So laufen die „Geisterspiele“

Nur gucken, nicht anfassen: Die Bundesliga steht vor dem Restart - und die Welt schaut zu

Die „Gelbe Wand“ ist außer Rand und Band. Wie wird es sich wohl anfühlen, wenn die Spieler von Borussia Dortmund nun vor leeren Rängen spielen - und das ausgerechnet im berühmtesten aller Derbys gegen Schalke 04. Am Samstagnachmittag sind alle schlauer.
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Die „Gelbe Wand“ ist außer Rand und Band. Wie wird es sich wohl anfühlen, wenn die Spieler von Borussia Dortmund nun vor leeren Rängen spielen - und das ausgerechnet im berühmtesten aller Derbys gegen Schalke 04. Am Samstagnachmittag sind alle schlauer.

Die Zahl ist ganz frisch: „62 Prozent plädieren jetzt für einen vorzeitigen Abbruch der Bundesliga-Saison“, vermeldet das ZDF im aktuellen „Politbarometer“ zur Stimmungslage der Nation. Der Druck, der über dem am Wochenende anstehenden Liga-Restart liegt, wird damit nicht kleiner. Hier sind alle Infos.

Nun rollt er wieder, der Ball. Ab Samstag, 16. Mai, wird in der Bundesliga und in der 2. Liga wieder Fußball gespielt. Nach rund zweimonatiger Zwangspause wegen der Corona-Pandemie sehen Spieler, Funktionäre und viele Fans dem sogenannten Restart gleichermaßen hoffnungsvoll, aber durchaus auch mit gemischten Gefühlen entgegen. Klar ist: Alle Beteiligten und die vielen Zehntausende, die gar nicht erst in die Stadien dürfen, müssen ihr Verhalten während des Spieltages umstellen. Die Frage ist: Ist das noch der selbe Sport, wenn alle Begegnungen als „Geisterspiele“ angesetzt sind? Jedenfalls gibt es Hygiene-Vorgaben ohne Ende, die in zum Teil skurril erscheinende Regeln münden. Ein Überblick.

Bevor am Samstag, 16. Mai, in der 2. Liga (13 Uhr, Sky) und in der Bundesliga (15.30 Uhr) der Ball nach rund zweimonatiger Corona-Zwangspause wieder rollt, hat der sogenannte Re-Start auch schon ein erstes Opfer gefunden. Heiko Herrlich, neuer Trainer des Bundesligisten FC Augsburg, hat gegen die Quarantäne-Vorschriften der Deutschen Fußball Liga (DFL) verstoßen. Im durchaus umstrittenen DFL-Konzept zur Fortsetzung des Spielbetriebs ist für die Klubs eine Quarantäne vorgeschrieben, die mindestens die letzten sieben Tage vor dem Re-Start der Liga umfassen sollte. Herrlich hatte das umfangreiche Papier wohl nicht ausreichend genau gelesen. Er verließ das Quarantäne-Hotel der Augsburger in Bobingen. Sein Ziel war ein Supermarkt in der Nähe. Der Trainer brauchte Zahnpasta und Hautcreme.

Ob nun aus Unwissenheit oder nicht: Wegen des kleinen Ausflugs wird Herrlich am Samstag beim Spiel gegen den VfL Wolfsburg nicht auf der Bank des FCA sitzen. „Ich habe einen Fehler gemacht, indem ich das Hotel verlassen habe. Auch wenn ich mich sowohl beim Verlassen des Hotels als auch sonst immer an alle Hygienemaßnahmen gehalten habe, kann ich dies nicht ungeschehen machen“, ließ Herrlich daraufhin verlauten. Doppelt bitter für den Trainer. Herrlich war erst im März als neuer Coach der Augsburger vorgestellt worden. Wegen der Corona-Krise hat er noch kein Pflichtspiel bestritten.

Milliardenpublikum erhofft

Der Fall Herrlich zeigt: Zum Wiederstart der Bundesliga müssen alle Beteiligten, Spieler wie Trainer und auch TV-Mitarbeiter, ihr Verhalten während der Partien umstellen. Es geht streng zu in der neuen Liga-Welt. Fehler wie ein Verstoß gegen die Quarantäne oder vielleicht schon ein groß in satten Bildern eingefangenes Bespucken eines Spielers werden nicht verziehen. Immerhin ist die Bundesliga weltweit die erste Top-Liga überhaupt, die nun den Spielbetrieb wieder aufnimmt.

Damit steht der Auftakt am Wochenende eindeutig im internationalen Schaufenster. Oder am weltweiten Pranger? - Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge etwa erwartet überbordende Beachtung. „Wenn die Bundesliga als einzige Liga rund um den Globus im TV übertragen wird, dann gehe ich davon aus, dass wir auf der ganzen Welt ein Milliardenpublikum haben werden“, sagte er jüngst in einem Interview.

Geisterspiele und Wohnzimmertreffen

Allerdings: Das mit dem Publikum ist so eine Sache für sich. Die Spiele, die in dieser Bundesliga-Saison noch ausgetragen werden, finden ohne Zuschauer im Stadion statt. Während der „Geisterspiele“ haben laut dem „Medizinischen Konzept“ der DFL die gastgebenden Klubs darauf zu achten, dass nur maximal etwa 300 Personen auf dem abgeriegelten Stadiongelände anwesend sind. Das sorgt für eine gewisse Sicherheit, könnte aber diverse ganz andere Probleme nach sich ziehen.

Wohin werden die zahlreichen nach Tor, Bier und Jubel dürstenden Fans wohl ausweichen? Ins Stadion können sie nicht, in die Fußball-Kneipe auch nicht. Zu Hause bleiben, ist nach wie vor die Devise - und der TV-Rechteinhaber hat bereits reagiert. Sky wird an den ersten beiden Spieltagen seine Samstagskonferenz der Bundesliga jeweils im frei empfangbaren Fernsehen bei Sky Sport News HD übertragen. Auch die Konferenz der Zweitligaspiele ist zweimal frei zugänglich zu sehen. Damit soll ein „Rudelgucken“ im Wohnzimmer eines Sky-Abonnenten verhindert werden. Die Einzelspiele wie etwa das Revier-Derby zwischen Borussia Dortmund und Schalke 04 an diesem Samstag laufen hingegen nur im Pay-TV. Als einmalige Aktion wird Sky auf Sky Sport Bundesliga 7 HD eine zusätzliche Übertragung des Revierderbys mit Fan-Kommentar anbieten.

Bloß nicht umarmen, bloß nicht spucken

Dass die Angst vor möglichen Ansteckungsgefahren bei Spielern oder Fans mitunter seltsame Blüten treibt, belegte zuletzt auch Katja Kipping. Der Vorsitzenden der Partei Die Linke geht das Angebot zweier frei empfangbarer Konferenzen bei Sky Sport News HD nicht weit genug. Die Politikerin forderte unlängst die Übertragung aller noch ausstehenden Bundesligaspiele im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Dieser Schritt sei notwendig, „um zu vermeiden, dass die Fußballfans sich auf engen Raum bei denen versammeln, die Sky abonniert haben“, erklärte Kipping in einem Interview.

Forderungen dieser Art gab es zuletzt diverse. Es ist eben eine völlig neue Situation, eine Herausforderung und gewiss auch ein nicht wegzudiskutierendes Wagnis, das alle Verantwortlichen eingehen. Für die Fakten sorgte zunächst einmal die DFL mit seinen Hygiene-Vorschriften zum Re-Start des Fußballs. Sie gelten gerade für die Spieler und dem Geschehen auf dem Platz. Als Änderungen oder eben Vorsichtsmaßnahmen sind unter anderem vorgesehen: Es gibt kein gemeinsames Einlaufen der Mannschaften und auch kein freundschaftliches Händeschütteln der Kapitäne bei der Platzwahl. Fällt ein Tor, sind Abklatschen und Umarmungen unerwünscht. Ein kurzer Ellenbogen- oder Fußkontakt muss bei vollem Adrenalin im Körper ausreichen. Bitte bloß nicht auf den Platz spucken. Und alle Personen auf der Bank müssen einen Sicherheitsabstand einhalten und Masken tragen.

Den Trainern wenigstens ist eine Ausnahme genehmigt. Sie dürfen den Nasen-Mund-Schutz zum Rufen von Anweisungen abnehmen. Wichtig dann aber ist, dass sie die so wichtige 1,5-Meter-Distanz zu weiteren Personen einhalten. RB Leipzig-Coach Julian Nagelsmann scherzte bereits, er werde zum Schreien eben kurz runterziehen, denn, so Nagelsmann: „Ich bin immer relativ am Eskalieren, das werd' ich auch diesmal machen.“ Er sei sich indes sicher, dass sich auch seine Spieler in Sachen Torjubel schon einiges überlegt haben.

Auch an die Balljungen - nur noch vier pro Spiel, bisher waren es zwölf - hat die DFL gedacht. Sie müssen mindestens 16 Jahre alt sein und einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Zudem haben sie sich regelmäßig die Hände zu desinfizieren. Auch die Spielbälle sollen vor und während des Spiels desinfiziert werden.

Fehlender „Lärm“

Wie die Wiederkehr der Bundesliga unter diesen doch recht sterilen Voraussetzungen zu einem Erfolg werden kann, steht noch offen. Bei „Geisterspielen“ lässt sich die sonst gewohnte Stadion-Atmosphäre eben nicht hineinzaubern. Wenn der Lärm und Krach von den Tribünen fehlt, stellt das auch einen Trainer wie Julian Nagelsmann vor ein Problem. Der Coach von RB Leipzig antwortete auf die Frage, ob er über die Außenmikrofone nunmehr besser zu hören sei: „Ich muss mich anständig benehmen und sehen, dass meine Aufreger gutmütiger stattfinden.“

Zumindest bei Sky hat man eine Lösung für die fehlende Lärmkulisse bei den „Geisterspielen“ womöglich gefunden. Kunden, die die Bundesliga über den SkyQ oder den Sky+-Receiver verfolgen, können eine neue zusätzliche Audio-Option wählen. Neben dem Live-Kommentator werden dort zum Spielgeschehen Fan-Gesänge der beteiligten Mannschaften und Publikumsreaktionen eingespielt.

Der Samstag bei Sky

Wie der gigantische Feldversuch ausgehen wird, ist völlig offen. Bei Sky haben sie auf jeden Fall voll auf den Modus „Zuversicht“ geschaltet. „Mit dem Restart der Bundesliga wird Sky durch verschiedene zusätzliche Neuerungen ein besonderes TV-Erlebnis präsentieren“, hieß es am Freitagvormittag in einer umfassenden Mitteilung.

Und so sieht der Samstag auf Sky im Detail aus: Ab 14 Uhr geht es mit Moderator Michael Leopold und Sky Experte Dietmar Hamann los. Sky überträgt insgesamt acht Begegnungen des 26. Spieltags live und exklusiv. Im Mittelpunkt steht am Nachmittag das Revierderby zwischen Borussia Dortmund und Schalke 04. Auf Sky Sport News HD meldet sich neuerdings Jörg Wontorra direkt nach dem Abpfiff der Bundesliga-Partien am Samstagnachmittag, um mit Gästen über die aktuellen Ereignisse zu diskutieren. Sky beschreibt das Ganze so: „Die Zuschauer werden unmittelbar nach dem Spielgeschehen in den Stadien mit kontroversen Meinungen, spannenden Diskussionen und frischen Stimmen von den Vereinen versorgt.“ Bei der Premierensendung begrüßt Wontorra den Journalisten Michael Makus („Bild“) und Sky Reporter Max Bielefeld. Zu den Schaltgästen gehören unter anderen Schalke-Boss Clemens Tönnies. Ab 17.30 Uhr berichten Sky Experte Lothar Matthäus und Sebastian Hellmann live vom „tipico Topspiel der Woche“, wenn in der Commerzbank-Arena Eintracht Frankfurt auf Borussia Mönchengladbach trifft.

Was sagen die Bundesbürger?

Das ZDF-Politbarometer hat sich aktuell auch wieder mit der Frage nach der Sinnhaftigkeit des Bundesliga-Restarts beschäftigt. Demnach finden inzwischen nur noch 27 Prozent das frühe Comeback der Profis gut. Letzte Woche waren es noch 32 Prozent. 62 Prozent plädieren jetzt für einen vorzeitigen Abbruch der Bundesliga-Saison (Vorwoche: 54 Prozent).

Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke stellt sich vehement gegen die Kritiker des Wiederanpfiffs: „Wenn Leute es kritisieren, dass du deinem Job wieder nachgehen willst, mit dem Argument, dass du eine Extrawurst haben willst, dann verstehe ich die innere Logik überhaupt nicht. Da ist man irgendwo auf zwei Ebenen unterwegs“, ließ er sich zitieren. „Es geht nicht so sehr nur darum, dass wir wieder unseren Sport treiben wollen, sondern der Sport ist unser Beruf, wir möchten gerne wieder arbeiten.“

teleschau

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