er baute Vertrauen auf, unterhielt sich mehrmals ausgiebig mit Schelhorn, recherchierte unter den Stuttgarter Hells Angels, traf sich mit Familienmitgliedern und Freunden, aber auch mit den fürs Milieu zuständigen Ermittlern, Juristen und Journalisten. Er spürte den Geschäften der Rocker nach und verfolgte Gerichtsprozesse, bei denen es mitunter eben auch um Kapitalverbrechen geht. Und am Ende ist er dabei, wenn die Rocker bei der rauschenden Jubiläumsparty im Hells-Angels-eigenen Club im wahrsten Sinne des Wortes die Puppen tanzen lassen. Denn natürlich geht es hier auch ums Feiern, um Sex und Frauen und um eine diffuse Halbwelt-Romantik. Auch ums Motorradfahren, ums Tätowieren und um Hardrock. Aber vor allem geht es um die eigene Interpretation von Begriffen wie Freiheit, Ehre, Respekt, Zusammenhalt und Brüderlichkeit. Marcel Wehn macht Züge einer Großfamilie aus. Schelhorn spricht irgendwann von "Ideologie". Doch wie sieht diese aus, und wie genau nimmt man es dabei mit dem Grenzverlauf zur Kriminalität?

Die Hells Angels bleiben dem Außenstehenden ein Rätsel. Zwangsläufig vermittelt der Film kein revolutionär anderes Bild, als jenes, das man gemeinhin von einer solchen subkulturellen Gemeinschaft hat. Andererseits wurden Hintergründe und Motive aus dem innersten einer regionalen Hells-Angels-Gruppe wohl noch nie derart intensiv und vorurteilsfrei beleuchtet. Man muss das alles nicht verstehen - aber vielleicht schafft es mancher jetzt, das Phänomen ein Stück weit zu tolerieren. Wie immer, wenn es um die unbequemen Strukturen am Rande unserer Gesellschaft geht, empfiehlt sich die differenzierte Auseinandersetzung mehr als die Abgrenzung. Hinzusehen ist sinnbringender als die Augen zu verschließen. Denn wie sagt ein Club-Angehöriger im Film so schön: "Uns gibt's seit Jahrzehnten, und wir werden auch nicht mehr weggehen."

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